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Geschichten von Görlitz

Der Tourismus boomt und die Stadt braucht immer mehr engagierte Gästeführer – solche, wie Elke Schallwig.

© Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Von Daniela Pfeiffer

Görlitz. Vielen Dank, dass Sie mir zugehört haben. Das war meine erste Stadtführung. Als Elke Schallwig das vor drei Jahren zu ihrer Reisegruppe sagt, fällt ihr ein riesiger Stein vom Herzen. War sie doch vorher so aufgeregt. Schließlich wird man nicht als Stadtführerin geboren.

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Mal als Margarethe Sidona Lewin auf dem Nikolaifriedhof (Bild), mal als sie selbst.
Mal als Margarethe Sidona Lewin auf dem Nikolaifriedhof (Bild), mal als sie selbst. © privat

Elke Schallwig hat sich erst nach ihrem aktiven Berufsleben dafür entschieden. Als sie nach Jahren bei den Stadtwerken, wo sie als Diplom-Betriebswirtin gearbeitet hatte, in den passiven Teil der Alterszeit ging, war gleich klar: Zu Hause bleibst du nicht. Sie wollte unbedingt noch etwas machen. Zeitungen wurden durchstöbert, Stellenanzeigen studiert. So richtig war nichts dabei. Als eine Freundin sie dann auf die Gästeführerkurse bei der Volkshochschule aufmerksam machte, dachte sich Elke Schallwig: Kannst ja mal hingehen.

Dass Gäste durch die Stadt zu führen kein Kindergeburtstag ist, wie sie selber sagt, hat sie schnell begriffen. Aber da war sie schon gepackt, belegte Seminare in Stadtgeschichte und Architektur. Die Grundlagen schaffen. Die größte Herausforderung aber kam noch: Jeder, der Stadtführer werden möchte, muss selbst ein Konzept entwickeln. Zwei Monate hat Elke Schallwig an ihrem geschrieben. Ein paar Objekte freilich mussten enthalten sein – das Napoleonhaus zum Beispiel – der Rest war ihrer Gestaltung überlassen. Satz für Satz hat sie aufgeschrieben, was sie sagen will. 27 Seiten waren das am Ende.

Die wurden in der heimischen Küche an den Kühlschrank geheftet und dann ging das Pauken los. Als sie sich halbwegs soweit fühlte, waren der eigene Mann und Freunde Testobjekte. Mit ihnen lief Elke Schallwig durch die Stadt und probierte ihre Führung aus. Irgendwann fällte eine Bekannte, die selbst mal Stadtführerin war, das Urteil: Du bist soweit. Die Prüfung bestand Elke Schallwig – und los ging es.

Leute wie sie, die sich mit Enthusiasmus und Herzblut dahinterklemmen, sind genau das, was die Europastadt Görlitz/Zgorzelec GmbH (EGZ) sucht. Sie ist dafür verantwortlich, den Tourismus in der Stadt zu fördern. Das ist in den vergangenen Jahren eindrucksvoll gelungen, die Übernachtungszahlen steigen kontinuierlich. Manchmal hängt das mit Filmteams zusammen, die sich länger in Hotels und Pensionen einmieten. Aber nicht immer.

Mit steigenden Gästezahlen steigt natürlich auch die Nachfrage nach Stadtführungen, bestätigt die EGZ-Geschäftsführerin Andrea Behr. Neben den klassischen Stadtführungen sind es insbesondere auch neue Rundgänge, die die Gäste begeistern. Da sich Görlitz auch als Startpunkt für Ausflüge in die Umgebung anbietet, werden auch Reiseleitungen nachgefragt. Zwischen Mitte 30 und fast 80 Jahren sind die Gästeführer. Doch ein Problem gibt es dabei: Es sind zu wenig Gästeführer da. Einige sind altersbedingt ausgeschieden oder nicht so flexibel einsetzbar. Deshalb sucht die EGZ permanent neue. Geeignet sind kommunikative Menschen, die keine Scheu haben, vor anderen zu sprechen. Eine deutliche Aussprache ist wichtig und Interesse für Görlitzer Kultur und Geschichte wäre für einen Stadtführer natürlich auch von Vorteil. Eine gewisse Routine im Umgang mit Gruppen sei schön, so Frau Behr. Aber das könne man aber auch erlernen.

