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Gaffen statt retten

Warum wurde einem Ohnmächtigen in Freital nicht geholfen? Ignoranz wird zur Norm, sagt der Soziologe Andreas Zick.

© Andreas Weihs

Von Annett Heyse

Ab auf den Grill

Worauf muss man beim Grillen achten und was schmeckt am besten auf dem Grill? Egal zu welcher Jahreszeit - Grillen macht immer Spaß und verbindet.

Freital. Ein Mann geht morgens in Freital zur Arbeit, irgendwann zwischen sechs und sieben Uhr. Er ist spät dran, fühlt sich nicht wohl. An einer Bushaltestelle bleibt er stehen. Wenig später wird er dort von einem Kollegen gefunden: Zusammengesackt liegt er auf dem Bürgersteig, direkt neben dem Wartehäuschen, in dem etliche Fahrgäste stehen – und zuschauen, wie der Kollege den Mann in die stabile Seitenlage legt. Nur einer tritt hinzu und sagt, er habe den Notruf gewählt. Der Rettungsdienst ist auch schnell da und transportiert den Ohnmächtigen in eine Klinik. Dort verstirbt er noch am frühen Vormittag. Über den Fall, geschehen am 24. Januar, berichtete die Sächsische Zeitung.

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Tod auf dem Arbeitsweg

Ein Jahr ist es her, dass ein Mann hilflos an einer Freitaler Haltestelle liegengelassen wurde. Die Familie fragt sich bis heute, ob er noch leben könnte.

Pro. Dr. Andreas Zick leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld.
Pro. Dr. Andreas Zick leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. © Foto: Uni Bielefeld

Die Kommentare im Internet: „Unglaublich“, „total asozial“, „typisch Freital“. Die Polizei ermittelt derzeit zur genauen Todesursache und wegen unterlassener Hilfeleistung. Und die Angehörigen fragen sich, ob ihr Mann, Bruder und Sohn noch leben könnte, wäre ihm sofort geholfen worden. Stattdessen ließen Passanten ihn liegen. Die SZ sprach mit Prof. Dr. Andreas Zick, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, über den Fall.

Herr Prof. Zick, nehmen solche Fälle deutschlandweit zu?

Verlässliche Vergleichszahlen über die Jahre sind schwer zu bekommen. Aber laut polizeilicher Kriminalstatistik ist die Zahl der bekannt gewordenen Fälle mit 1 106 im Jahr 2016 hoch. Die meisten Fälle kommen aber gar nicht zur Anzeige. Der ADAC, Rettungshelfer, Polizisten, Bahnbegleiter, Mitarbeiter in Flüchtlingsunterkünften berichten von einem Anstieg, oder andersherum gesagt, von einem Einbruch an Zivilcourage. Ebenso zeigen Beobachtungen von Gewalttaten in großen Gruppen sowie Berichte aus Interviews mit Betroffenen, dass die Zahl der Hilfeleistungen einbricht. Die gestiegene Gefahr durch Menschen, die bei Unfällen fotografieren, hat dazu geführt, dass nun Rettungsdienste vermehrt Unfallstellen vor Zuschauern verbergen. Auch während der Kölner Silvesternacht 2015/16 lagen zig Hundert Stunden Handyvideos vor, wo Menschen gefilmt statt geholfen haben.

Warum helfen die danebenstehenden Menschen nicht?

Das ist ganz gut in der Forschung zum prosozialen Verhalten oder Hilfeverhalten untersucht. Zum Helfen müssen wir fünf Stufen erklimmen: Sie müssen die Aufmerksamkeit auf den Notfall einer Person richten. Zeitdruck lenkt ab, viele Menschen laufen aus Zeitgründen vorbei. Sie müssen zweitens die Situation richtig einschätzen. Ist die Person in Not und sollte ich helfen? Sobald Menschen meinen, in einer Situation wären Experten vor Ort, helfen sie weniger. Drittens müssen wir Verantwortung übernehmen. Je mehr Menschen bei einer Notsituation zuschauen, umso mehr diffundiert die Verantwortung. Wir denken, die anderen helfen nicht, warum sollten wir helfen. Viertens müssen wir dann, wenn wir Verantwortung übernehmen, auch kompetent sein, zu helfen. Trauen sich Menschen nicht zu, einem Opfer mit Verletzungen zu helfen, oder ihnen fehlt die Kompetenz, dann bricht die Hilfe ein. Nicht zuletzt muss man dann auch handeln und sich entscheiden, zu handeln.

Es ist also wahrscheinlicher, dass nicht geholfen wird, wenn eine große Gruppe danebensteht?

Wie ich gerade erläutert habe: In großen Menschenmengen diffundiert die Verantwortung. Wir denken, andere helfen auch nicht, und nehmen an, die Ignoranz wäre die Norm. Wir nennen das den sogenannten Bystandereffekt. Leider hat in großen Gruppen auch die Zahl von Menschen zugenommen, die ihr Handy herausnehmen und filmen oder fotografieren. Sie wechseln die Rolle vom Zuschauer zum Dokumentatoren. Das hilft der Hilfe nicht.

Welche Strafen drohen bei unterlassener Hilfeleistung?

In der Regel sind es Geldstrafen. Im Fall in Essen, wo ein älterer Mann vor einem Geldautomaten verstarb und Menschen über ihn hinweggestiegen sind, wurden die Angeklagten zu Geldstrafen verurteilt.

Was wäre zu tun, damit es weniger solche Fälle gibt?

Zivilcourage ist eine Ziviltugend. Wir sind dazu gehalten. Daran muss man erinnern. Wir können Hilfeleistung lernen, aber wir verlernen sie auch. Es ist wie mit der Ersten Hilfe. Die muss man auch auffrischen. In den Schulen wird es beigebracht, und von jungen Menschen verlangen wir viel. Ich denke, wir brauchen eine Förderung von Zivilcourage und Opferschutz, die Erinnerung an Kernnormen sowie neue Formen der zivilgesellschaftlichen Bildung. Dies ist auch wichtig, weil im Internet Zivilcourage fast noch gar nicht vorhanden ist. Zur Zivilgesellschaft gehören Bürger, die Courage haben.