merken
PLUS Leben und Stil

Zeigt her eure Bienen!

Wilde Ecken statt Ordnung, Brennnesselbrühe statt Gift und Dünger: Immer mehr Menschen gärtnern naturnah. Hilft das gegen das Insektensterben?

Bienen haben es schwer. Auch in den Gärten gibt es zu wenige Pflanzen mit Nektar und Pollen.
Bienen haben es schwer. Auch in den Gärten gibt es zu wenige Pflanzen mit Nektar und Pollen. © Sven Hoppe/dpa

Anita Bätz steht vor ihrem Haus in einem Dorf bei Radeburg und blickt nachdenklich auf ihren Garten, eine Schere in der Hand, den Rechen in Griffweite. Die Krokusse leuchten, aus Büschen und Bäumen lugt das Frühlingsgrün. In diesen ersten wirklich warmen Tagen entfernt Anita Bätz die dicken Laubschichten auf ihren Beeten. Aus manchen Stauden ragen noch braune, vertrocknete Stängel. „Es ist nicht sehr aufgeräumt in meinem Garten“, sagt sie.

Wer sich mit Naturgärtnerinnen und Naturgärtnern unterhält, hört diesen Satz häufig. Bei Anita Bätz klingt er entschuldigend. Sie ärgert sich selbst darüber. Ihrer Schwester hat sie das auch gesagt, letztes Jahr im Sommer. Die Schwester kam, streifte umher, fragte, naschte, staunte. „Ich habe selbst gestaunt, was hier inzwischen alles wächst, krabbelt und lebt, seit ich naturnah gärtnere.“

August Holder GmbH
Zuverlässigkeit und Erfahrung
Zuverlässigkeit und Erfahrung

Kettensäge kaputt oder Profi-Gerät für´s Wochenende gesucht? Bei HOLDER kein Problem: Onlineshop, Werkstatt und Leihservice sorgen für funktionierendes und passendes Gerät.

Naturgärtnern ist Trend. In Hochglanzzeitschriften sieht man Bilder junger Menschen in städtischen Gemeinschaftsgärten oder vor renovierten Bauernhäusern zwischen Mangold, Ringelblumen, Brennnessel-Ecken, Trockenmauern, Totholzhaufen und Insektenhotel. Das gibt es alles und noch viel mehr, denn Naturgarten ist kein geschützter Begriff, keine starre Ideologie. Anita Bätz ist 50 und arbeitet als Wetterbeobachterin am Dresdner Flughafen. Als sie vor einigen Jahren mit ihrem Mann das Haus mit dem 1.300 Quadratmeter großen Grundstück kaufte, sah ihr Garten noch anders aus. Vernachlässigt, aber wie die Gärten, mit denen Anita Bätz aufgewachsen war. Mit Rasenflächen, von denen jedes Blatt und jedes Wildkraut schnellstmöglich entfernt wurde. Dazu Nadelbäume, Koniferen und immergrüne Sträucher, gefüllte Rosen, eine Forsythie. „Das ist ein Plastikstrauch“, sagt Anita Bätz. „Der blüht schön im Frühjahr, aber da geht keine Biene dran."

Anita Bätz wohnt in einem Dorf in der Nähe von Radeburg. Seit einigen Jahren gärtnert sie auf ihrem Grundstück nach ökologischen Prinzipien.
Anita Bätz wohnt in einem Dorf in der Nähe von Radeburg. Seit einigen Jahren gärtnert sie auf ihrem Grundstück nach ökologischen Prinzipien. © Thomas Kretschel

Wann bei ihr ein Umdenken begann, kann sie nicht genau sagen. „Ich habe über unsere Ernährung nachgedacht, was da alles an Medikamenten oder Gift drin ist. Dann habe ich begonnen, mehr selbst anzubauen. Habe mich gefragt, warum an meinem Gemüse immer wieder Schadinsekten dran sind, aber zu wenig Tiere im Garten, die diese Insekten vertilgen. Was wir tun können, um das zu verbessern.“ Anita Bätz fasste einen Entschluss: Aus ihrem Garten sollte ein Kreislauf werden, der kein Gift, keinen künstlichen Dünger braucht. Seither arbeitet sie daran. „Dabei gibt es so viel zu lernen und zu erfahren. Das ist ein Prozess, der nicht aufhört, aber unglaublich spannend ist.“

