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Gelbe Karte für Raser

Vor der Grundschule in Niederau wurden die Schüler am Mittwochvormittag selbst zu Verkehrspolizisten.

© Claudia Hübschmann

Von Dominique Bielmeier

Landkreis Meißen. Der Mann habe es eilig und deshalb ausnahmsweise nicht auf die Geschwindigkeit geachtet, sagt er etwas verschämt zum kleinen Paul, der vor ihm steht. „Ich bin traurig, dass Sie zu schnell gefahren sind“, sagt der Drittklässler mit ernster Miene. Dann reicht er dem Mann, der selbst Vater von vier Kindern ist, symbolisch eine Gelbe Karte für die 57 Stundenkilometer, die der Autofahrer vor der Grundschule in Niederau um kurz nach sieben am Mittwochvormittag erreicht hat. Erlaubt sind hier 50.

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„Ein ganz anderer Lerneffekt“ sei es, den Autofahrern Kinder gegenüberzustellen, erklärt Polizeirat Gerald Baier, der die Verkehrspolizeiinspektion in Dresden leitet. Dahinter steckt eine jährliche Aktion der sächsischen Polizei zusammen mit dem ADAC: „Blitz für Kids“ soll Autofahrer dafür sensibilisieren, welchen Gefahren besonders die kleinsten Verkehrsteilnehmer ausgesetzt sind, die häufig spontan und unvorhersehbar reagieren. Im Gebiet der Polizeidirektion Dresden gebe es im Jahr über 300 verunglückte Kinder, wobei auch Beifahrer gezählt werden, sagt Baier.

„Blitz für Kids“ soll aber auch den Schülern die Arbeit der Polizei näherbringen. Wie kein Zweiter schafft das Hauptkommissar Detlef Kaminsky, der auch Puppenspieler ist. Welche Schuhgröße es habe, fragt er ein Mädchen aus der 3 b. Größe 35, antwortet sie. Wenn sie zu nahe an der Straße stehe, mit einem Fuß vielleicht sogar auf der Fahrbahn, dann könne daraus aber schnell die 55 werden, warnt Kaminsky und sorgt so für schallendes Gelächter bei den Kindern.

Die dürfen an diesem Vormittag selbst aktiv werden. Eine Gruppe steht neben Polizeihauptmeister Andreas Hofmann an der Laserpistole und darf sogar mal durch den Sucher schauen, auf den roten Punkt, den der Polizist möglichst genau auf das Kennzeichen der Autos richtet, bevor er abdrückt. So werden die Laserstrahlen am besten reflektiert und die Geschwindigkeit kann gemessen werden. Ein paar Meter weiter in Richtung Meißen steht Kollege Tony Jäger. Der Polizeimeister zieht dann die gemessenen Autofahrer für die Kinder raus – und zwar auch die, die vorbildlich gefahren sind.

Bei ihnen sitzt der Schreck tief, als sie angehalten werden. Aber als Jäger erklärt, warum sie stoppen müssen, wird aus der finsteren Miene ein Lächeln. Die meisten steigen gerne kurz aus für die Kinder der anderen Gruppe. Denn die loben die Autofahrer, die sich an die Geschwindigkeit gehalten haben. „Sagt dem Nächsten, der zu schnell ist, richtig die Meinung“, empfiehlt eine VW-Fahrerin mit Wolfsburger Kennzeichen, die mit 42 Stundenkilometer unterwegs war. Also eigentlich 39, denn wie die Kinder lernen, muss man drei Stundenkilometer Toleranz abziehen.

„Viele sind sich nicht mehr sicher, ob man hier 50 fahren darf oder doch nur 30“, sagt Baier amüsiert und verweist auf Fahrer, die kurz vor der Messstation noch mal stark abbremsen. Der Laser und die Tempotafel sind schon von Weitem gut zu sehen. Vielleicht müssen die Kinder deshalb von 23 angehaltenen Fahrzeugen an diesem Morgen nur drei Fahrer rügen. Ein Bußgeld wurde für keinen Einzigen fällig. „Das ist für uns ein sehr erfolgreicher Schnitt“, sagt Baier. Denn den Verkehrspolizisten gehe es nicht etwa darum, so viele Autos wie möglich zu blitzen oder zu lasern. „Erfolg ist für uns, dass wir keine Überschreitung haben.“ Ganz anders als am Tag zuvor, als „Blitz für Kids“ in Grumbach Station machte: Zehn von 25 gestoppten Autos hielt sich nicht an die vorgeschriebenen 30 Stundenkilometer.

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Das tut auch ein Auto nicht, das nun aus Meißen angebrettert kommt. „Das ist Blaulicht, vielleicht sind das eure Kollegen!“, ruft ein Junge aufgeregt. Die Kinder sind sich schnell einig, der Raser muss gelasert werden. Die Begeisterung ist groß, als das Gerät 69 Stundenkilometer anzeigt. Rekord. Angehalten wird der Notarzt trotzdem nicht. Das verstehen auch die kleinen Polizisten schon gut.