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Gegen den Wegwerf-Wahn

Die Bautzener Ganzmacher retten alte Haushaltsgeräte. Für ein neues Angebot brauchen sie aber Unterstützung.

© Uwe Soeder

Von Theresa Hellwig

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Wir sind Meister. Wir können das. 

33 Frauen und 242 Männer sind unter den frisch gebackenen Meisterabsolventen der Handwerkskammer Dresden und damit Aushängeschild der „Wirtschaftsmacht von nebenan“.

Bautzen. Schon zwei Werkstätten hatten dem Mann abgesagt, als er zu den Ganzmachern kam: Der Kaffeevollautomat sei kaputt, nichts zu machen. „Zwei bis drei Ganzmacher demontierten das Ding und fanden den Fehler“, erinnert sich Lutz Schröder, Gründer des Bautzener Projekts. Das Ergebnis der Untersuchung: Der Kompressor und ein Elektroanschluss waren kaputt. „Nach drei Stunden konnten wir den reparierten Automaten an den Besitzer übergeben“, erzählt Schröder.

Solche Geschichten kennt Schröder gut, das passiert immer wieder. Schon seit 2015 ist er einer der Ganzmacher; gründete erst die Initiative, dann den Verein. Die Mitglieder des gleichnamigen Vereins reparieren im Steinhaus ehrenamtlich und kostenlos defekte Haushaltsgeräte, Computer, Fahrräder, Möbel oder kaputte Kleidung. Lediglich Ersatzteile müssen bezahlt oder mitgebracht werden.

Mehr als 500 Teile konnten so schon vor der Müllhalde bewahrt werden. Dinge nicht unnötig wegwerfen, Ressourcen nicht verschwenden, nachhaltig denken – das ist das Ziel der 14 Mitglieder. Seit zwei Jahren schon löten, nähen und werkeln sie zweimal im Monat dienstagnachmittags. Zuweilen werden sie so gut besucht, dass sie nicht alle Reparaturen schaffen und Dinge mit nach Hause nehmen müssen. Nun möchten die Ganzmacher einen neuen Schritt wagen und eine offene Werkstatt einrichten. Dann müssen die Tüftler ihre Werkzeuge und Utensilien nicht jedes Mal mitbringen und aufbauen.

„Es soll eine täglich geöffnete Anlaufstelle geben“, erklärt Schröder. Hilfe zur Selbsthilfe ist dann das Ziel: gemeinschaftliches Nutzen der Geräte, reparieren unter Anleitung und mit Hilfestellung. Eine gute Nachbarschaftsverbindung soll entstehen, Teilen ist das Zauberwort.

Wunsch nach einem Vereinshaus bleibt

Am Liebsten wäre dem 64-Jährigen dafür ein kommunales Vereinshaus; eines, in dem sich Bautzener Vereine treffen können, zum Spielen oder Quatschen – oder eben, um eine gemeinsame Werkstatt einzurichten. Auch ein Gebäude schwebt ihm dafür schon vor. Schröder, der lange als Wohnraumvermittler arbeitete, liebäugelt mit dem ehemaligen Haus der Berufsschule in der Löbauer Straße, das dem Landkreis gehört. Derzeit wird überlegt, in dem Gebäude eine Grundschule zu eröffnen.

Gesprochen hat Schröder darüber auch schon mit Markus Gießler, Referent des Bautzener Oberbürgermeisters. André Wucht, Pressesprecher der Stadt, erklärt, dass die Untersuchung, ob sich das Gebäude als Grundschulstandort eignet, derzeit Priorität hat. Er zeigt sich unzufrieden mit Schröders Nachfrage, die im Rahmen der Diskussion um Bautzens Leitbild stattfand: „Die explizite Ansprache von einer offenen Werkstatt hat nichts mit dem Leitbild zu tun, da dort nur Visionen aufgenommen werden. Darauf wurde Herr Schröder mehrfach hingewiesen.“ Gießler habe aber zugesagt, mögliche kleine Vereinsförderungen zu prüfen, sobald ein entsprechender Antrag eingeht. Den Wunsch nach einem Vereinshaus „werden wir aufgreifen und nach einer Lösung suchen“, sagt Pressesprecher André Wucht.

Auch andere Vereine traten vor Kurzem mit dem Wunsch nach einem Vereinshaus an die Stadt heran (Die Sächsische Zeitung berichtete). Das Ziel, das Schröder und die anderen Vereinsmitglieder mit ihrer Idee verfolgen, geht über den bloßen Umweltgedanken und die Nachbarschaftsbünde hinaus. Vorbilder sind zum Beispiel das Eigenbaukombinat aus Halle, das Hebewerk aus Eberswalde und das österreichische Offene Technologielabor für Gemeinden. Letzteres betont, dass durch das Angebot der ländliche Raum attraktiver wird und junge Menschen für das Leben auf dem Land begeistert werden können. Ein Aspekt, der – wie Schröder betont – auch für Bautzen von Relevanz ist.

Bis die erste Bautzener offene Werkstatt ihre Pforten öffnet, dauert es noch eine Weile. Damit das klappt, benötigen die Bautzener Ehrenamtlichen noch weitere Mitglieder. Etwa in zwei Jahren, so vermutet Schröder, wird der Verein den Plan verwirklichen.

Interessierte können sich bei Lutz Schröder melden.

Infos unter: www.die-ganzmacher.de