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Geballte Ladung

Die AfD holte mit Tino Chrupalla im Oberland sachsenweit die meisten Stimmen. Eine Spurensuche in den Hochburgen.

© Thomas Eichler

Von Anja Beutler

Tino Chrupalla hat gut Lächeln im Oberland. Der künftige AfD-Bundestagsabgeordnete für den Landkreis Görlitz schaut am Vormittag nach der Wahl noch von vielen Laternenmasten und Hausecken. Seine blauen Plakate sind nicht zu übersehen im Oberland. Und das ist sicherlich kein Zufall. Hier – in einem Viereck zwischen Neusalza-Spremberg, Oppach, Beiersdorf, Dürrhennersdorf, Lawalde, Großschweidnitz und Schönbach – hat die Alternative für Deutschland im Landkreis ihre Spitzenresultate erreicht. Schönbach mit 46,9 Prozent bei den Zweitstimmen und Oppach mit 46 Prozent sind sogar auf Platz zwei und drei der sächsischen AfD-Hochburgen geklettert. Kommen gesehen haben das in dieser deutlichen Form wohl die wenigsten. Und so wundert es nicht, dass aus dem Radio an diesem Nachwahlmorgen die Moderatorin immer wieder ihre Hörer auffordert, doch einmal anzurufen und zu erzählen, warum man die AfD gewählt habe.

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Vor dem Edeka in Oppach ist der Montag noch nicht so recht in die Gänge gekommen. Nur wenige Autos parken hier. Zwei Frauen räumen Erika-Pflanzen in den Kofferraum. „Das finde ich richtig“, sagt die jüngere der beiden. „Bildung, Grenzsicherung, Kriminalität, Flüchtlinge – diese Themen liegen mir am Herzen“, sagt die Neusalzaer Einkäuferin mit den blonden, kinnlangen Haaren und schließt die Heckklappe der dunklen Limousine. Sie wirkt zufrieden über das deutliche Zeichen nach Berlin. Aber sie ist ein bisschen unsicher, ob sie darüber jetzt so offen reden will.

Ines Bießlich hat da weitaus weniger Manschetten. Auch die kleine, zierliche Oppacherin steuert mit ihrem Einkaufskorb den Edeka an. Ob sie schon von den Wahlergebnissen gehört habe? „Sie meinen die AfD“, sagt sie und ein Lächeln strahlt über ihr Gesicht, in das hier und da eine lila Haarsträhne fällt. Natürlich hat sie. Sie finde das gut, habe es durchaus so erhofft. Die Flüchtlingspolitik sei das Thema, das sie vor allem wütend mache. Das sähen auch viele in ihrem Bekanntenkreis so. Die Oppacherin zwinkert in die Sonne, die sich gerade durch die Wolken gekämpft hat, lächelt und geht einkaufen.

Doch nicht für alle Befragten hat das Wahlergebnis an diesem Montag nur sonnige Seiten. Manch einer sieht durchaus schwere Wolken, denn die AfD müsse ja auch erst einmal beweisen, dass sie etwas erreichen könne. Ein gelungener Protest sei noch kein Zieleinlauf. Ein älterer Herr fühlt sich sogar eher wie in einen kalten Regenguss gekommen: „Geht es uns denn so schlecht?“, fragt er – und wirft die letzte Flasche aus seinem Beutel in den Glascontainer. Ja, es gebe Ecken und Kanten bei der Politik, aber er vermute, dass es mit der AfD nicht besser werde. „Die Leute wollten wohl einen Denkzettel verteilen“, konstatiert der Oppacher ernüchtert.

Aber worüber genau sollen die etablierten Parteien nachdenken? „Darüber, dass man die Menschen hier endlich wieder ernst nimmt“, sagt eine Oppacherin, die anonym bleiben möchte. Viele Menschen ärgere, dass man die Pegida-Demonstranten alle als Rechte verschrien und Sigmar Gabriel sie gar „Pack“ genannt habe. Man könne ja seine Meinung nicht mehr sagen, ohne gleich mit Konsequenzen rechnen zu müssen. „Der Richter aus Dresden hat es in der Talkshow bei Anne Will richtig erklärt“, sagt sie und meint den Auftritt des Dresdner Juristen und AfD-Kandidaten Jens Maier. „Wir müssen uns immer verteidigen, wenn wir unsere Meinung sagen, das war schon zu DDR-Zeiten so.“ Zwar glaubt die Dame mit dem Kurzhaarschnitt nicht, dass die AfD viel bewegen werde. Aber hinhören werde die Politik nun vielleicht doch ein bisschen besser.

