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Gepflegt bis in den Tod

Ein deutsch-kubanisches Paar steht unter Verdacht, im Süden Spaniens alte Leute unter erbärmlichen Bedingungen gefangen gehalten und ausgeplündert zu haben.

Die inzwischen verstorbene Maria B. (M r) nimmt an einer Weihnachtsfeier im Heim Novo Sancti Petri teil. © Heim Novo Sancti Petri

Von Martin Dahms, Madrid

Wer alt ist, ist verloren. Da schaut niemand mehr so genau hin. Ein Notar lässt eine gut 70-Jährige für eine 101-Jährige durchgehen. Ein Bestattungsunternehmen verbrennt schnell den Leichnam einer kurz zuvor Verstorbenen. Die Polizei lässt sich Zeit bei der Aufklärung eines mutmaßlichen Verbrechens. Ein Altenheim erlaubt einem Paar, eine Bewohnerin mitzunehmen, die das nicht wollen kann. Alle taten ihr Bestes, ganz bestimmt. Es ist wie aus einem Horrorfilm, in dem man den Protagonisten immerzu zurufen will: Passt doch auf! Alle passten erst auf, als es zu spät war. Zwei haben aber doch überlebt. Der Eine, ein Deutscher, bat als erstes um sein Gebiss, das man ihm lange zuvor genommen hatte.

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Ende vergangenen Jahres ging bei der Polizei in Frankfurt am Main eine Anzeige ein. Eine Frau hatte seit längerem nichts von ihrer Jugendfreundin Maria gehört, die auf Teneriffa lebte. Maria war 101 Jahre alt, gut möglich, dass sie gestorben war, aber ihr Tod war nirgendwo registriert worden. Die Frankfurter setzten sich mit der Polizei in Spanien in Kontakt. Die dortige Guardia Civil machte Maria in einem Altenheim im andalusischen Chiclana ausfindig, nicht weit von Cádiz. Die Beamten sprachen mit ihr. Sie hatte eine beunruhigende Geschichte zu erzählen.

Ein deutsch-kubanisches Paar hatte sich im Sommer das Vertrauen der alten Frau erworben und sie dazu überredet, von Teneriffa nach Chiclana überzusiedeln. Sie kam, doch statt liebevoller Pflege erlebte sie einen Albtraum aus Misshandlung und Unterernährung. Bis es ihr so schlecht ging, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Von dort kam sie in das Heim, in dem sie die Guadia Civil ausfindig machte. Es ging ihr wieder recht gut. Die Beamten recherchierten und stellten fest, dass Maria zwischen Oktober und Dezember ihr gesamtes Vermögen, 162.000 Euro und ein Haus auf Teneriffa, verloren hatte.

Dann ging etwas schief. In den Tagen um Weihnachten, an einem Vormittag um 11 Uhr, holte das deutsch-kubanische Paar Maria aus dem Heim ab, in dem sie glücklich untergekommen war. Um 16 Uhr des selben Tages war Maria tot. Das Paar brachte die Leiche zu einem Bestattungsunternehmen und bat um schnelle Einäscherung. So geschah es. Das klingt ganz unglaublich, aber so erzählt es die für diesen Fall zuständige Guardia Civil in Cádiz.

Am folgenden Tag schauten Beamte bei dem verdächtigen Paar vorbei. Sie fanden dort Schlüssel für ein anderes Haus. In dem waren ein alter Deutscher und eine alte Holländerin eingesperrt, festgebunden an ihre Rollstühle, unter Beruhigungsmittel gesetzt und mit einer Nasensonde ernährt. Eines der ersten Dinge, um die der Deutsche nach seiner Befreiung bat, war sein Gebiss, um wieder ein gutes Stück Fleisch essen zu können. Das Gebiss war aber verschwunden.

Die gut 70-jährige Holländerin, fand die Polizei heraus, war von dem Paar benutzt worden, um bei einem Notarbesuch für die 101-jährige Maria durchzugehen. Das klingt auch ganz unglaublich, aber so erzählt es die Guardia Civil. Mit dem Einverständnis der falschen Maria, die wahrscheinlich nicht wusste, was sie tat, bekam das Paar Generalvollmacht für alles, was die richtige Maria anging. Die nutzte das Paar, um Marias Konten zu plündern und ihr Haus zu verkaufen.

Es gibt noch drei andere mutmaßliche Opfer, die sind auch schon tot. Das deutsch-kubanische Paar war dafür im Moment seiner Festnahme im Besitz von insgesamt mehr als 1,8 Millionen Euro. Jetzt sitzt es im Gefängnis, und noch vier weitere Personen, die bei der Geldwäsche geholfen haben sollen. Unter den vielen Straftaten, die dem Paar vorgeworfen werden, ist kein Mord. Die Opfer waren alt. Da schaut niemand mehr so genau hin. Wer alt ist, ist verloren.