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Geschichte ohne Blockflöten

Die Thüringer CDU hat ihre DDR-Vergangenheit von Historikern aufarbeiten lassen. Ein Begriff taucht gar nicht auf.

© Bundesarchiv

Von Eike Kellermann, Erfurt

Hans-Peter Häfner war ein junger Ingenieur im Kali-Kombinat an der Werra im damaligen Bezirk Suhl. Zweimal, erzählt er, wollte die SED ihn werben. Die DDR habe ihn studieren, ja sogar promovieren lassen, lautete die unmissverständliche Aufforderung zum Eintritt in die Staatspartei. Bevor die SED-Leute ein drittes Mal kamen, ging er zur CDU. Er stamme aus einem christlichen Elternhaus, da wäre die SED für ihn nie infrage gekommen.

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Hans-Peter Häfner, nach der Wende Mitglied der frei gewählten Volkskammer und danach Landtagsangeordneter in Thüringen, ist kein Einzelfall. „Die Mitgliedschaft in der CDU war auch ein bewusstes Bekenntnis, nicht in die SED zu gehen“, sagt Jörg Ganzenmüller, Chef der Unabhängigen Historikerkommission, die von der Thüringer CDU mit der Aufarbeitung ihrer DDR-Geschichte beauftragt worden war.

„Es ging nicht um Verurteilung oder Freispruch für CDU-Mitglieder, sondern um ein besseres Verständnis der SED-Diktatur“, so Ganzenmüller. Drei Jahre untersuchten er und zehn Kollegen die CDU-Geschichte in den DDR-Bezirken Erfurt, Suhl und Gera. CDU-Landeschef Mike Mohring sieht sich damit als Vorreiter in Ostdeutschland. Der Linken, die seit 2014 in Thüringen den Regierungschef stellt, hält er vor, ihre SED-Vergangenheit bisher nicht aufgearbeitet zu haben. In der einst heftig geführten politischen Debatte um „Blockflöten“ und „SED-Täter“ habe man nicht Schiedsrichter sein, sondern zu einer Versachlichung beitragen wollen, sagt Ganzenmüller.

Den Historikern zufolge wurde die CDU nach 1945 von sowjetischer Besatzungsmacht und SED schnell zu einer „nachrangigen Blockpartei degradiert“. Die „erzwungene Transformation“ habe zu einer „bedingungslosen Anerkennung des Sozialismus“ geführt. Die Funktionäre hätten sich der SED untergeordnet. Zugleich wollten sie an der Macht teilhaben und einen modifizierenden Einfluss auf die SED-Politik nehmen – eine Illusion bis zum Ende der DDR. Nicht zuletzt, weil die Stasi die CDU-Funktionärsschicht im Griff hatte.

Bis zum Mauerbau 1961 gab es auch Widerstand. Gebrochen wurde er etwa mit einem Schauprozess gegen CDU-Mitglieder 1952 in Erfurt. Die „Säuberung“ der Partei durch Generalsekretär Gerald Götting erfasste alle Bezirksverbände, so die Historiker. Knapp ein Drittel der Mitglieder in Thüringen habe in den 1950er-Jahren die Partei verlassen. Wer blieb, hatte einen gewissen Freiraum, sich etwa in seinem Dorf zu engagieren. So erfüllte die CDU den ihr zugewiesenen Auftrag, bürgerliche und christliche Milieus zu integrieren.

Hans-Peter Häfner, der zu DDR-Zeiten für die CDU Stadtrat in Vacha war, hatte anfangs Vorbehalte gegen die von seinem Parteichef eingesetzte Historikerkommission. Seine Sorge war, dass CDU-Leute „verleumdet“ würden. Dabei hätten die im DDR-Staatsapparat doch gar nichts zu sagen gehabt, die führende Rolle der SED sei in der Verfassung verankert gewesen.

Den Vorwurf, „Blockflöten“ gewesen zu sein, musste sich die CDU nach der Wende oft gefallen lassen. Natürlich sei sie eine Partei im DDR-System gewesen, sagt Hermann Wentker, Vizechef der Historikerkommission. Trotzdem seien viele Mitglieder bewusst nicht in die SED gegangen, etwa, weil sie Christen waren. „Man muss daher mit der Bezeichnung Blockflöte vorsichtig sein“, so Wentker. Der Forschungsbericht soll im Frühjahr zur Leipziger Buchmesse als Buch präsentiert werden.