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Gespannte Erwartung

Die zwölfjährige Sophia Lutze gehört zu den besten deutschen Bogenschützinnen. Jetzt soll der Höhepunkt folgen.

© Sven Ellger

Von Henry Berndt

Es könnte kaum stiller sein. Die jungen Sportler schreiten einige Meter nach vorn. Sie spannen die Sehne, lassen los. Klack, klack, klack, klack, klack schnellen die Pfeile auf die Zielscheiben in 18 Metern Entfernung. Dann wieder: Stille. Selbst die geflüsterten Anweisungen der Trainer sind in der Turnhalle der Christlichen Schule in Niedersedlitz kaum zu hören. Es ist Freitagabend und die Jugend des Dresdner Bogenschützenvereins macht das, was sie am besten kann: schweigen und schießen.

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Die Kleinste in der Reihe der Schützen trägt einen lila gefärbten Zopf. „Sophia hatte so guten Noten in der Schule, da haben wir ihr das erlaubt“, sagt ihre Mutter Ria Lutze. Wie viele andere Mamas und Papas sitzt sie auf einer Bank hinter dem Schussfeld. Jeder andere Ort in der Turnhalle ist jetzt für sie tabu. Der Pfeil eines Jagdbogens kann eine tödliche Waffe sein. Deswegen war Sophias Mamas anfangs auch nicht gerade begeistert, dass ihre Tochter ausgerechnet Bogenschützin werden wollte. Bei einem Ferienangebot in der 1. Klasse hatte Sophia sofort Freude an dem Sport gefunden. Ein paar Monate später gaben die Eltern ihrem Flehen nach. Mama war früher schließlich auch mal Gewehrschützin. Sicherheitshalber wird Sophias Bogen nach jedem Training in drei Teile demontiert. Geübt werden darf nur in sicherer Umgebung im Verein – das versteht sich von selbst. Sophia war begeistert. Zweimal in der Woche greift sie seitdem zum Jagdbogen, einem von fünf bis sechs verschiedenen Bogentypen.

Heute, nach vier Jahren, ist Sophias aufgestellter Bogen immer noch höher als sie selbst. Dennoch gehört die Zwölfjährige inzwischen zu den besten Bogenschützinnen Deutschlands in ihrer Altersklasse. Genauer gesagt, kann ihr da gerade so ziemlich niemand das Wasser reichen. Sie hat jeden erdenklichen Rekord gebrochen, unzählige Urkunden, Medaillen und Pokale gesammelt. Was sie so gut macht? „Keine Ahnung, sie trifft halt“, sagt ihre Mutter. Im vergangenen Dezember wurde sie Deutsche Meisterin unter freiem Himmel. Bei der letzten Hallenmeisterschaft wurde sie Zweite. Damit ist das nächste Ziel klar – und sie könnte es schon an diesem Wochenende erreichen.

Am Samstag werden in Mühlhausen in Thüringen wieder die besten Bogenschützen des Landes in der Halle gesucht. Ein halbes Dutzend Nachwuchssportler aus Dresden wird dabei sein, natürlich auch Sophia. Ihre Eltern haben sie für Freitag aus der Schule genommen, damit sie früher anreisen können. „Der Papa hat sich auch mal freigenommen, um mit dabei sein zu können“, sagt Mama Ria. Sophia selbst ist ziemlich schüchtern und spricht nicht viel. Dabei habe sie das Bogenschießen schon viel selbstbewusster gemacht, wie ihre Mutter betont. Warum ihr dieser Sport so gut gefalle? „Weil es so schön leise ist“, sagt Sophia. Sie möge es, sich auf eine Sache konzentrieren zu können, ergänzt ihre Mutter. „Sie braucht diesen Ausgleich zur Schule, wo immer alles laut und wild ist.“ Häufig komme ihre Tochter mit Kopfschmerzen nach Hause. Zusammen mit ihrem Bogen, dem Pfeil und der Zielscheibe könne sie entspannen, im wahrsten Sinne loslassen.

Die letzten Trainingseinheiten vor der großen Meisterschaft standen ganz im Zeichen der gezielten Vorbereitung. Kleine Duelle sind angesagt. Wer gewinnt, darf eins weiter nach rechts rutschen. Für einen Treffer im gelben Mittelpunkt der Scheibe gibt es zehn Punkte. Zu einer „Passe“ gehören immer drei Pfeile. Sophia trifft immer wieder ins Gelbe, sie rutscht immer weiter. An ihrer Hüfte hängt der Köcher. Die rechte Hand, die die Sehne spannt, ist mit einem Spezialhandschuh aus Leder geschützt. Am linken Arm trägt sie eine Bandage. Ein bisschen erinnert sie an eine kindliche Version von Jennifer Lawrence im Hollywood-Streifen „Tribute von Panem“. Sie selbst kennt den Film nicht. Mit ihren lila Haaren will sie stattdessen einem ganz anderen Idol nacheifern: Der Zauberin Mal aus dem Disney-Film „Descendants – Die Nachkommen“.