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Antibiotika: Starke Geschütze gegen leichte Infekte

Zwar ist der Antibiotikaverbrauch zurückgegangen, zeigt eine Studie. Doch falsche Medikamente fördern Resistenzen.

Unnötig angewendete Antibiotika sorgen dafür, dass es immer weniger wirksame Mittel gegen Infektionen gibt.
Unnötig angewendete Antibiotika sorgen dafür, dass es immer weniger wirksame Mittel gegen Infektionen gibt. © picture alliance/Friso Gentsch/dpa

Antibiotika galten einmal als Wundermittel gegen Infektionen. Doch heute kann man sich nicht mehr hundertprozentig auf ihre Wirksamkeit verlassen. Ursachen sind die immer noch zu unkritische Anwendung und die Auswahl der falschen Mittel, belegt eine Studie des Wissenschaftlichen Institutes der AOK, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde.

Warum lässt die Wirksamkeit von Antibiotika nach?

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Bakterien haben Überlebensmechanismen entwickelt – so genannte Resistenzen. „Damit kann ihnen das Antibiotikum mit der Zeit nicht mehr schaden“, sagt Dr. Thomas Grünewald, Leiter der Klinik für Infektiologie am Klinikum Chemnitz. Unnötig angewendete Antibiotika sorgten aber auch dafür, dass es immer weniger wirksame Mittel gegen Infektionen gibt. Man spricht dann von multiresistenten Bakterien. Diese Tendenz nehme auch weltweit zu. Doch nicht nur die Menge an Antibiotika ist kritisch zu sehen, auch die Art der eingesetzten Mittel. So werden einer aktuellen Studie der AOK zufolge zu oft sogenannte Reserveantibiotika verordnet. Jede zweite Antibiotikaverordnung ist ein solches Medikament.

Was sind Reserveantibiotika?

„Das sind Mittel der zweiten Wahl“, sagt Helmut Schröder, Vizechef des AOK-Institutes. Nicht, weil sie schlechter als Mittel der ersten Wahl sind, sondern weil sie als Reserve gedacht sind und erst dann zum Einsatz kommen sollen, wenn schwere bakterielle Infektionen behandelt werden müssen, die nicht mehr auf Standardantibiotika wie Penicilline ansprechen. Doch die Verordnungszahlen im ambulanten Bereich zeigten ein anderes Bild. „Obwohl man im ambulanten Bereich üblicherweise harmlose Infektionen behandeln muss.“

Wie häufig sind Infektionen mit multiresistenten Erregern?

Für Sachsen meldet die Landesuntersuchungsanstalt pro Jahr etwa 500 Fälle je 100.000 Einwohner. Das sind Infektionen, bei denen verfügbare Antibiotika nicht mehr wirken. Wie viele Menschen aber daran sterben, sei schwer zu ermitteln, weil die resistenten Keime meist nicht als Todesursache angegeben werden. Europaweit wird mit 33.000 Todesfällen durch diese Resistenzen gerechnet.

Ist die Gefahr bei Breitbandantibiotika größer?

„Ja“, so Thomas Grünewald. „Da diese Mittel gegen viele Bakterienarten gleichzeitig wirken, ist die Resistenzgefahr auch größer. Gerade bei bakteriellen Atemwegsinfektionen sind Breitbandantibiotika aber gar nicht unbedingt notwendig.“ Bei diesen Erkrankungen seien drei bis vier Erreger für rund 80 Prozent aller Erkrankungen verantwortlich. „Wenn der Arzt hier entsprechende Mittel auswählt und die Resistenzsituation in seinem Bundesland berücksichtigt, ist eine wirksame Behandlung möglich.“

Wie hoch ist der Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung?

Er ist fast doppelt so hoch wie in der Humanmedizin, zeigt die AOK-Studie. Wurden im Jahr 2019 für Menschen 339 Tonnen Antibiotika verwendet, waren es in der Tierhaltung 670 Tonnen. In einem europäischen Vergleich aus dem Jahr 2017 zeigt sich, dass der Antibiotikaeinsatz bei Tieren in Deutschland mit knapp 90 Milligramm je Kilogramm Nutztier um ein vielfaches höher liegt als in anderen Staaten. So kommen in Norwegen nur drei Milligramm und in Schweden zwölf Milligramm pro Kilogramm Nutztier zum Einsatz. In Dänemark sind es 41 und in den Niederlanden 53 Milligramm.

Häufige Antibiotika:

Das Wissenschaftliche Institut der AOK hat die verordnungsstärksten Antibiotika zusammengestellt.

Bei den Standardantibiotika seien das vor allem die Basispenicilline wie Amoxicillin. Unter den Harnwegstherapeutika werde vorwiegend Fosfomycin verordnet.

Die häufigsten Reserveantibiotika seien Chinolone mit dem Wirkstoff Ciprofloxacin, Erythromycine mit dem Wirkstoff Clindamycin, Folsäureantagonisten mit Sulfamethoxazol und Trimethoprim, Harnwegstherapeutika mit Nitroxolin, Imidazole, die Metronidazol enthalten, sowie Tertauykline mit dem Wirkstoff Tigecyclin.

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Sind Antibiotika gegen Infektionen überhaupt noch zeitgemäß?

Wenn sie leitliniengerecht eingesetzt werden, können sie gegen bakterielle Infektionen sehr sinnvoll sein, sagt Helmut Schröder. Doch es braucht auch neue Wirkstoffe mit neuen Wirkprinzipien, die vorhandene Resistenzen überwinden können.

Wie ist hier der Stand der Forschung?

Die Antibiotikaforschung ist für Pharmahersteller zunehmend unattraktiv. „Sie fokussieren sich lieber auf Wirkstoffe, mit denen höhere Umsätze zu erzielen sind“, so der AOK-Vize. Unter den 316 neuen Wirkstoffen, die in den letzten zehn Jahren in Deutschland auf den Markt gebracht wurden, waren nur acht Antibiotika. In den letzten beiden Jahren seien gar keine neuen Antibiotika zugelassen worden. „Die rasanten Fortschritte in anderen Bereichen, wie der Bekämpfung von Covid 19, zeigen, dass die Kompetenz der Pharmaindustrie für Forschung und Entwicklung auch für neue Antibiotikawirkstoffe vorhanden sein sollte“, sagt Schröder. Gleichzeitig gelte es aber, betriebswirtschaftliche Anreize zu schaffen. Positiv sei, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Jahr 2018 bis zu 500 Millionen Euro bereitgestellt habe, um unter anderem die Antibiotikaentwicklung zu unterstützen.

Kann jeder Einzelne auch selbst etwas gegen Resistenzen tun?

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„Auf jeden Fall“, so Thomas Grünewald. Dazu sei es wichtig, Antibiotika genau nach ärztlicher Empfehlung einzunehmen, also zum Beispiel die Tabletten nicht eher abzusetzen oder Altbestände ohne Verordnung zu nehmen. Zu Beginn der Erkältungszeit rät der Infektiologe, bei viralen Infekten auf entzündungshemmende Hausmittel wie Zwiebel und Rettich zurückzugreifen. „Antibiotika sind hier in den seltensten Fällen notwendig.“

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