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Geschichte von Tod und Vertreibung

Die AG Geschichte des Vereins Treibhaus hat zum Schicksal jüdischer Familien geforscht. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

© Dietmar Thomas

Von Jens Hoyer

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Winterdorf, Eislaufen und Hüttengaudi!

Im Döbelner Winterdorf warten eine überdachte Eisbahn, ein beheiztes Hüttengaudi-Festzelt und massig Programmacts auf Groß und Klein.

Döbeln. Hugo Totschek war zu seiner Zeit in Döbeln ein bekannter Mann. Als sich 1933 vor dem Geschäft des jüdischen Herrenkonfektionshändlers an der Breiten Straße SA-Leute aufbauten, vertrieb sie Totschek mit Tritten in den Hintern. Der renitente Händler schaffte es auf die Titelseite des antisemitschen Hetzblattes „Der Stürmer“. Im Dezember 1933 wurde er verhaftet – und einen Tag später in seiner Zelle in Freiberg tot aufgefunden.

Die Geschichte der Familie Totschek ist nur eine von vielen, die Inhalt einer 109 Seiten starken Broschüre sind, die ganz frisch herausgegeben wurde. In „Niemand kam zurück“ wird das Schicksal jüdischer Familien in der Region Döbeln beleuchtet. Stephan Conrad, Sophie Spitzern und Jan Lormis von der AG Geschichte des Vereins Treibhaus sind die Autoren. Sie konnten für ihre Recherchen auf umfangreiches Material zurückgreifen. So hatten Sebastian und Michael Höhme zuvor schon zur Familie Glasberg und deren Umfeld in Döbeln geforscht.

Im Mildensteiner Erzähler veröffentlichten Siegfried Risse und Renate Bauche 2004 eine Serie über die Juden in Leisnig. Hella und Sandra Rottenberg, zwei niederländische Journalistinnen, waren auf die Spuren ihres Großvaters Isay Rottenberg gegangen, der in Döbeln auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise 1931 eine Fabrik mit modernen amerikanischen Maschinen eröffnete. Die Konkurrenz versuchte nach 1933, Rottenberg auszuschalten. „Erstaunlich ist, dass sich die Stadt auf die Seite von Rottenberg geschlagen hat. Sie hatte großes Interesse an den Arbeitsplätzen“, sagte Stephan Conrad. Rottenberg beschäftigte über 600 Leute.

In der NS-Zeit gelang es noch einer ganzen Reihe von Juden, das Land zu verlassen – oft auch mit der Hilfe von Verwandten. „Es ist erstaunlich, wohin es die Leute verschlagen hat. Sie sind in Australien, Südafrika, den USA, Schweden, England und Frankreich gelandet“, sagte Conrad. Die Hobbyforscher haben Kontakt mit den Nachkommen einiger dieser Vertriebenen aufgenommen. Weitere Informationen wurden in Stadtarchiven, Einwohnermeldeämtern, alten Lokalzeitungen, im Bundesarchiv, Gedenkstätten oder beim Internationalen Suchdienst zusammengetragen. Und die Arbeit ist noch nicht am Ende. Relativ wenig haben die Autoren über jüdisches Leben in Waldheim herausgefunden.

Es wird eine zweite erweiterte Ausgabe des Heftes geben, sagten die beiden. Die erste umfasst 600 Exemplare. „Wir hoffen ja, dass sich ein paar Leute bei uns melden, wenn sie das lesen“, so Conrad. Weil die Broschüre mit Fördermitteln finanziert wurde, gibt es sie kostenlos. Sie ist beim Verein Treibhaus im Haus der Demokratie, im Stadtmuseum und im Stadtarchiv zu bekommen.