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Sachsen

Gärtnern wegen Greta?

Umweltschutz wird für Jugendliche immer wichtiger. Das steigende Interesse an Grünen Berufen zeigt sich am Wochenende auch auf der Berufsmesse Karrierestart.

Die Auszubildenden am BSZ für Agrarwirtschaft und Ernährung sehen Fridays for Future kritisch, aber ihren Grünen Beruf lernen sie mit Leidenschaft. Von links: Willi Häbold, Jessica Kröhne, Jasmin Heinze, Marie-Luise Otto und Vincent Keeb.
Die Auszubildenden am BSZ für Agrarwirtschaft und Ernährung sehen Fridays for Future kritisch, aber ihren Grünen Beruf lernen sie mit Leidenschaft. Von links: Willi Häbold, Jessica Kröhne, Jasmin Heinze, Marie-Luise Otto und Vincent Keeb. © Jürgen Lösel

Von Luise Anter

Green Day ist nicht nur der Name einer Band, sondern auch eine Infoveranstaltung am Berufsschulzentrum (BSZ) für Agrarwirtschaft und Ernährung. Jedes Jahr lädt das BSZ Schüler in die Außenstelle nach Dresden-Altroßthal, damit die sich über Berufe wie Gärtner oder Landwirt informieren können.

Normalerweise, erzählt Schulleiterin Anja Unger, kommen etwa 200 Oberschüler. 2019 waren es doppelt so viele. Auch bei anderen Bildungsgängen wie der zweijährigen Fachoberschule „FOS+Grün“, die Ausbildung und Hochschulreife kombiniert, steige die Nachfrage.

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Kein Wunder, möchte man meinen: Laut aktueller Shell-Jugendstudie ist Umweltschutz für 71 Prozent der Jugendlichen ein wichtiger Wert, mehr als noch vor ein paar Jahren. Gibt es einen Greta-Effekt bei Grünen Berufen?

„Grün“ sind alle Berufe in der Land- und Ernährungswirtschaft. Von der Landwirtin bis zur Milchtechnologin, von der Forstwirtin bis zum Hauswirtschafter. Kurzum: „Berufe, die unsere Lebensgrundlage sichern“, sagt Hendrik Fichtner, der beim Sächsischen Landesumweltamt für die Berufliche Bildung zuständig ist.

Zu einem Greta-Effekt lägen ihm keine Erkenntnisse vor, sagt er. Die Zahl der Auszubildenden im ersten Lehrjahr in den Grünen Berufen hat sich zwischen 2018 und 2019 kaum verändert, von 729 auf 726. „Man merkt aber, dass die Nähe zur Natur ein wichtiger Beweggrund für die Auszubildenden ist“, sagt Fichtner.

Das trifft auch auf einige der derzeitigen Azubis am BSZ in Altroßthal zu. Jasmin Heinze zum Beispiel, die im dritten Jahr Gartenbau lernt, sagt: „Ich wollte einfach schon immer was in der Natur machen, mit den Händen arbeiten.“ Sie wollte „nie im Büro arbeiten“, ergänzt ihre Mitschülerin Jessica Kröhe. Willi Häbold ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, jetzt lernt er Landwirt. „Das Interesse war schon immer da“. Und Marie-Luise Otto hat ein Freiwilliges Ökologisches Jahr auf einem Bio-Bauernhof gemacht – und weiß jetzt: „Tiere und Traktor fahren ist genau meins.“

Machen statt Quatschen

„Das Bewusstsein für Naturschutz war bei unseren Schülern schon vor Greta da“, sagt Schulleiterin Unger. Am BSZ haben sie die „Freedays for Future“ eingeführt. Auf einer Plakatwand haben die Schüler Ideen gesammelt, worauf man der Umwelt zu Liebe verzichten kann. Vom fleischfreien Montag bis zu den Menstruationstassen für Frauen ist alles dabei. Motto: Nicht quatschen, machen! „Die von Fridays for Future könnten alle bei uns arbeiten kommen“, sagt die angehende Landwirtin Marie-Luise Otto.

Die Frage ist aber, ob sie das wollen. Vielleicht gibt es den Greta-Effekt nur bei bestimmten Berufen: Während die Zahl der Landwirt-Azubis im ersten Lehrjahr gefallen ist, von 220 auf 174, ist die der Tierwirte und Gärtner leicht gestiegen. Andreas Hilger vom Landesgartenbauverband ist sich sicher, dass es einen Greta-Effekt gibt. „Viele Azubis überlegen zum Beispiel ganz bewusst, wie sie auf Dünger verzichten können“, sagt er. Manche kramten extra Bücher aus Zeiten hevor, in denen es noch gar keinen Dünger gab.

Am BSZ in Altroßthal lernen die Azubis sowohl konventionelles als auch ökologisches Wirtschaften. Die Bewegung Fridays for Future finden sie aber eher naiv. Einfach mal auf Nitrat verzichten? Das Feld mit dem E-Traktor bestellen oder mit dem Fahrrad zur Baustelle kommen? „Die haben keine Ahnung“, sagt Otto. Die Schulleiterin formuliert es etwas vorsichtiger: „Städtisch geprägte Jugendliche haben durchaus andere Vorstellungen von Grünen Berufen als Jugendliche vom Dorf.“ Und Hendrik Fichtner vom Landesumweltamt beobachtet, dass vielen nicht bewusst ist, wie sehr zum Beispiel Landwirtschaft mit Technik und Büroarbeit zu tun hat.

Es können also auch Jugendliche in einem Grünen Beruf glücklich werden, bei denen Umweltschutz nicht ganz oben auf der Agenda ist. So wie Vincent Keeb. Er lernt am BSZ Garten- und Landschaftsbau. „Der Naturschutz hat bei der Wahl keine Rolle gespielt“, sagt er. Ihm geht es um das Handwerk, um die Gestaltung. Natur, das könne ja auch ein Rollrasen ums Haus sein.