Dort, wo auch Elke Schallwig das getan hat: an der Volkshochschule. Auch im gerade begonnenen Herbstsemester sind die Kurse zur Gästeführerausbildung schon wieder gut gefüllt, sagt Christiane Köcher von der Volkshochschule. Von einem regelrechten Boom spricht sie. Schon jetzt gibt es mehr Teilnehmer als 2016 insgesamt und knapp doppelt so viele wie 2015. Auch die Anzahl der durchgeführten Kurse ist erheblich gestiegen. Viele buchen gleich den gesamten Block. Der besteht aus unterschiedlichen, für Görlitz relevante Themen wie Stadt-, Kultur- und Baugeschichte, Kaisertrutz, Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften, Sternwarte, Scultetus oder Johannes Wüsten. Doch auch rhetorische Fähigkeiten werden geschult, es gibt Stimmtraining und Tipps für den Umgang mit Gästen. Zum Beispiel: Wie geht man mit Beschwerden um, wo kann man sich hinstellen, wenn es regnet.

Solche Kurse hat nach und nach auch Elke Schallwig besucht und viel für sich mitgenommen. So weiß sie jetzt, wie sie sich hinstellen muss, um als Führungsperson akzeptiert zu werden: ein fester Stand, leicht breitbeinig, die Hände frei bewegen, bloß nicht vor dem Körper verschränken. Vom Stimmtraining hat sie gelernt, dass sie, wenn die Gruppe sehr laut ist, eben noch lauter sein muss – allerdings mit einer tieferen Stimme als normal.

So ist die Aufregung mit der Zeit dem Spaß gewichen. Drei weitere Führungen sind dazugekommen. Nach der klassischen Stadtführung spezialisierte sich die 63-Jährige auf die Gründerzeit. „Vom Pestacker zum Sündenfall“ – eine etwas andere, weil mystische, skurrile und unheimliche Veranstaltung auf dem Nikolaifriedhof – hat sie sich ausgedacht. Da tritt sie aber nicht als Elke Schallwig in Erscheinung, sondern als Margarethe Sidonia Lewin. Den Namen hat sie auf einem Grabstein gelesen. Im 17. Jahrhundert lebte die Frau, die elf Kinder gehabt haben soll. Neun sind vor ihr gestorben. Mit solchen speziellen Führungen sollen Wiederholungsgäste angesprochen werden, die die Stadt schon kennen. Und natürlich die Görlitzer selbst. Da kommen sehr wenige. Was Elke Schallwig schade findet, gebe es doch so viel zu entdecken – was auch sie vorher nicht sah.

Auf ihrer neuesten Tour, die „Liebesgeflüster“ heißt und eigentlich für den Valentinstag kreiert wurde, führt sie die Leute zum Beispiel am Napoleonhaus entlang und erzählt von der Liebe, die nicht sein durfte. Oder gibt die Überlieferungen vom ehemaligen Badehaus preis, dem man einst bordellähnlichen Charakter nachsagte. Und sie stoppt am Haus Brüderstraße 16. Mann und Frau prangen hier als goldbehangene Köpfe rechts und links überm Eingang. Warum die Frau hier damals die Hosen anhatte, kann man von Frau Schallwig erfahren. Mit Charme und Witz erzählt sie ihre Geschichten. Und Geschichten müssen sein, weiß sie. Wer nur Zahlen aufsagt, hat schon verloren.

Themenstadtführungen liegen laut Andrea Behr voll im Trend. Eine bunte Palette gibt es da, so wie „Film ab“ oder „Görlitzer Kriminalfälle“. Andrea Behr fände es schön, wenn es weiterhin findige Stadtführer gibt, die sich gern mit einem Thema befassen, es inhaltlich überzeugend aufbereiten und die Besucher dafür begeistern können. So wie Elke Schallwig.

„Liebesgeflüster“-Termine: 14.10., 11 Uhr; 28.10., 10 Uhr und 2.12., 12 Uhr. Treff vor dem Dicken Turm