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Ganz schön viel Liebe

Robert Plant kam nach Dresden zurück, die „Junge Garde“ war abermals ausverkauft, seine Band sensationell gut.

© Ronald Bonß

Von Karsten Blüthgen

Was, es war am Abend noch immer brütend heiß am Mittwoch? Im Großen Garten waren die Leute in und vor der „Jungen Garde“ mit anderem befasst als das Wetter zu registrieren. Immerhin, wer es nicht bemerkt haben sollte: Der Himmel ließ drei armselige Tropfen fallen auf das, was einmal Gras war. Sei’s drum. Selbst Regen wäre okay gewesen. Die Priorität hieß Robert Plant, der mit seiner Band „The Sensational Space Shifters“ gekommen war. Drinnen sollten die Leute bald Led Zeppelins „Black Dog“ mitsingen. „Wie Du Dich bewegst, wirst Du schwitzen und grooven“. Bald 50 Jahre ist es her, dass dieser Rock-Klassiker auf dem Soundtrack „The Song Remains The Same“ erschien. Wie passend gerade in diesem Sommer.

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Robert Plant in der Garde

Schwarzer Hund, runderneuert

Led Zeppelin feiern in diesem Jahr 50-jähriges Jubiläum. Über eine Reunion wurde spekuliert, von Sänger Robert Plant kam dazu ein klares Nein. Mehr noch: Er habe die Lust am Rock verloren, sagte er im vergangenen Jahr mitten in die geschürten Jubiläums-Erwartungen hinein. Beruhigend, dass neues Material folgte. Sein aktuelles Album „Carry Fire“ mag leiser klingen als die Vorgänger. Aber eine fade, lustlos gemachte Platte würde kaum erscheinen. Die aus jungen, inspirierten Briten bestehende Band „The Sensational Space Shifters“ und dazu die zwar brüchige, doch noch immer jung und hell klingende Stimme des Meisters sind eine Fügung.

Robert Plant will sein stattliches Material nicht verwalten. Er will weitergehen, ohne seine Geschichte wegzuwerfen wie alte Hüte. Umgeben mit solch wachen Musikern kann er aus dem Vollen schöpfen, Zeitsprünge und sich in neue Welten wagen, gestandene Songs wie „Black Dog“ runderneuern. Er kann sich auf die Qualitäten etwa eines Liam „Skin“ Tyson verlassen, der das Feuer von „Babe I’m Gonna Leave You“, einem Folksong aus den Fünfzigern, auf seiner Akustikgitarre weiterträgt.

Eine Vorband war nicht nötig. Singer-Songwriter Seth Lakeman, der Plants Band an der Viola bereichert, brachte das Auditorium in Stimmung. Kurz nach Acht, gerade regten sich erste Ungeduldspfiffe, kamen Plant und seine sechs Begleiter und begannen mit einer gelifteten Version von „When the Levee Breaks“. Der Blues, entnommen dem Album „Led Zeppelin IV“, bekam neuen Biss – ein Damm, so der Text, war hier nicht mehr zu brechen. Druckvoll schloss sich „Turn it up“ an, ein Stück von Plants vorletztem Solowerk „Lullaby And ... The Ceaseless Roar“, dem ersten mit den Sensational Space Shifters. Frisch tourten Sänger und Band mit diesem Album im Sommer 2014 und beendeten jene Deutschlandtour hier, in der „Garde“.

Um ein Haar wären sie diesmal gar nicht nach Dresden gekommen. Erst auf Plants Wunschs wurde der Plan korrigiert. Was sich das Management nur dabei gedacht hatte, jene Stadt außen vor zu lassen, die er mag und wo er schon einige starke, bejubelte Auftritte hatte? Die 5 000 Konzerttickets waren Monate im Voraus ausverkauft. Was die Fans erlebten, war nicht nur musikalisch delikat, knackig, abgehangen, entspannt und doch voller Feuer. Das Ganze klang dazu fantastisch transparent, wohl dank der neuen Soundanlage für die Bühne im Großen Garten. Der Preis von Bedröhnung während und Ohrenschmerzen nach dem Konzert war nicht zu bezahlen.

„Schlafen Sie gut!“

Stilistisch rückte alles eng zusammen. Auf die Folk-Adaption „Gallows Pole“ im heißen Zweiertakt folgte der orientalisch gefärbte Titelsong des aktuellen Albums „Carry Fire“ mit imitierter arabischer Oud, Tambourin und gesteigert in messerscharfen Gitarrenriffs. Wer dachte, Plant und seine sensationellen Kollegen würde eher die aktuelle Platte präsentieren, dürfte von der Mischung überrascht gewesen sein. Auch vor der Art, alles organisch zusammenzubauen. Die Leute sprangen, taumelten im Offbeat von „Fixin to Die“. Danach, viel zu früh und noch im Dämmerlicht, wünschte Plant: „Schlafen Sie gut!“

Doch die Sieben kamen noch einmal. Plant sinnierte über brennende globale Veränderungen, zitierte mit „New World …“ ein drittes Mal die neue Platte. Nach „Whole Lotta Love“ in einer Verschnitt-Version gingen endgültig die Lichter an. Kein „Stairway to Heaven“, kein „Kashmir“. Robert Plant kann verzichten, kann dosieren. Bei seinem Fundus und bei kompakten 90 Minuten Konzertdauer braucht es zudem Mut zur Lücke. Und vielleicht ist es bei manchen Songklassikern doch an der Zeit, sie nicht mehr anzurühren? Dass die Auftritte nicht mehr länger sind, respektiert man. Robert Plant feiert am 20. August selbst seinen 70. Geburtstag.