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Geheimtreffen für mehr Geld

30 Millionen Euro mehr sind weniger als erwartet – die deutsche Spitzensportreform scheint endgültig zu scheitern.

© dpa

Von Nikolaj Stobbe und Jörg Mebus

Es ist seltsam still geworden um die Reform des deutschen Spitzensports – bis zum großen Knall diese Woche. Unmengen an Gesprächen hatte es zuvor schon gegeben, Konzepte und Gegenvorschläge, dazu reichlich Kritik sowie immer wieder auch Unverständnis bei alle denen, die sich als Verlierer sahen beim Ansinnen, die Förderung von Sportarten und Athleten effizienter und vor allem deutlich erfolgsabhängiger zu gestalten. Plötzlich gab es jedoch außerdem überraschend viele Medaillen bei den Olympischen Winterspielen sowie eine neue Regierung in Berlin.

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Ob das eine mit dem anderen zusammenhängt, vermag niemand so recht zu sagen. Zu komplex ist die Gemenge- und Interessenlage, zu viele Entscheidungsträger müssen, wollen und dürfen mitreden.

Das für den Sport zuständige Bundesinnenministerium (BMI) hat nun aber für eine Schockstarre im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) gesorgt. Die viel diskutierte und längst überfällige Etaterhöhung in den nächsten Jahren fällt deutlich niedriger aus als erwartet. „Das BMI fördert den Spitzensport ab 2019 jährlich mit zusätzlich 30 Millionen Euro“, teilte das Ministerium lapidar mit.

Die Rechnung des DOSB sah allerdings anders aus, ganz anders. Für 2019 erhoffte sich der Dachverband eine Erhöhung um 90 Millionen Euro, für das Olympiajahr 2020 beantragte man sogar 120 Millionen Euro mehr. Macht unterm Strich also 150 Millionen Euro weniger.

Schon für das laufende Jahr 2018 hatte der DOSB auf 60 Millionen Euro zusätzlich gehofft, „doch 2018 wird es Stand jetzt keine weitere zusätzliche Erhöhung geben“, bestätigte SPD-Wirtschaftspolitiker Martin Gerster dem Sportinformationsdienst. Der Etat bleibt damit bei knapp 170 Millionen Euro. Die bereits angelaufene Reform zur Förderung des Leistungssports, so der offizielle Titel, gerät damit in Gefahr. Dabei hatte der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) gefordert, dass Deutschland bei Großevents wieder mehr Podiumsplätze erreichen müsste. Der neue Kurs des BMI dürfte die Reformpläne erschweren, wenn nicht gar durchkreuzen. Mit dem zusätzlichen Geld sollten unter anderem mehr Trainer eingestellt und die beruflichen Perspektiven der Athleten verbessert werden.

Wie wichtig dem DOSB eine Erhöhung schon für 2018 ist, zeigte sich bei einem Streit im Vorjahr. Nachdem der Abteilungsleiter Sport im BMI, Gerhard Böhm, einen Mittelaufwuchs von 39 Millionen Euro für 2018 wegen „fehlender Etatreife“ verweigert hatte, reagierte der Verband empört. Präsident Alfons Hörmann knüpfte daraufhin mehrfach eine Umsetzung der Reform an eine signifikante Etataufstockung. Auf die neuerliche finanzielle Hiobsbotschaft des BMI reagierte der DOSB indes verhalten. Hörmann hofft, dass mithilfe intensiver Lobby- und Überzeugungsarbeit doch noch mehr Geld herauszuschlagen ist.

Dies geschieht ab sofort in neuer Personalkonstellation. Der als unbequem geltende BMI-Abteilungsleiter Böhm ist just diese Woche mehr oder weniger unerwartet mit 56 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand geschickt und durch die Ministerialdirektorin Beate Lohmann ersetzt worden. Die Vorsitzende des Bundestagssportausschusses, Dagmar Freitag (SPD), hatte diese Entscheidung heftig kritisiert, von einer Hinterzimmer-Politik gesprochen und den DOSB mit dessen Lobbyarbeit für Böhms Ablösung verantwortlich gemacht. Freitag hält die Sportetat-Erhöhung von 30 Millionen Euro zudem für angemessen. Das sei „eine Summe, mit der der Sport vernünftig arbeiten kann“, meinte sie.

Der Bundesrechnungshof (BRH) hatte das BMI im Vorfeld zu einem sparsamen Umgang mit den Fördergeldern aufgerufen. Eine Erhöhung der Fördersumme sei nur berechtigt, wenn es strukturelle Veränderungen durch die bereits angelaufene Reform zur Spitzensportförderung gebe. Dies sei für das Jahr 2018 noch nicht zu erkennen, hieß es. Auch für 2019 mahnte der Rechnungshof zur Zurückhaltung.

Dass sich die Situation zuspitzt, beweist nicht zuletzt der vom ARD-Journalisten Hajo Seppelt öffentlich gemachte Brief von Hörmann an Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) mit der Bitte um ein dringendes Gespräch „im engsten Kreis“.

Offenbar sieht Hörmann die Spitzensportreform bereits als gescheitert. „In der derzeitigen Aufstellung scheint uns eine Umsetzung, wie ursprünglich geplant, (…) schlichtweg nicht machbar, und deshalb sollten wir zeitnah nach gemeinsamen Lösungsansätzen suchen. Dies auch vor dem Hintergrund, dass gerade die nun bevorstehenden Entscheidungen im Bereich der Wintersportverbände unter anderem auch die Landtagswahl in Bayern nicht unwesentlich tangieren werden.“

Er wolle mit Seehofer die Notwendigkeit der Leistungssportreform und ihre Ziele reflektieren und Anpassungen und Änderungen vornehmen. Fortsetzung folgt, Ausgang offen. (sid, mit SZ/-yer)