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Gasteltern gesucht

Die Radebeuler Familie Maurer hat schon junge Leute aus Ecuador und Taiwan betreut.

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© Norbert Millauer

Von Kristin Koschnick

Radebeul. Gesucht werden: Neugier, Toleranz und Humor. Dafür gibt es hautnahes Kennenlernen fremder Kulturen. Und das ganz ohne die heimischen vier Wände gegen ein Flugzeug tauschen zu müssen. Die Radebeuler Familie Maurer hat bereits dreimal in den vergangenen zehn Jahren diese Herausforderung gemeistert. Für Juana, Jo und Stefanie waren die Maurers Gasteltern auf Zeit. Ihre drei Kinder, inzwischen Teenager, sind damit groß geworden.

„Es muss in die Familiensituation passen“, sagt Birgit Maurer. Die Biologielaborantin befand sich gerade in der Elternzeit, als 2006 ein kleiner Artikel in der Radebeuler SZ ihre Aufmerksamkeit weckte. Der Bonner Verein Experiment e.V. war auf der Suche nach Gasteltern für Jugendliche aus Lateinamerika. Maurers Familienrat tagte, viele Mails wurden getauscht, Fragenbögen ausgefüllt und ein Gästeelternhandbuch ausgehändigt. Dann war es so weit: Die 20-jährige Juana Moreno aus Cuenca zog ein Dreivierteljahr in das Kinderzimmer der ältesten Tochter der Familie. In ihrer Radebeuler Zeit besuchte die Ecuadorianerin die zehnte Klasse des Luisenstifts und lernte Deutsch. Maurers kümmerten sich sogar um regelmäßigen Klavierunterricht für ihre Gasttochter. Ausflüge, Ferien und Feiertage wurden jetzt eben für sechs statt fünf Familienmitglieder organisiert.

„Ein eigenes Zimmer ist nicht zwingend Voraussetzung“, erklärt Birgit Maurer. Bett und Schrank reichen aus. Die Familienmitglieder auf Zeit sollen den Status der eigenen Kinder erhalten, mit allen Rechten und Pflichten. Nach einer fordernden Eingewöhnungszeit lebte sich Juana schnell ein, gewann Freunde und verbrachte vor allem mit den Kindern der Familie viel Zeit. Beim Heimflug nach Ecuador gab es Tränen auf beiden Seiten.

Für kulturelle und zwischenmenschliche Probleme, die nicht mithilfe von Händen, Füßen oder der Übersetzungsapp lösbar sind, stehen Betreuer des Vereins mit fundierten Sprachkenntnissen zur Seite.

Experiment e.V. hat sich dem Austausch zwischen Menschen aller Kulturen, Religionen und Altersgruppen verschrieben. „Die Austauschschüler, für die wir aktuell Gastfamilien suchen, sind 15 bis 18 Jahre alt und bleiben für drei Monate bis maximal ein Schuljahr in Deutschland“, wirbt Hanna Sobotka, die Pressesprecherin des Austauschvereins. Die Jugendlichen stammen unter anderem aus Brasilien, China, Italien, Thailand und den USA. Gastgeber könne jeder werden, egal, ob alleinerziehende, Paare mit und ohne Kinder oder Patchworkfamilien.

2015 reisten fast 2 000 Teilnehmer mit Unterstützung des Vereins ins Ausland und nach Deutschland. Ein Drittel erhielt Stipendien. Kooperationspartner sind auch das Auswärtige Amt, die Botschaft der USA, mehrere deutsche Bundesministerien und das Goethe-Institut. Dabei ist der Austausch keineswegs auf Jugendliche beschränkt. Ebensolche Programme werden für Erwachsene, sogar für Senioren aufgelegt.

Von der bereichernden Erfahrung mit Juana bestärkt, stellten sich Maurers danach noch zweimal als Gasteltern zu Verfügung. Mit der Taiwanesin Jo hält die Familie noch immer engen Kontakt. Sie verbrachte unter dem Motto „Weihnachten einmal anders!“ die Feiertage in Radebeul. „Jo war begierig, alles Neue in sich aufzusaugen“, erinnert sich Birgit Maurer. In Nullkommanix habe sie sich in die Familie eingefügt. Gemeinsam wurde für alle taiwanesisch gekocht, Jos Geburtstag in Radebeul gefeiert und Silvester die 9. Sinfonie in der Lutherkirche besucht.

„Wichtig ist, aufeinander zuzugehen und sich auf andere einzulassen“, sagt Birgit Maurer. Auch wenn nicht alles immer hundertprozentig glatt laufe, die Erfahrungen seien für alle Familienmitglieder sehr bereichernd. Sie würde jederzeit wieder ihr Haus für Gastkinder auf Zeit öffnen.

Weitere Infos: Geschäftsstelle Experiment e.V., Bonn, Ansprechpartner Matthias Lichan (Telefon 0228 95722-21, E-Mail: [email protected]).

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