Richtig hingehört hat der Beiersdorfer Rentner schon längst, der unweit des Schützenhauses unter einer Fichte ein Loch schachtet. Die jungen Leute, die immer wieder nach Bautzen oder Dresden zu Protesten gefahren sind, hätte jeder hören können, sagt er und schiebt seine Kappe ein Stückchen aus dem Gesicht. Ja, auch er ist unzufrieden: „Warum kann man Straftäter nicht von jetzt auf gleich ausweisen? In dieser Beziehung ist der Staat nicht konsequent genug.“ Auch das Thema Rente treibt ihn um: „Das politische System müsste von Grund auf auf den Kopf gestellt werden“, erklärt er. Dass Beamte und Selbstständige in Deutschland nicht in die Rentenkasse einzahlten, sei nicht in Ordnung. Was also bleibt nach einem arbeitsreichen Leben den Menschen hier noch?

Das fragt sich auch die Seniorin aus Dürrhennersdorf, die zum Mittag mal kurz beim Schönbacher Nahkauf vorbeischaut. Wahlanalysen gibt es hier nicht, wohl aber Rippchen und Schweinezungen im Angebot. „Ohne Witwenrente müsste ich unter der Brücke schlafen“, formuliert die ältere Dame drastisch. Sie verstehe auch nicht, warum nun alle Fernsehgebühren zahlen müssten – und es nicht mal für Rentner mit geringem Einkommen eine Ausnahme gebe: Immer auf die Kleinen und immer noch eins drauf – so fühle sich das an. Natürlich ärgere es sie, dass Asylbewerber neue Handys bekämen und eine Wohnung, für die Ärmeren in Deutschland aber nichts da sei, schildert sie ihre Sicht der Dinge. In ihrem Neubaugebiet in Dürrhennersdorf seien fünf Wohnungen für Flüchtlinge freigehalten worden. Gerade mal eine sei für eine gewisse Zeit bewohnt gewesen. „Und der Vermieter freut sich und streicht das Geld für alle Wohnungen vom Staat ein.“ Ja, das AfD-Ergebnis sei gut, konstatiert die Dürrhennersdorferin. Und das sähen auch viele ihrer Freundinnen so.

Dass viele diesmal nicht nur im stillen Kämmerlein geschimpft, sondern tatsächlich zur Wahl gegangen sind, haben die Wahlhelfer als erste gespürt. In Lawalde beispielsweise gingen knapp drei Viertel der Wähler zur Stimmabgabe: „Viele haben ihre erste und zweite Stimme der AfD gegeben“, schildert eine Lawalder Wahlhelferin. Sie persönlich ist über die Lawalder 45,2 Prozent für Tino Chrupalla und die 44,4 Prozent für die AfD erschrocken. Sie persönlich glaube nicht, dass die Alternative für Deutschland viel bewegen wird. „Ich fürchte, die Leute sind auf Parolen reingefallen, das war vor allem Protest“, sagt sie.

Das sieht auch Karsten Jentsch einige Kilometer weiter in Großschweidnitz so: „Ein Denkzettel, damit die Politik mal wieder Bodenkontakt bekommt, ist schon gut“, sagt der Großschweidnitzer Gemeinderat. Ihm persönlich ist das politische Korsett zu eng, in dem Entscheidungen fallen. Platz für echte Mitbestimmung sei kaum. Für fatal hält er auch, dass weder die ostdeutschen Kritiker noch die AfD bislang ernst genommen wurden, sondern sich vielmehr als Nazis beschimpfen lassen mussten. „Dabei wollen doch alle immer Demokraten sein“, sagt er. Tino Chrupalla hat er selbst nicht persönlich erlebt. „Aber viele meiner Bekannten haben ihn in Ebersbacher Schützenhaus erlebt und da hat er nachhaltigen Eindruck hinterlassen“, sagt er. So großen, dass auch Jentsch – und seine Hühner – ein bisschen Platz für Chrupalla freigemacht haben: Am Voliere-Gitter lächelt der AfD-Kandidat vom Plakat und fordert: „Grenzen schützen“.