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„Geh doch da mal hin!“

Diese Woche stellt die SZ die fünf Bestplatzierten des Wettbewerbs vor. Heute: der Stanzmaschinenbauer Kama GmbH, Dresden.

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Von Michael Rothe

Nein, Marcus Tralau bedient nicht das Klischee vom „Besser-Wessi“. Neben Fachkompetenz sind es seine bescheidene, freundliche aber bestimmte Art, Optimismus und Begeisterungsfähigkeit, mit welcher der Kama-Chef die Belegschaft des Dresdner Stanzmaschinenbauers für sich gewann. „Tralau ist ein Glücksfall für den Betrieb“, sagt dessen langjähriger, 2005 pensionierter Sozius Jörg Schulze. Ohne Wohlwollen und Risikobereitschaft des Unternehmensberaters wäre Kama 1992 dicht gemacht worden.

Dabei war es keine Liebe auf den ersten Blick, als der Hamburger im Rahmen des Atlas-Projekts zur Rettung ausgewählter Treuhandbetriebe in Dresden auftauchte. „Geh doch da mal hin“, so der Auftrag – „ein popeliger Gutachterjob ohne echte Rettungsabsicht“, sagt Tralau. Seinem Grauen über Zustand von Hallen und Technik folgte jedoch eine „Götterdämmerung“.

Wider die Absicht, den Betriebsteil des Radebeuler Druckmaschinenbauers Planeta zu schließen, gab es einen Neuanfang. Mit an Penetranz grenzender Hartnäckigkeit hatte Jörg Schulze Tralau nicht nur von Kamas Zukunftsfähigkeit überzeugt, sondern gar zum Mittun weich geklopft. „Der Zuversicht und Solidarität konnte ich mich nicht entziehen“, so Tralau. Die Vorgabe, das Erbe der Großväter zu retten, sei keine Phrase gewesen.

Immerhin war der 1894 als Sächsische Cartonnagen-Maschinen-Actiengesellschaft (Scamag, siehe Kasten) gegründete Betrieb mit Patenten und Innovationen eine Top-Adresse in der Branche. Pappenbiege-, Druck- und Stanzmaschinen, Schmuckschachteln und Koffer gingen in alle Welt. Meilensteine waren der erste Stanzautomat und die mit Messegold dekorierte Faltschachtelklebemaschine FKM 70.

Die Belegschaft ist erprobt im Überlebenskampf: in Kriegswirren, Zerstörung, Mangelwirtschaft. Das Auf und Ab in der DDR kennt Tralau nur vom Hörensagen. So die unglaubliche Geschichte vom ersten großen West-Auftrag: Für die Maschine zur Herstellung von Persil-Kartons wurden in den 50ern ganze Fabrikwände eingerissen, nur um den Devisenjob von Henkel halten zu können. Oder die in den 80ern parteibefohlene Zusatzproduktion von Konsumgütern wie dem Trabi-Gepäckträger und Zubehör für die legendäre Handbohrmaschine „Multimax“. Oder der aufgezwungene Ratiomittelbau für das Druckmaschinenwerk Planeta in Radebeul, der Kama seiner Kernkompetenz beraubte und so fast den Garaus gemacht hätte. Doch da sind Jörg Schulze, Dietmar Schubert und 19 weitere Kamanesen, die in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eine Stanze bauen und ihre Planeta-Abfindung in den Neuanfang stecken. Das Glück der Tüchtigen und Tralaus US-Kontakte sorgen für Folgeaufträge. Unternehmergeist West trifft Zusammenhalt Ost.

Heute stehen die Totgesagten voll im Saft mit zweistelligem Umsatzzuwachs, schwarzen Zahlen, neuen Produkten wie den Stanzautomaten TS 74 und TS 105, Millioneninvestitionen in den Neu- und Ausbau in Dresden-Reick, in die Fertigung beschichteter Druckwalzen und von Systemen zum Heißfolienprägen und Plaststanzen. Mit Vertriebspartnern wie der Heidelberger Druckmaschinen AG mischt Kama kräftig mit. Tralaus Ziel: „Bei der Veredlung von Druckprodukten wollen wir Nummer eins werden und bei Walzen zu den Top-Anbietern gehören.“ Dazu müssten aber die Kosten gesenkt und die Produktivität verbessert werden.

Liebgewonnene Ost-Traditionen sollen aber bleiben: so das tägliche gemeinsame Frühstück aller Angestellten mit der Chefriege um Tralau. Der ist sicher, dass das Vorhaben gelingt. Er ist Realist. Geträumt wird nur beim Segeln auf der Ostsee. Sein Boot heißt „Andante“. Der Name steht in der Musik für mittleres, schreitendes Tempo. An Bord, im Spiel der Wellen, mag es der Musikfan lieber Adagio, vergisst die Welt samt Kama – wohl wissend, dass deren Weg an die Spitze nur über ein schnelles Allegro führt.