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Gegen das Vereinssterben

Traditionen brechen weg, weil viele Vereine keinen Nachwuchs finden. Eine Initiative will das nicht einfach hinnehmen.

© Arvid Müller

Von Nina Schirmer

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Neue (Flöten-)Töne in der Frauenkirche

Dorothee Oberlinger zeigt mit Liebe und Leidenschaft, wie wandlungsfähig die unscheinbare Blockflöte ist. 

Radebeul. In diesem Jahr feiert der Radebeuler Lößnitzchor sein 30. Jubiläum. 30 Jahre, in denen die Sängerinnen und Sänger die Stadt mit ihren Auftritten immer wieder kulturell bereichert haben. Zuletzt trällerten sie beim Neujahrsempfang des Oberbürgermeisters in den Landesbühnen. Doch wie lange wird es den Traditionschor noch geben?

Die Alterung in der Gesellschaft geht auch an den Vereinen nicht spurlos vorüber. Im Lößnitzchor sind die meisten Mitglieder über 60, sagt Vorstandsvorsitzende Sabine Papke. Immer wieder steigen Sänger altersbedingt aus. Neue kommen kaum nach. Vor allem 30- bis 50-Jährige fehlen, sagt Sabine Papke. Doch gerade diese Gruppe findet oft neben Job und Familie keine Zeit. Auch die Interessen haben sich bei den Jüngeren verschoben. Weniger sind bereit, sich in Vereinen zu engagieren.

Das merkt auch Wolfgang Passig vom Verein der Rassekaninchenzüchter Radebeul S430 Elblößnitz, den es schon seit 1903 gibt. Doch mittlerweile hat die Gemeinschaft nur noch drei aktive Mitglieder. „Es ist nicht ermutigend und macht ehrlich gesagt keinen Spaß mehr“, sagt Passig. Die Jugend habe kein Interesse an der Kaninchenzucht. „Das Handy ist spannender für sie.“ Aber auch Ältere können sich für das Hobby kaum noch begeistern. „Es will keiner mehr Ställe bauen und Futter anbauen“, sagt Passig. Dabei würde er Interessierte gerne unterstützen.

Besonders schade findet der Züchter, dass viele Leute nicht mehr wüssten, was ein Vereinsleben überhaupt bedeutet: nicht nur Hobby, sondern auch selbstloser Einsatz und ein Gemeinschaftsgefühl. Etliche Vereine in der Stadt bangen um ihre Existenz. Vorstände finden keine Nachfolger. Der Radebeuler Kunstverein leidet ebenso unter Nachwuchsproblemen wie der Modelleisenbahnclub.

Vor allem Vereine, die sehr speziell ausgerichtet sind, kämpfen mit dem Mitgliederschwund, sagt Matthias Abraham. Der Leiter des Familienzentrums Radebeul hat sich zusammen mit seiner Kollegin Andrea Mönkhoff auf die Fahnen geschrieben, die Vereine zu unterstützen. Ein Vereinssterben in der Stadt wollen sie nicht einfach hinnehmen. Deshalb haben sie sich beim bundesweiten Projekt „Engagierte Stadt“ beworben. Das Ziel: bürgerschaftliches Engagement stärken.

In Radebeul haben Mönkhoff und Abraham bisher zwei Netzwerktreffen im Kulturbahnhof organisiert. Das Nächste ist für den 16. März geplant. Dort sollen sich Vereine untereinander austauschen. „Manche machen eine gute Öffentlichkeitsarbeit und können anderen erklären, wie das funktioniert“, sagt Abraham. „Andere haben Erfahrung damit, wie man Ämter übergibt oder eine Veranstaltung organisiert.“ Der Leiter der Familieninitiative wünscht sich einen spürbaren Schwung in der Stadt. Eine Solidarität, wie bei der Flut. „Es gibt vieles, was wir gemeinsam schaffen können“, sagt er. Denn in Radebeul könne man zwar schön wohnen, aber zu einer guten Lebensqualität gehöre eben noch mehr.

183 Vereine mit Sitz in Radebeul sind im Registerportal der Länder eingetragen. Zum ersten Netzwerktreffen kamen in etwa 90 Leute, zum zweiten noch 40. Mönkhoff und Abraham sind trotzdem guter Dinge, dass sich die Vereine gegenseitig helfen können. Dazu sollen auch ganz einfache Dinge gehören, wie zum Beispiel mal ein Auto auszuleihen oder einen Raum zur Verfügung zu stellen. Außerdem möchte die Initiative gern Unternehmen mit ins Boot holen. Firmen könnten Mitarbeiter vermitteln, die in Rente gehen und nach einer sinnvollen Aufgabe suchen. Mit ihrem Fachwissen wären sie eine Bereicherung für die Vereine.

Abraham: „Es gibt viele Rentner, denen es gesundheitlich gut geht und die noch etwas bewirken wollen.“ Die Vereine wiederum müssten klar umreißen, wen sie suchen. Jemanden für die Kassenführung zum Beispiel. Oder jemanden, der eine Website anlegen kann. Bisher sei es eher Glückssache, wenn Freiwillige auf Anhieb den richtigen Verein finden. Zur Initiative gibt es auch eine Internetseite, auf der sich die Vereine vernetzen können.

Am 9. Februar wird ab 17 Uhr die Fortbildung „Öffentlichkeitsarbeit im Verein“ in der Familieninitiative angeboten. Kosten: 10 Euro pro Person.

www.engagiertinradebeul.de