Anita Bätz strahlt, als sie das erzählt. Die Forsythie steht noch, wurde aber ergänzt durch eine Kornelkirsche, die Nektar, Pollen und Früchte liefert. Das Herbstlaub bleibt bis zum Frühling liegen, weil darin Marienkäfer und andere Insekten überwintern. „Gerade die Marienkäfer wollen wir ja aber gerne haben, weil sie Blattläuse fressen.“ Die Stängel der Fetten Hennen, Nachtkerzen, Karden und anderen insektenfreundlichen Pflanzen schneidet sie erst jetzt und lässt sie eine Weile am Komposthaufen stehen. „Denn darin leben Insekten, und Vögel ernähren sich von den Samen“, sagt sie. „Deshalb sollte man das nicht sofort zu Kompostieranlagen bringen oder gar verbrennen.“

Inzwischen gehört Anita Bätz verschiedenen Netzwerken an, die sich mit ökologischem Gärtnern befassen. Sie bildet sich fort, hält Vorträge, gibt Kindern ihr Wissen weiter. Liest Bücher und verschlingt Youtube-Videos über Permakultur, samenfestes Bio-Saatgut, alte Gemüsesorten, Mischkultur und Mulchwürste. Da der zwölfjährige Sohn gern Fußball spielt, hält die Familie eine größere Grasfläche kurz. Der Rasenschnitt wird zu Würsten gelegt, die beispielsweise um die Obststräucher kommen: „Das hält die Feuchtigkeit im Boden und hilft, dass das knappe Regenwasser langsam in den Boden eindringt.“

Forsythien sind beliebte Sträucher. Nicht bei Anita Bätz: "Ein Plastikstrauch" sagt die Naturgärtnerin.
Forsythien sind beliebte Sträucher. Nicht bei Anita Bätz: "Ein Plastikstrauch" sagt die Naturgärtnerin. © Matthias Bein/dpa

Bei Familie Bätz verlässt nichts mehr den Garten. Die Koniferen wurden gefällt und dienen als Benjeshecke. Dort landen sperrige Gartenabfälle, die Insekten Nischen bieten. Wildkräuter wie der Giersch werden nicht bekämpft, sondern konsumiert: als Smoothie, Salat oder Petersilienersatz. Das A und O des Naturgartens ist für Anita Bätz der Boden. Sie pflegt mehrere Komposthaufen und nutzt selbst hergestellte Holzkohle und einen Sud mit Mikroorganismen, um die Bodenqualität auf natürliche Weise zu verbessern. Gemüsepflanzen, Kräuter und Blumen zieht Anita Bätz selbst in den Papprollen von Klopapier, die beim Auspflanzen zerfallen.

Und was, wenn Nacktschnecken über jungen Salat herfallen, Fliegen über zarte Möhren? „Es gibt einen schönen Spruch: Gärtner arbeiten dreimal, für Räuber, für Schadinsekten und für sich. Schnecken sammle ich gelegentlich ab und bringe sie zum Kompost, dort dürfen sie leben. Manchmal muss man die Verluste einfach dulden. Ich bin natürlich in der komfortablen Lage, dass ich mich von meinem Gemüse nicht unbedingt ernähren muss.“

Was den Insekten fehlt

Wie viele Menschen in Sachsen ihren Garten wie Anita Bätz naturnah pflegen, ist schwer einzuschätzen. Unter den 36 Millionen Gartenbesitzern in Deutschland dürfte es eine Minderheit sein, mutmaßt Karin Stottmeister von der sächsischen Regionalgruppe des Naturgarten e. V. Der Verein bemüht sich seit mehr als dreißig Jahren bundesweit, die Naturgarten-Idee zu verbreiten. „Der Naturgarten bedeutet nicht den Verzicht auf Gestaltung und Pflege“, betont sie. „Aber man braucht Geduld für so einen Garten. Muss beobachten, welche Bedingungen man hat, welche Pflanzen da hinpassen und dann auch ohne Chemie gedeihen.“ Manche Pflanzen wanderten, weil sie sich an anderen Standorten wohler fühlen. Der Naturgarten sei immer im Wandel. „Das bereitet manchen Menschen Unbehagen“, meint Karin Stottmeister. „Sie lieben es eher statisch, ordentlich, kontrollierbar.“

In Nordrhein-Westfalen oder Bayern hat der Verein jeweils zehn Regionalgruppen, in Sachsen gerade einmal eine. Als der Verein 2019 bei der Landesgartenschau in Frankenberg einen Naturgarten anlegte, blieben die Besucher zwar oft stehen. „Aber viele sagten: Ihre Pflanzen hier landen bei mir auf dem Kompost, die würde ich nie stehen lassen“, erzählt Karin Stottmeister.

