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Jubel über den Sieg, aber die Euphorie ist gestört

Deutschland siegt beim Auftakt der Handball-WM  mit Bildern, die um die Welt gehen. Doch es gibt einen verbalen Angriff auf den Teamgeist

Uwe Gensheimer bejubelt eines seiner sieben Tore. Der Kapitän steuert die meisten Treffer zum deutlichen Erfolg gegen Korea bei. © dpa/Michael Kappeler

Es ist die erwartet eindeutige, die erhofft emotionale, die lange geplante historische Sache. Die deutschen Handballer gewinnen zum Auftakt der halben Handball-Heim-WM gegen eine vereinte koreanische Mannschaft überaus klar mit 30:19 – mit Bildern, die um die Welt gehen. Die politische Komponente des Eröffnungsspiels ist schließlich weder zu unterschätzen noch kann man sie nicht hoch genug würdigen. „Eine ganz starke Sache, ein starkes Zeichen“, meint Bundestrainer Christian Prokop, und er ist auch mit seinen Spielern sichtlich zufrieden.

Dass sie zu viele Chancen vergeben haben, sei ausnahmsweise zu vernachlässigen. Eine Erklärung dafür liefert der Torwart. „Wenn man deutlich führt, geht ein bisschen Konzentration verloren“, sagt Andreas Wolff, der danach zum besten Spieler gewählt wird. 15 von 27 Würfen hat er gehalten, davon zwei Siebenmeter. Sein Gegenüber Jaeyong Park steht dem allerdings kaum nach und ist mit 39 Prozent abgewehrten Bällen ein weiterer Grund für die schlechte Chancenverwertung. Aber wie gesagt: „Das will ich nicht an die große Glocke hängen“, so der Bundestrainer.

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Für ernsthafte Erkenntnisse ist der Leistungsunterschied zwischen beiden Mannschaften zu groß, und zu schnell nimmt die Partie den normalen Verlauf. 17:10 steht es zur Pause, da ist bereits alles entschieden, und nach 42 Minuten trifft Franz Semper zum 24:12. Ausgerechnet der junge Mann vom SC DHfK Leipzig also, der ohne eigenes Zutun in den vergangenen Tagen für einigen Gesprächsstoff gesorgt hat – weil der Bundestrainer ihn und nicht Tobias Reichmann, Europameister von 2016, für den 16-Mann-WM-Kader nominierte.

Doch am Ende liegen sich alle in den Armen, 13 500 Zuschauer in der ausverkauften Mercedes-Benz-Arena in Berlin feiern den gewünschten Auftakt. Und vergessen sind die Turbulenzen des Tages, zumindest für den Moment. Denn überraschend und erstaunlich direkt hatte sich Reichmann zu Wort gemeldet – per Instagram kurz vorm Abflug nach Florida. „Ich bin dann mal weg. Wieso, weiß ich gar nicht genau … Ahhh, doch … Spontanurlaub“, schrieb er und postete ein Bild von sich versehen mit dem Hashtag „sorrynotsorry“. Ein weiteres Selfie versah Reichmann, der für die WM auf Abruf steht, mit der Botschaft „Tschausen ihr Banausen“. Und am Nachmittag legte er noch einmal nach. „Berlin äähhh Orlando by night“, textete der 30-Jährige, beim EM-Sieg vor drei Jahren bester deutscher Torschütze und im All-Star-Team.

Böse Erinnerungen an die EM vor einem Jahr

Der deutsche Handball-Verband, der diese WM gemeinsam mit Dänemark ausrichtet, versuchte, das Thema kleinzuhalten. Nur keine neue Unruhe wie schon vor der enttäuschend verlaufenen EM 2018. „Wir konzentrieren uns ausschließlich auf die Spieler, die da sind“, erklärte dem Sportinformationsdienst ein zerknirschter Verbandsvizepräsident Bob Hanning, der am Abend beim Spiel dann zwischen Altkanzler Gerhard Schröder und dessen Frau Soyeon Kim sowie Innenminister Horst Seehofer Platz genommen hat.

Intern herrschte dem Vernehmen nach jedoch große Aufregung. Doch um die Euphorie rund um den WM-Start nicht zu gefährden, verzichtete man auf Konsequenzen – zumal Reichmann die einzige personelle Alternative zu Rechtsaußen Patrick Groetzki darstellt. Trotzdem hatte sich der Bundestrainer am Sonntag gegen Reichmann entschieden – mutmaßlich zugunsten des hoffnungsvollen, aber unerfahrenen Leipziger Talents Semper. Sofort kamen Erinnerungen an das Vorjahr hoch, als Prokop, zuvor Trainer beim SC DHfK, den anerkannten Abwehrchef Finn Lemke anstelle des Leipzigers Bastian Roscheck aus dem Kader strich – und diese Entscheidung nach zwei Spielen dann korrigierte.

Auch diesmal darf Prokop bis zu drei Wechsel im Aufgebot vornehmen. Dafür stehen zwölf Spieler aus dem erweiterten Kader zur Verfügung, unter anderem auch Reichmann. Doch selbst wenn sich Groetzki verletzt, dürfte es dazu nicht mehr kommen angesichts der verbalen Attacke – und auch der Wahl des Urlaubsorts, rund zwölf Flugstunden von Berlin entfernt. Wie die Mannschaft das findet? Für Wolff ist das eine unseriöse Frage. „Damit beschäftige ich mich jetzt überhaupt nicht.“ Er denkt vielmehr an Brasilien, den nächsten Gegner.