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Gefährlicher Einwanderer

Über 1.000 Waschbären wurden letztes Jagdjahr im Kreis Meißen geschossen. Die Tiere entwickeln sich zur Landplage.

© B. Hartung

Von Torge Schreiber

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Am Ende... gut

Das Hoyerswerdaer Bestattungshaus Thomas Konieczny blickt auf knapp 30-jähriges Bestehen zurück.

Scharfenbergs Schlossherr Leo Lippold sah den Karpfen schon vor sich auf dem Teller: Blau gefärbt, mit Butter und frischen Kartoffeln. Aus dem eigenen Karpfenteich sollte er kommen, eine neue Spezialität des Hauses. Kleine pelzige Räuber allerdings machten ihm in den vergangenen Monaten einen Strich durch die Rechnung. In unschöner Regelmäßigkeit holte sich eine Waschbärenfamilie einen Karpfen nach dem anderen aus Lippolds neuem Teich. Aus der Traum vom frischen Fisch.

Lippolds Leidensgeschichte zeigt beispielhaft, dass Waschbären im Landkreis Meißen mittlerweile allgegenwärtig sind. Ablesbar ist das an den Zahlen der durch die hiesige Jägerschaft zur Strecke gebrachten Tiere. Für das Jagdjahr 2012/2013 meldet der zuständige Mitarbeiter im Landratsamt Thomas Vogelsang mit 1.051 erlegten Waschbären einen neuen Rekord. Das Jahr zuvor waren es noch 200 weniger gewesen, im Jahr 2001 wurden nur 25 Tiere geschossen.

Die steigenden Abschlusszahlen lassen auf eine zunehmende Waschbären-Population im Elbland schließen. Die Tiere kompensieren Verluste recht schnell mit zusätzlichen Nachkommen, oder Waschbären aus dem Umland wandern in die frei gewordenen Streifgebiete ein.

Der Allesfresser fischt dabei nicht nur Karpfenteiche leer, er räubert vor allem die Nester sowohl von Baum- als auch von Bodenbrütern. Durch seine ausgeprägte Kellerkunst wird er zu Gefahr für die heimische Vogelwelt, sagt Vogelkundler Holger Horter von der Fachgruppe Ornithologie Meißen im Naturschutzbund.

Größere Waschbärenvorkommen gibt es im Kreis Meißen vor allem in Moritzburg, rund um die Koselitzer Teiche und im südlichen Teil der Großenhainer Pflege. In Ebersbach bei Großenhain beobachtet Jäger Eckhard Schleinitz einen stetigen Rückgang der Vogelbestände. „Vor ein paar Jahren konnte man am Teich noch Rohrdommeln beobachten“, sagt er. „Jetzt gibt es keine einzige mehr.“ Die Entenbestände hätten ebenfalls abgenommen. Weil der Waschbär nicht nur Eier, sondern ebenfalls Wasserschnecken frisst, macht er der heimischen Vogelwelt auch als Nahrungskonkurrent zu schaffen.

Große Problem bereitete ein Waschbärenrudel auch letztes Jahr in der Kleingartensparte Michaelisheim in Großenhain. Dort trieb sich eine Gruppe der Kleinbären herum und plünderte die Gärten. Einige der Unruhestifter konnten gefangen werden, aber kein Jäger wollte die Tiere erschießen. So wurden sie an anderer Stelle wieder freigelassen.

Steffen Richter, Geschäftsführer des Landesjagdverband Sachsen, verteidigt die Zurückhaltung der Jäger. Die Waidmänner fühlten sich in die Rolle des Schädlingsbekämpfer gedrängt. Das allerdings sei nicht ihre Aufgabe. Zudem gebe es keine Abschussprämie für Waschbären. Der einzige Grund für Jäger auf Waschbärenfang zu gehen, sei das Einstehen für die von dem Einwanderer bedrohte Artenvielfalt.

Die ersten Waschbären wurde in den 1930er Jahren von Nordamerika nach Europa eingeführt. Sie sollten die heimische Tierwelt bereichern und Pelze liefern. Gezielt wurden in Hessen Waschbären ausgesetzt. In den Wirren des Zweiten Weltkriegs konnten zusätzlich einige Tiere aus Pelzfarmen entkommen. Seitdem breitet sich der Waschbär unaufhaltsam aus. Inzwischen kommt das Tier in Deutschland flächendeckend vor.