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Geschichtsunterricht im Beiboot

In der Lausitz wird ein Segelboot restauriert, das wohl zur „Wilhelm Gustloff“ gehörte. Bei deren Versenkung vor 70 Jahren kamen 9 000 Menschen um. Bald könnte es auf dem restaurierten Beiboot Geschichtsunterricht geben.

© dpa

Von Anna Ringle-Brändli

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Hoyerswerda. Als Dirk Rolka mit Bekannten nach einem Segelboot für Kinderfreizeiten auf Lausitzer Gewässern suchte, stieß er in Dänemark auf eines mit einer offenbar ganz besonderen Geschichte. Aus den Unterlagen ging hervor, dass es sich um ein Beiboot der „Wilhelm Gustloff“ handelt, wie der 45-Jährige erläutert.

Die Gruppe erwarb 2012 das zur Yacht umgebaute Segelboot, restaurierte es und stellte es einem Förderverein im sächsischen Hoyerswerda zur Verfügung. Derzeit entstehe ein Nutzungskonzept für Schulklassen, die mit dem Boot segeln können. „Geschichte zum Anfassen“ nennt es Rolka. Am 30. Januar wird es 70 Jahre her sein, dass die „Wilhelm Gustloff“ in der Ostsee versank.

Der Untergang gilt als die größte Seefahrt-Katastrophe der Neuzeit. Das Kreuzfahrtschiff, zunächst von der nationalsozialistischen Organisation „Kraft durch Freude“ für NS-Ferienprogramme genutzt, war während des Krieges als Lazarettschiff und Truppentransporter, zuletzt als Flüchtlingsschiff eingesetzt.

Flüchtlinge aus Ostpreußen an Bord

Es sollte Flüchtlinge von Ostpreußen westwärts bringen. In der Hafenstadt Gotenhafen (Gdynia) in der Danziger Bucht legte es am 30. Januar 1945 ab, ein sowjetisches U-Boot griff es mit Torpedos an. Das Schiff sank sehr schnell. Vor der polnischen Küste liegt es heute als geschütztes Seekriegsgrab 42 Meter tief auf dem Meeresgrund.

Mehr als 9 000 Menschen kamen nach Schätzungen ums Leben, darunter viele Frauen, Kinder und verwundete Soldaten. Der Geschichtswissenschaftler Bill Niven von der Nottingham Trent Universität in England hält diese Größenordnung für wahrscheinlich. „Strikt gesehen ist die genaue Zahl aber nicht aufgeklärt.“ Das liegt dem Historiker des Deutschen Marinebunds, Jann Witt, zufolge auch daran, dass das Schiff überfüllt war. „Da wurde reingestopft, was ging, die Flüchtlinge saßen sogar im Schwimmbad des Schiffes.“ Und es gebe keine vollständigen Passagierlisten, erläutert Witt.

Niven, Herausgeber des Sammelbands „Die Wilhelm Gustloff“ (2011), sieht noch Klärungsbedarf, was die Geschichte des Schiffes angeht. Die Grundlagen habe der inzwischen gestorbene Zeitzeuge Heinz Schön mit zahlreichen Büchern gelegt. „Er ist der Chronist“, sagt auch Historiker Witt.

Außer durch Schön sei die Geschichte der „Gustloff“ in Deutschland jahrzehntelang nicht aufgearbeitet worden. „Es gab vielfach die Befürchtung, dass die Auseinandersetzung mit den deutschen Kriegsopfern die deutsche Schuld relativieren könnte“, sagt Witt. Er sieht eine Veränderung, seitdem der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass seine Novelle „Im Krebsgang“ (2002) vorlegte, die das Schicksal der „Gustloff“ aufgreift.

Innenministerium soll helfen

Ob das Beiboot in Hoyerswerda damals an Bord der „Gustloff“ war, als das Schiff torpediert wurde, sei nicht geklärt, sagt Rolka. Jetzt ist es über den Winter in einer Halle in einem Industriegebiet untergebracht. Lautes Schleifen ist aus dem Inneren des knapp zwölf Meter langen Bootes - auch Tenderboot genannt - zu hören. Im August sei es bereits auf dem Geierswalder See ins Wasser gelassen und für Piraten-Freizeiten von Kindern genutzt worden, erläutert Rolka.

In Kürze soll das Nutzungskonzept für die Schulklassen den Landesbehörden vorgelegt werden. Der sächsische CDU-Landtagsabgeordnete Frank Hirche hat sich in die Pläne eingeklinkt und kündigt an, bald mit dem Innenministerium das Gespräch zu suchen. „Wir wollen die Geschichte wachhalten“, sagt Hirche, der auch Landesverbandsvorsitzender der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen/Schlesische Lausitz ist.

Als das Segelboot mit dem heutigen Namen „SeaBreeze“ im Sommer erstmals in der Lausitz zu Wasser gelassen wurde, seien auch „Gustloff“-Zeitzeugen dabei gewesen, berichtet Rolka. „Erst dann ist mir wirklich bewusstgeworden, mit was wir es zu tun haben.“ Einige der betagten Herrschaften hätten darum gebeten, für einige Minuten alleine auf dem Boot sein zu können. Um sich von ihren Angehörigen, die bei der Schiffskatastrophe ums Leben kamen, zu verabschieden. (dpa)

Infos zur Geschichte des Beibootes

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