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Gefährliche Luft

© Norbert Millauer

Eine EU-Studie zeigt erstmals, wie Dresden durch Autos, Feuerwerke und sogar durchs Grillen verpestet wird.

Von Tobias Winzer

Ein röhrender Bus startet am Albertplatz durch. Und auf dem Messgerät von Kaare Press-Kristensen spielen die Zahlen verrückt. In einem Raum von einem Kubikzentimeter, also die halbe Würfelzuckergröße, tummeln sich plötzlich 500 000 feine und ultrafeine Partikel. Manche von ihnen sind tausendmal kleiner als ein Haar breit ist. Mit seinem Messgerät will der dänische Ökologe demonstrieren, wie unterschiedlich die Luftqualität in Dresden sein kann: Hundert Meter Abstand von der Straße und die Zahl der Partikel nimmt um das Zehnfache ab, sagt er.

Der Wissenschaftler war am Donnerstag und Freitag in Dresden, weil hier die Ergebnisse einer europaweiten Studie präsentiert wurden. Dabei hat man in fünf Städten, darunter auch in Dresden, die Anzahl der sogenannten Ultrafeinstäube in der Luft gemessen. Im Unterschied zu den bekannteren Feinstäuben können diese durch ihre geringere Größe bis weit in die Lunge vordringen. Experten gehen davon aus, dass sie unmittelbaren Einfluss auf die Gesundheit haben und zum Beispiel zu Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Das Problem: Anders als Feinstaub, Stickstoffdioxid und Schwefeldioxid werden diese Partikel nicht an festen Stationen gemessen. Deswegen gibt es auch keine Grenzwerte. Das Projekt, das 2011 begann, sollte eine Datengrundlage liefern und die Auswirkungen von Ultrafeinstäuben auf die Gesundheit untersuchen.

In Dresden konnten die Wissenschaftler vor allem herausfinden, wann und an welchen Orten besonders viele Mini-Partikel in der Luft sind. „Bei einem Laubblaser haben wir einmal 1,1 Millionen Partikel gemessen“, sagt Susanne Bastian vom Landesamt für Umwelt. „Für die Bevölkerung von Dresden ist das vielleicht nicht entscheidend, aber für den, der den Laubblaser bedienen muss, schon. Die Forscher stellten auch fest, dass die Partikelanzahl zu Silvester und zum traditionellen Maifeuer in ganz Dresden extrem zunimmt – etwa um das Zwanzigfache. Um festzustellen, welche Straßen am meisten belastet sind, wurden die Messgeräte in ein Cabrio gepackt, das einmal quer durch die Stadt fuhr. Das Ergebnis: Während in Pillnitz Konzentrationen von weniger als 5 000 Partikeln pro Kubikzentimeter gemessen wurden, stiegen die Werte im Zentrum auf bis zu 200 000 Partikel an. „Am schlimmsten war es am Bahnhof Neustadt“, sagt Bastian.

Vorsicht in der Tiefgarage

Mit einigen Stichproben wollten die Wissenschaftler auch herausfinden, wo die meisten Mini-Partikel entstehen. Dabei wurden die meisten Ultrafeinstäube an einem Grill gemessen – etwas mehr als eine Million. Auch in Tiefgaragen, an dicht befahrenen Straßen, in Raucherecken und an Bushaltestellen atmen die Dresdner relativ viele gefährliche Stoffe ein. Die Partikel entstehen generell jedoch nicht nur durch Verbrennungen, sondern auch durch natürliche Ursachen.

Die Auswirkungen auf die Gesundheit sollen nun in weiteren Projekten genauer untersucht werden. Die Forscher gehen aber davon aus, dass es insgesamt einen relativ starken Zusammenhang zwischen der Luftqualität und der Zahl der Atemwegserkrankungen gibt. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind hingegen wohl seltener auf die Mini-Partikel zurückzuführen. Für die Studie wurden unter anderem anonymisierte Daten aus allen Dresdner Krankenhäusern herangezogen.

Die Stadt Dresden hat die Ergebnisse der Studie zur Kenntnis genommen, sieht aber nun die EU in der Pflicht. „Ich habe die Hoffnung, dass die Ergebnisse des Projektes dazu führen, dass sich die gesetzlichen Grundlagen ändern“, sagt Wolfgang Socher, Abteilungsleiter Stadtökologie im Umweltamt.

Betrachtet man nur die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte, steht Dresden übrigens recht gut da. Die Marke von 35 Tagen, an denen die maximal zugelassene Feinstaub-Konzentration in der Luft überschritten werden darf, wurde in den vergangenen beiden Jahren nicht erreicht. Auch in diesem Jahr könnte das klappen. Die Stickstoffdioxid-Werte sind derzeit noch um rund 20 Prozent höher als erlaubt. Die Konzentration des Gases in der Luft geht aber seit Jahren zurück.