Dennoch, seit einigen Jahren bewege sich etwas. Das Nachdenken über Nachhaltigkeit habe auch die Gärten erreicht, vor allem durch die Krefelder Studie 2017. Seit Jahrzehnten fangen Krefelder Entomologen mit einer speziellen Falle Insekten. Dabei wurde eher zufällig entdeckt, wie dramatisch das Insektensterben ist. „Die Zahl der Insekten ist deutlich gesunken, ebenso die Zahl der Arten“, sagt der Biologe Matthias Nuß vom Senckenberg-Museum in Dresden. Zurückgeführt wird das auf die konventionelle Landwirtschaft, aber auch auf die intensive Pflege der öffentlichen Grünflächen, Randstreifen an Straßen und Wegen, Gewerbegrundstücke und privaten Gärten. Den Insekten bleibt keine Zeit, sich zwischen den vielen maschinellen Arbeitsgängen vom Ei bis zum erwachsenen Stadium zu entwickeln. Ihnen fehlen Räume mit Nist- und Versteckplätzen, außerdem blühende Pflanzen. Fettes Gras und viele der exotischen oder immergrünen Ziergarten-Gewächse bieten keine Nahrung. Wo keine Insekten sind, finden sich nur wenige Vögel ein. Auch Säugetiere wie Igel oder Fledermäuse leiden unter dem knappen Futterangebot.

Eine Wiese, wie Insekten sie lieben: Wenn nicht zu häufig gemäht wird, haben wächst nicht nur Gras, sondern auch Wildblumen, die den Tieren Nahrung bieten.
Eine Wiese, wie Insekten sie lieben: Wenn nicht zu häufig gemäht wird, haben wächst nicht nur Gras, sondern auch Wildblumen, die den Tieren Nahrung bieten. © Kevin Prönnecke/imago

Matthias Nuß ist nicht nur Forscher, sondern bemüht sich praktisch, den Insekten mehr der dringend notwendigen Lebensräume zu verschaffen, mithilfe eines Schmetterlingswiesen-Projekts. Dabei sollen aus Rasen Blühflächen werden. Zum Teil mit einheimischem Saatgut. Zum Teil aber auch einfach dadurch, dass die Wiesen nicht mehr gedüngt und weniger gemäht werden. Für eine wissenschaftliche Studie haben Matthias Nuß und seine Mitarbeiter kürzlich zehn Schmetterlingswiesen mit zehn intensiv bewirtschafteten Rasen verglichen, wie sie typisch sind für Gärten und Parks. Auf den Rasenflächen fanden sich zwischen null und zehn Arten, auf den Wildwiesen zwischen 49 und 83 Arten. Ähnlich deutlich war das Ergebnis beim Insektennachwuchs: Von den 90 im Larvenstadium gefundenen Arten tummelten sich 86 auf den Schmetterlingswiesen, nur zwei auf den Rasenflächen, zwei auf beiden Wiesentypen.

Matthias Nuß wird häufig gefragt, was man sonst noch für Insekten und Vögel im Garten tun kann. Ob es überhaupt einen Nutzen hat, wenn ein einzelner Mensch dies tut in einem Meer an grünen, aber aus ökologischer Sicht toten Flächen. „Es hat einen Nutzen“, sagt Nuß. „Jeder Quadratmeter zählt, um wieder Insekten in die Landschaft zu bringen.“ Sein Rat: Statt Koniferen lieber Obstbäume pflanzen, Salweiden, Weißdorn, Hasel, Felsenbirnen, Kornelkirschen. Wildrosen mit offenen, für Bienen gut zugänglichen Blüten statt gefüllte Rosen. Außerdem Obstbüsche wie Stachelbeeren und Johannisbeeren, denn auch diese nutzen Schmetterlinge und Wildbienen gern. Und auf Pflanzen achten, die Nektar und Pollen produzieren.

