Merken

Gefängnistür steht ganz weit offen

Acht Jahre hat der Angeklagte wegen Totschlags schon in Haft verbracht. Jetzt droht ihm wieder ein Gefängnisaufenthalt.

Teilen
Folgen
© Symbolbild/dpa

Von Jürgen Müller

Meißen. Weit hat er es nicht zum Meißner Amtsgericht, praktisch nur über die Straße. Dennoch erschien er im Dezember nicht zur Verhandlung. Und hat einen plausiblen Grund: Wegen Mietschulden flog er aus der Wohnung, erhielt so die Ladung zum Termin nicht.

Diesmal ist er da, wird von der Polizei vorgeführt. Bedrohung wird ihm vorgeworfen. Er soll einer Bekannten damit gedroht zu haben, sie in ein Gullyloch zu stecken. Die nahm die Frau ernst, schließlich ist es nicht das erste Mal, dass der Meißner jemandem droht.

Im Gefängnis zweimal verurteilt

Einer anderen Frau hatte er angekündigt, er werde sie mit einer Axt erschlagen. Dass die beiden Frauen Angst vor dem Mann haben, ist kein Wunder. Der ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Wegen Totschlags verurteilte ihn das Landgericht Dresden im Mai 2004 zu einer Jugendstrafe von acht Jahren. Die hat der Meißner bis zum letzten Tag vollständig abgesessen. Das ist ungewöhnlich, normalerweise werden Täter, die eine derartige Gefängnisstrafe erhalten, nach zwei Dritteln entlassen, der Rest zur Bewährung ausgesetzt.

Bei dem Angeklagten war das anders, und auch das hat gute Gründe. Denn selbst im Gefängnis beging der Mann Straftaten, wurde zweimal verurteilt. Ein Mal, weil er im Gefängnis mit Drogen handelte, ein anderes Mal, weil er einen Mitgefangenen verprügelte.

Nach der Entlassung aus dem Gefängnis wurde er unter Führungsaufsicht gestellt, und zwar für fünf Jahre. Unter anderem erhielt er die Auflage, sich monatlich einmal bei seinem Bewährungshelfer zu melden. Mindestens in den Monaten August und September vorigen Jahres ignorierte er diese Weisung. Wegen Verstoßes gegen Weisungen während der Führungsaufsicht sitzt er nun ebenfalls vor dem Richter.

Auch das nicht zum ersten Mal. Wegen des gleichen Delikts wurde er im Juni 2014 zu einer Haftstrafe von zwei Monaten verurteilt, die für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Er ist also einschlägig vorbestraft und Bewährungsbrecher. Wie denn die Bewährung verlaufe, will der Richter von dem Bewährungshelfer wissen. Von einem „Verlauf“ könne in diesem Zusammenhang gar keine Rede sein, sagt dieser. Schon von November 2014 bis Mai 2015 habe er den Mann nicht gesehen, dann sei er zwei Monate da gewesen, später nicht mehr.

Letzte Chance auf Freiheit

Auch wegen der Bedrohung stand der Angeklagte schon einmal vor Gericht. Damals wurde das Verfahren gegen eine Auflage eingestellt. Er sollte 100 gemeinnützige Arbeitsstunden leisten. Auch das hat er nicht gemacht. Zwar habe er 40 Stunden bei der Heilsarmee gearbeitet, dann aber wegen „Unstimmigkeiten“ aufgehört. „Ich war dumm, habe es schleifen lassen“, räumt der Mann seine Taten ein. Im Hinblick auf das andere Verfahren stellt das Gericht diese Sache zum zweiten Mal ein.

Die Staatsanwältin fordert wegen der anderen Sache eine Haftstrafe von fünf Monaten, die aber trotz Bewährungsbruchs erneut zur Bewährung ausgesetzt werden sollte. Selbst der Richter scheint überrascht, spricht von einem „Friedensangebot“, das er sogar nachbessert. Er verurteilt den Mann nur zu vier Monaten auf Bewährung. Man hört den Stein bei dem Angeklagten förmlich plumpsen, er bricht vor Erleichterung in Tränen aus. Denn er weiß, es hätte auch ganz anders enden können.

Dennoch steht die Gefängnistür ganz offen. „Eine weitere Bewährung wird es nicht geben“, macht der Richter deutlich. Hält der Mann diesmal nicht den Kontakt zum Bewährungshelfer oder begeht neue Straftaten, dann rückt er ein.