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Geschieden und vergessen

Viele in der DDR geschiedene Frauen haben wenig Rente. Nach 25 Jahren Kampf startet ein Verein eine neue Kampagne.

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© Sebastian Schultz

Von Uta Büttner

Riesa. Gisela Stanoßek hat Glück gehabt. Hätte sie nicht noch einmal geheiratet: Essengehen, Kinobesuche oder Urlaube wären Dinge, von denen sie nur träumen könnte. „Auf solche Annehmlichkeiten müssen heute viele Frauen, die in der DDR geschieden wurden, verzichten“, sagt die Riesaerin. Der Grund: Die Zeiten der Kindererziehung werden im geeinten Deutschland bei der Rentenberechnung viel geringer bewertet als in der DDR. Erschwerend kommt hinzu, dass damals die während der Ehe erworbenen Rentenansprüche zwischen den Partnern nicht geteilt wurden, so wie es in der Bundesrepublik mit dem sogenannten Versorgungsausgleich erfolgt. Eine Angleichung hat es nie geben – die betroffenen Frauen haben bis heute das Nachsehen. Nach Angaben des „Vereins der in der DDR geschiedenen Frauen“ leben aus diesen Gründen heute noch etwa 150 000 Mütter unter der Armutsgrenze.

Die Riesaerin Gisela Stanoßek, 1989 geschieden und selbst seit 2002 Mitglied im Verein, hatte Glück: „Ich persönlich bin gar nicht mehr auf dieses Geld angewiesen. Mit geht es gut.“ Die 65-jährige Rentnerin heiratete ein zweites Mal und erhält heute Witwenrente. „Ohne diese hätte ich heute Existenzängste.“ Sie war ein Jahr nach der Geburt ihrer Tochter zu Hause geblieben. Später ist sie wieder arbeiten gegangen, aber nur sechs Stunden, um für die Familie da zu sein. „Das habe ich gern gemacht.“

Doch viele Frauen hatten dieses Glück nicht, so wie Inge Adner*. Gerade einmal 250 Euro nach Abzug aller Fixkosten bleiben der Strehlaer Rentnerin im Monat zum Leben. Und das, obwohl sie viele Jahre gearbeitet und zwei Kinder groß gezogen hat.

Als sie geschieden wurde, war ihre Tochter 17 Jahre alt und ihr Sohn acht. „Als er in die Lehre kam, konnte ich ihm manchmal nicht einmal neue Sachen kaufen.“ Denn erschwerend kam hinzu, dass viele Frauen nach der Wende von Entlassungen betroffen waren. „Zum Glück unterstützte mich meine große Tochter damals“, sagt die 73-Jährige. Auch sie hofft immer noch auf ein bisschen mehr Geld. Doch nach nunmehr 25 Jahren Kampf des Vereins glauben die beiden Frauen nicht wirklich mehr an einen finanziellen Ausgleich. „Ich denke ja, dass die Politik auf die biologische Lösung wartet, so schlimm das auch klingt“, meint Gisela Stanoßek.

Der Verein hat aber noch nicht aufgegeben. Zur Mitgliederversammlung im Juni haben die Teilnehmer beschlossen, den Kontakt zu den Politikern und die Öffentlichkeitsarbeit zu intensivieren. So soll die Ausstellung „Frauen kämpfen für ihr Recht – in der DDR geschieden, durch den Einigungsvertrag diskriminiert“ in vielen Städten auf die Benachteiligung aufmerksam machen, teilt Vorstandsmitglied Heidemarie Lasch mit. Am Donnerstag vereinbarte der Vorstand mit dem Landesfrauenverband Sachsen die Präsentation auch in Dresden, Leipzig, Chemnitz und weiteren sächsischen Städten.

Die Chancen auf eine Nachbesserung in der Rente analog des Versorgungsausgleichs, den es in der BRD seit 1977 gibt, schätzt Heidemarie Lasch allerdings als gering ein. „Die Politiker geben wohl eine Benachteiligung zu, sehen aber keine Lösung. Der Aufwand wäre zu hoch und die Finanzierung unklar.“ Ein Versorgungsausgleich analog der Altbundesländer sei juristisch nicht möglich, da den Männern Bestandsschutz gewährt wurde. Eine nachträgliche Kürzung dürfe nicht erfolgen, erklärt Lasch. Deshalb könne eine Nachbesserung nur über einen „fiktiven Versorgungsausgleich“ aus Steuermitteln erfolgen. „Die DDR-Frauen haben im Gegensatz zu den westdeutschen meistens gearbeitet und somit aus eigener Kraft eine Rente aufgebaut. Deshalb erhalten sie im Durchschnitt etwa 200 Euro mehr Rente als Westfrauen“, sagt Lasch. Dies sei unter anderem der Grund, warum eine Nachbesserung laut Politiker nicht erforderlich sei. Westdeutsche Frauen würden öfter Grundsicherung beantragen als DDR-Rentnerinnen. „Damit wird jedoch nicht die Lebensleistung inklusive der Familienleistung für die geschiedenen DDR-Frauen anerkannt“, sagt Lasch.

Weil Gisela Stanoßek nicht mehr an einen Erfolg glaubte, hat sie – wie viele andere – 2015 keinen Vereinsbeitrag mehr bezahlt. Nun keimt mit der neuen Kampagne des Vereins noch einmal Hoffnung. „Ich werde den Betrag zahlen, damit sich vielleicht betroffene Frauen wie Inge Adner auch einmal einen Urlaub leisten können.“

* Der Name wurde von der Redaktion geändert.