Teilen:

Geprügelt von der eigenen Frau

© dpa

Immer mehr Männer in Dresden werden Opfer von Gewalt in der Beziehung. Eine Schutzwohnung bietet Hilfe.

Von Julia Vollmer

Eingepfercht zwischen Regalen und den Konserven für den Winter – mit kaum Tageslicht und frische Luft. So sah über Monate sein Leben aus. Der Mann soll hier Bernd Kalisch heißen, im wahren Leben lautet sein Name anders. Sein Geld musste er jeden Monat abgeben, zu Essen und zu trinken bekam er nur das Allernötigste. All das tat ihm die Person an, die ihn eigentlich am meisten lieben sollte: seine eigene Frau. Irgendwann kam er ins Krankenhaus, völlig unterernährt. Erst dort wurden die Ärzte auf seine Situation aufmerksam.

Sein Fall steht beispielhaft für die Männer, um die sich Sozialpädagoge Sascha Möckel und seine Kollegen von der Männerschutzwohnung kümmern.

Seit zwei Jahren gibt es die Schutzwohnung des Männernetzwerks nun in Dresden. Wo sie sich genau befindet, soll geheim bleiben. Zum Schutz der Opfer. Das Apartment hat Platz für drei Männer und jeweils ein Kind. Sozialarbeiter betreuen die Männer. Alle Opfer haben häusliche Gewalt erlebt: egal ob physisch, psychisch oder sexuell. „Es gibt Gewalt in der Beziehung, aber verstärkt auch in der Trennungssituation“, so Sozialarbeiter Sascha Möckel. Und der Bedarf, in einer solchen Schutzwohnung unterzukommen, wächst. Gab es 2017 noch 29 Männer, die bei dem Netzwerk Beratung gesucht haben, waren es 2018 bislang schon 40. „Wir führen inzwischen eine Warteliste“, so Möckel. Drei Monate können die Männer in der Wohnung bleiben. Sie sollen zur Ruhe kommen, die Beziehung aufarbeiten und sich Hilfe suchen.

„Die Täterinnen stammen aus allen Gesellschaftsschichten, von der Zahnärztin bis zur Seniorin“, erzählt der Sozialarbeiter. Meist seien die Frauen ihren Männern emotional und kommunikativ überlegen. Den Männern werde das Geld abgenommen, der Zugang zu den Konten verweigert und sämtliche soziale Kontakte untersagt.

„Die Scham der Männer, sich zu öffnen und die Taten öffentlich zu machen oder gar anzuzeigen, ist groß“, so Enrico Damme von der Jungen- und Männerarbeit Sachsen, die mit der Kampagne „Mann, gib dich nicht geschlagen“ auf das Thema aufmerksam machen will. Nicht nur die Gewalt gegen Männer ist in Dresden ein Problem, sondern Drangsalierungen in der Beziehung oder Ehe insgesamt. 2017 gab es 1 112 Fälle in Dresden, 2002 nur rund 300 in ganz Sachsen. Das liegt einerseits an einem Anstieg der tatsächlichen Fälle. Zum anderen daran, dass sich mehr Opfer trauen, die Taten anzuzeigen, so die Polizei. Noch vor zehn Jahren war die Dunkelziffer deutlich höher. Aber hoch sei sie auch 2018 noch. Außerdem gibt es erst seit 2002 das Gewaltschutzkonzept, bis dahin waren die Betroffenen schlechter geschützt.

Was weiß man über die Opfer, was über die Täter? Mit rund 68 Prozent ist die überwiegende Zahl der Opfer weiblich, so Tom Bernhardt, Sprecher des Landeskriminalamtes Sachsen (LKA).

Fast jede Zweite wurde bei den Übergriffen verletzt. Die Täter waren meist der eigene Partner oder nahe Angehörige, in der Mehrzahl der Fälle ehemalige Partner. Der Anteil der nicht deutschen Täter lag bei rund 17 Prozent. Dabei stammen die Täter aus allen sozialen Schichten und allen Altersklassen.

Die Gründe, warum ein Streit in Gewalt eskaliert, sind Unzufriedenheit in der Beziehung, Stress im Job oder Verhaltensstörungen bei den Tätern. Viele wiederholen aber auch ein Muster, das sie in ihrer Kindheit erlebten. Konflikte mit Schlägen „lösen“ – so sahen es viele Täter bei ihren eigenen Eltern. Das beobachten auch die Mitarbeiter der Täter-Beratungsstelle Escape. „Zu uns kommen hauptsächlich Männer, die von ihren Frauen geschickt wurden.“ Gleich nach der Tat seien die Schuldgefühle am höchsten und damit die Bereitschaft, sich Hilfe zu suchen.

Doch warum bleiben so viele Opfer, egal ob Männer oder Frauen bei ihren gewalttätigen Partnern? Oft ist Abhängigkeit das größte Problem – emotional vom langjährigen Ehemann oder von der Mutter der Kinder, aber auch wirtschaftlich vom Ernährer oder Partner, der jahrelang den Alltag und die Behördenangelegenheiten erledigt hat. Viele Betroffene hätten weder eigenes Geld noch ein Konto und flüchten mit ihren Kindern aus Angst vor dem finanziellen Ruin nicht aus ihrer privaten Hölle und bleiben. Im Schnitt trennen sich die Opfer erst nach sieben Jahren.

Kontakt unter: [email protected]