merken
PLUS Leben und Stil

Antibiotika könnten Zähne dauerhaft schädigen

Der Barmer-Zahnreport zeigt, dass an porösen Kinderzähnen nicht immer die Eltern schuld sind.

Mädchen sind häufiger betroffen.
Mädchen sind häufiger betroffen. © Pro Dente

Kreidezähne sind alles andere als kreideweiß. Sie sind gelblich bis bräunlich verfärbt und so empfindlich, dass sie schon beim Putzen Schmerzen bereiten können. Mindestens 450.000 Kinder in Deutschland müssen deshalb vom Zahnarzt behandelt werden. Das sind etwa acht Prozent aller Sechs- bis Zwölfjährigen. Bei manchen sind die Zähne so porös, dass sie schon kurz nach dem Durchbruch gefüllt, überkront oder im Extremfall sogar gezogen werden müssen. Ursache für diese nach der Karies zweithäufigste Zahnerkrankung bei Kindern könnten Medikamente wie Antibiotika sein. Das zeigt der aktuelle Zahnreport der Krankenkasse Barmer, der am Dienstag in Berlin vorgestellt worden ist.

Für den Report haben Wissenschaftler der Uni Dresden Abrechnungsdaten von 298.000 bei der Barmer versicherten Kindern analysiert, die zwischen 2003 und 2011 zur Welt gekommen sind. Rund 23.000 von ihnen haben Kreidezähne. „Über deren Entstehung ist bislang wenig bekannt. Dass macht sie besonders tückisch“, sagte Professor Dr. Christoph Straub, der Vorstandsvorsitzende der Barmer. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Ursachen im Prozess der Zahnmineralisation liegen. Ernährung und regelmäßiges Zähneputzen hätten auf die Entstehung keinen Einfluss. Eine Prävention sei daher nahezu unmöglich. Das sei für die Eltern betroffener Kinder eine wichtige Botschaft. „Sie haben bei der Zahnhygiene ihrer Kinder nichts falsch gemacht!“, so Straub.

Anzeige
Wir suchen Sie!
Wir suchen Sie!

Unser Team braucht Sie als VERKAUFSMITARBEITER IM VERTRIEB (m/w/d) für die Sächsische Zeitung und sächsische.de

Die Datenauswertung zeigt hingegen einen deutlichen Zusammenhang zwischen Medikamentenverordnung und der Bildung von Kreidezähnen. Augenscheinlich war der vor allem bei verschiedenen Antibiotika, die bei Atem- oder Harnwegsinfektionen eingesetzt werden. So seien Kindern mit Kreidezähnen in den ersten vier Lebensjahren um bis zu zehn Prozent mehr und häufiger Antibiotika verschrieben worden als Gleichaltrigen ohne diese Zahnerkrankung. Gefunden wurde dieser Zusammenhang bei häufig angewendeten Antibiotika wie Penicillinen, Cephalosporinen und Makroliden.

Wie dieses Zusammenwirken funktioniere, sei noch unklar und müsse weiter untersucht werden. „Aber unsere Ergebnisse bestätigen entsprechende Hypothesen erstmals auf Basis umfangreicher Routinedatenanalysen“, sagte Professor Dr. Michael Walter, Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik an der Medizinischen Fakultät der Uni Dresden. Er ist der Autor des Zahnreports. Zusammenhänge mit alterstypischen Infekten wie Mandelentfernung oder Paukendrainage konnten nicht festgestellt werden. Auch haben Frühgeburt oder Kaiserschnittentbindung entgegen entsprechender Theorien auf die Bildung von Kreidezähnen keinen Einfluss.

„Antibiotika sind ohne jeden Zweifel segensreich“, sagte Barmer-Chef Straub. Aber sie müssten maßvoll eingesetzt werden. „Die Prämisse lautet: so viel wie nötig und so wenig wie möglich.“ Deutschland ist diesbezüglich auf einem guten Weg: Die Verordnung von Antibiotika bei Kindern bis fünf Jahren hat sich zwischen 2005 und 2019 mehr als halbiert.

Kreidezähne sind nicht heilbar

Die Wissenschaftler haben zudem festgestellt, dass Mädchen etwas häufiger Kreidezähne haben als Jungen. Auch das Alter der Mutter bei der Geburt scheint eine Rolle zu spielen: Kinder besonders junger oder alter Mütter bekommen vergleichsweise seltener Kreidezähne als Kinder, deren Mütter zur Geburt zwischen 30 und 40 Jahre alt waren. „Dafür gibt es einen deutlichen Befund. Aber wir wissen nicht, warum er auftritt“, sagte Walter. Unbekannt ist auch, warum es massive regionale Unterschiede gibt. Bundesweit schwanken die Betroffenenraten bei Kindern auf Stadt- und Kreisebene zwischen drei und 15 Prozent. Auch auf Bundeslandebene sind die Unterschiede noch beträchtlich. Hamburg hat mit 5,5 Prozent die niedrigste Quote an behandlungswürdigen Kreidezähnen bei Kindern, Nordrhein-Westfalen mit 10,2 Prozent die höchste. Sachsen gehört zu den Bundesländern mit relativ niedrigen Fallzahlen. In den Landkreisen Sächsische Schweiz/Osterzgebirge und Mittelsachsen liegen sie unter fünf Prozent, in allen anderen zwischen fünf und sieben Prozent. Nur im Landkreis Leipzig wurden Kreidezähne etwas häufiger behandelt.

Erfasst wurden nur die mittleren bis schwereren Fälle, die eine Behandlung beim Zahnarzt nötig machen. Die leichten Fälle, die eher ein kosmetisches Problem darstellen, finden sich im Zahnreport nicht wieder. Dafür spielen sie in der Mundgesundheitsstudie des Instituts der Deutschen Zahnärzte von Februar 2021 eine Rolle. Diese stellte insgesamt bei etwa 29 Prozent der Zwölfjährigen mindestens einen Zahn mit entsprechendem Befund fest.

Kreidezähne sind eine Mineralisationsstörung des Zahnschmelzes, die sich während der Zahnbildung im Kiefer entwickelt. Mediziner nennen sie Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH). Der Gehalt an Kalzium und Phosphat im Zahnschmelz ist deutlich geringer als bei gesunden Zähnen. Dafür seien Eiweißrückstände aus der Zahnbildung vorhanden, informiert die Initiative Pro Dente. Das macht den Zahnschmelz weicher, dünner und anfälliger für Karies. Bedeckt der Schmelz den Nerv nicht ausreichend, können die Zähne sehr empfindlich schon auf geringe Temperaturunterschiede oder mechanische Reize reagieren. Betroffen sind vor allem die bleibenden, ersten großen Backenzähne und die Schneidezähne. Die Zahnschädigung kann nicht geheilt, aber aufgehalten werden. Sie muss frühzeitig erkannt und behandelt werden, damit der Zahnschmelz sich nicht weiter abbaut und die Zähne langfristig erhalten werden können, rät die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung.

Mehr zum Thema Leben und Stil