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Geschichte(n) ausgraben

Rothenburg beschäftigt sich zu wenig mit seiner Vergangenheit, sagt Hans-Joachim Wergien. Und fordert mehr Initiative.

© Foto: Jens Trenkler

Von Frank-Uwe Michel

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Rothenburg. Hans-Joachim Wergien weiß, wovon er spricht. Seit Jahren beschäftigt sich der Bremenhainer mit Orts- und Familienforschung. Nicht nur in Rothenburg und Umgebung gilt er als Experte, was vor allem die Ahnenforschung betrifft. Deshalb ärgert es den 69-Jährigen, dass die Aufarbeitung der Geschichte „noch nie ein herausragendes Anliegen“ in der Neißestadt war. „Gerade jetzt, zum 750. Geburtstag, sollte es doch eine Herzensangelegenheit sein, sich mit der so langen und sicherlich sehr interessanten Vergangenheit zu befassen.“ Allerdings gibt er zu, dass geschichtliche Daten über Rothenburg nicht ganz einfach zu recherchieren sind. Denn: „Es fehlt einfach an Material.“ Wergien weiß auch, woran das liegt: „Rothenburg war bis 1945 Sitz eines eigenständigen Kreises, der zum Regierungsbezirk Liegnitz (heute Legnica in Polen) gehörte. Dementsprechend wurden die zu archivierenden Unterlagen von Landratsamt, Finanzamt, Katasteramt und Kreisgericht dorthin geschafft. Leider sind die Archive im Zweiten Weltkrieg abgebrannt, die Unterlagen aus Rothenburg wurden vernichtet.“ Was für den Geschichtsforscher aber eher ein Ansporn ist. „Schon aus diesem Grund wäre es wichtig, der Geschichtsaufarbeitung der Stadt eine höhere Wertigkeit zu geben.“

Wergien regt an, das städtische Museum zum Zentrum der Forschungsarbeit zu machen, die in möglichst vielen Händen liegen soll. Es sei klar, dass dieser Part für die Stadt keine Pflichtaufgabe sei und deshalb nur minimal finanziell unterstützt werden könne. „Aber vielleicht kann man sich darum bemühen, ein gefördertes Projekt zur Geschichtsaufarbeitung zu initiieren und es mit geeigneten Personen zu untersetzen.“ Bis jetzt besitze das Museum in dieser Richtung kaum Relevanz. Auch deshalb nicht, weil es nur ehrenamtlich betrieben werde und sporadisch besetzt sei. „Geschichtsforschung ist – vor allem, wenn noch vorhandene Dokumente über alle möglichen Archive verstreut sind – eine sehr zeitaufwendige Angelegenheit.“ Der Bremenhainer hofft aber nicht nur, dass die Stadt künftig größeres Engagement zeigt, sondern dass auch Privatpersonen mit ins Boot steigen. „Es gab hier mal einen Geschichtsverein, der sich leider aufgelöst hat. Es wäre doch ein gutes Zeichen im Jubiläumsjahr, wenn sich interessierte Leute finden und die Arbeit wieder aufnehmen würden.“ Er selbst sei natürlich auch dabei.

Trotz aller Schwierigkeiten bei der Verfügbarkeit historischer Dokumente ist Hans-Joachim Wergien überzeugt, dass es Ressourcen gibt, auf die man zurückgreifen kann. Er wisse, dass zum Beispiel der Martinshof eine sehr umfangreiche Geschichtsschreibung über die eigene Einrichtung besitze. Und auch in der Kirche vermutet er Unterlagen zur Stadtgeschichte. „Vielleicht schlummern in manchem Schrank noch historische Schriften, die man auf den ersten Blick als gar nicht so wichtig einstuft, bei genauerem Hinsehen aber ihre Bedeutung erkennt.“ In persönlichen Nachlässen sei sicherlich noch einiges zu finden. „Es geht doch vor allem um Menschen, die hier gelebt und mit ihrem Schaffen der Stadt ein Gesicht gegeben haben.“ Und er macht Geschichtsforschung an einem Beispiel deutlich. „In Bremenhain hat sich oft die Frage nach dem Alter des Schlosses im früheren Rittergut gestellt. Auch darüber gab es keine gesicherten Unterlagen.“ Über Nachforschungen zu Personen sei er jedoch einen Schritt weitergekommen. „Ich habe erfahren, dass eine Familie von Ohnesorge von 1809 bis in die 1820er Jahre hinein Besitzer des Anwesens und das Oberhaupt der Sippe gleichzeitig Landrat war. 1821 brannte das Schloss in seiner früheren Form ab und wurde erst nach 1857 von Hugo von Winterfeld in seiner noch jetzt existierenden Gestalt
neu aufgebaut. Wenn man sich in die Materie vertieft und Querverbindungen herstellen kann, kommt man in vielen Fällen weiter.“

So setzt Wergien darauf, dass sich – auch in der jüngeren Generation – einige Interessenten finden. Denn: „Rothenburg darf seine Geschichte niemals vergessen!“