Die Wildnis auf dem Balkon

Eine Frage des Platzes ist das naturnahe Gärtnern nicht. „Wildnisbalkon“ nennt die 40-jährige Anna Oppermann ihr Naturgärtchen im Dresdner Stadtteil Löbtau. Er bietet Platz für ein kleines Hochbeet, einige Kübel und Balkonkästen auf einer Länge von gut sechs Metern. Hoch und südwärts liegt er. Beste Bedingungen für Geranien und andere Südländerinnen. Anna Oppermann, gelernte Gärtnerin und momentan in Elternzeit, hält nichts von exotischen Pflanzen, die in Gewächshäusern in Turbozeit hochgezüchtet und von Insekten ignoriert werden. „Eine Pflanze, an die kein Tier geht, ist für mich klinisch tot“, sagt sie. Viel lieber sind ihr einheimische, standortgerechte Stauden und Pflanzen. Solche, die mit Hitze, Trockenheit und mageren Böden zurechtkommen. Manchmal sammelt Anna Oppermann bei Spaziergängen Samen, manches tauscht sie oder kauft es im Internet bei ökologischen Betrieben, „weil es viel zu wenige Händler hier in der Umgebung gibt“.

Geranien gibt es im Sommer nicht mehr auf dem Balkon der Dresdnerin Anna Oppermann, aber rund 60 verschiedene Arten von Wildblumen. Foto: kairospress
Geranien gibt es im Sommer nicht mehr auf dem Balkon der Dresdnerin Anna Oppermann, aber rund 60 verschiedene Arten von Wildblumen. Foto: kairospress © Thomas Kretschel

Noch ist es ruhig auf dem Wildnisbalkon. Die Samen von Anna Oppermanns Lieblingspflanzen und einigen Neuerwerbungen entfalten sich allmählich in kleinen Töpfen auf Fensterbänken, umhüllt von einem Substrat aus torffreier Erde und Sand. Die Fotos auf Anna Oppermanns Instagram-Auftritt vermitteln eine Ahnung, wie lebendig so eine kleine, aber mit Sachverstand und Fingerspitzengefühl gepflegte Wildnis im Sommer sein kann. Da tanzen Marienkäfer-Larven auf einem Salbei. Holzbienen umschwirren die blauen Glöckchen der Alpen-Waldrebe. Ein Taubenschwänzchen tankt am purpurfarbenen Nelkenleimkraut, und auf der Alpenaster hockt ein goldglänzender Rosenkäfer und labt sich am Pollenrasen.

Viele der Wildpflanzen haben eher zarte Blüten, manche blühen nicht sehr lang. Nicht alle menschlichen Besucher finden Anna Oppermanns Naturgärtchen attraktiv. Die Tiere aber umso mehr. „Ich glaube, viele Menschen müssen ihren Schönheitsbegriff dringend überdenken. Ich finde es wunderbar, dass auf unserem Balkon so viel brummt, summt, fliegt.“

Ganz oft sei die Familie damit beschäftigt, Insekten zu beobachten, sie zu fotografieren und nachzuschlagen, was da einen Weg auf den Balkon gefunden hat. „Es ist wichtig, dass Eltern ihren Kindern ermöglichen, Wildpflanzen und das vielfältige Leben darauf zu erleben, denn in der Landschaft draußen ist vieles schon verschwunden.“

Weiterführende Artikel

Erste Honigtanke in Meißen

Erste Honigtanke in Meißen

Das Herz des Seeligstädter Imkers schlägt für regionalen Honig. Um mehr Menschen dafür zu begeistern, hatte er eine Idee.

Damit Landwirte Insekten eine Chance geben

Damit Landwirte Insekten eine Chance geben

Wer gute Böden beackert, will dort ernten und selten Bienen eine „Spielwiese“ bieten. Daher fördert der Freistaat die Entscheidung für die Natur.

So wird Ihr Garten zum Lieblingsort für Vögel

So wird Ihr Garten zum Lieblingsort für Vögel

Biologin Elke Schwarzer gärtnert tiernah – und erklärt, welcher Vogel auf welche Pflanze steht – und was selbst auf dem Balkon geht.

Auf diese Blume fliegen Insekten besonders

Auf diese Blume fliegen Insekten besonders

Umweltschützer haben 168 Jungpflanzen des Großen Wiesenknopfes jetzt in Meißen ausgewildert.

Eines der schönsten Erlebnisse hatte Anna Oppermann, als sich eines Tages zwei Distelfinken zwischen ihren Gewächsen einfanden. Die Vögel suchen ihre Nahrung am liebsten in wilden Ecken. Plötzlich saßen sie da, mitten im Häusermeer von Dresden, und pickten an den unreifen Samen einiger Kornblumen.

Mehr zum Thema Leben und Stil