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Die widerspenstige Tochter

Eltern fragen sich was sie tun können, wenn ihr kleines Kind das Gegenteil von dem macht, um was Papa oder Mama es bitten. Der Rat des Kinderpsychiaters.

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Unser Kolumnist Prof. Dr. Veit Rössner ist Kinder-Psychiater am Dresdner Uni-Klinikum "Carl Gustav Carus".
Unser Kolumnist Prof. Dr. Veit Rössner ist Kinder-Psychiater am Dresdner Uni-Klinikum "Carl Gustav Carus". © Matthias Rietschel

Unsere Tochter (drei Jahre) macht immer genau das Gegenteil von dem, was wir vorschlagen oder um was wir sie bitten. Was können wir tun? Manchmal tricksen wir sie aus und schlagen das Gegenteil von dem vor, was wir eigentlich wollen. Ist das richtig?

Typisch und erwartbar für Zwei- bis Dreijährige ist, dass sie zunächst immer mehr Alltagsnotwendigkeiten alleine machen wollen und dabei anfangs oft an eigene Grenzen stoßen, sich überschätzen beziehungsweise in ihren Wünschen ambivalent sind. Daher scheint es oft so, als ob sie elterliche Grenzen austesten, indem sie beispielsweise alles und jeden in der Familie steuern wollen.

Im zweiten Lebensjahr ist das noch eine ganz typische und gesunde Entwicklungsstufe, welche die allermeisten Kinder jedoch im Einklang mit der elterlichen Führung und Begleitung hinter sich lassen. Sie durften ab dem Ende des ersten Lebensjahres erfahren, dass sie Menschen – im Gegensatz zu vielen Gegenständen – nicht bedingungslos lenken konnten. Mitunter aber blitzt diese Entwicklungsstufe später immer mal wieder durch. Kinder fallen kurzzeitig, insbesondere in Belastungs- oder Anspannungssituationen, in diese zurück.

In unserem Berufsalltag erleben wir, dass vermehrt auch junge Schulkinder noch der Meinung sind, über alles und jeden bestimmen zu können und bewusst genau das Gegenteil vom Gewünschten tun, um weiterhin „der Steuermann“ zu sein. Das Verhalten Ihrer Tochter ist am ehesten Ausdruck dieses noch bestehenden Wunsches. Dies ist also nicht mehr ganz altersgerecht, passt entwicklungspsychologisch eher ins zweite Lebensjahr und birgt die Gefahr von Schwierigkeiten im sozialen Zusammenleben – und nicht zuletzt besonders in einer fehlgeleiteten und ambivalenten Entwicklung des kindlichen Selbstwertes. Was Ihre Tochter nun ganz schnell benötigt, ist Ihre Klarheit, Verlässlichkeit und Sicherheit im Alltag. Bleiben Sie stets bei einmal ausgesprochenen Wünschen und Anforderungen und setzen diese konsequent und geduldig durch. Hier sind nur wenige Ausnahmen, zum Beispiel bei einem Irrtum mit „hohen Folgekosten“, erlaubt. Wir Eltern müssen klar die Steuermänner mit verlässlichen und damit starren Leitplanken sein.

Dies widerspricht nicht der Notwendigkeit einer gut dosierten und altersgerechten Einbeziehung eines Kindes in Entscheidungsprozesse des Alltags. Bis ins Grundschulalter hinein – also viel länger, als wir Eltern das manchmal glauben – ist ein Kind mit eng gesteckten Entscheidungsübungen altersgerecht gefordert. Im Alltag ahnen wir ja oft, dass bis ins junge Grundschulalter bereits Entscheidungen zwischen zwei überschaubaren Alternativen überfordern können. Ein Beispiel ist die klassische Frage, ob Kinder zwischen den roten oder blauen Schuhen auswählen dürfen. Dem steht nichts im Wege, solange – um bei diesem Beispiel zu bleiben – die passende Größe und Wettertauglichkeit klar von den Eltern bestimmt wurden.

Ihre Idee, dem Kind das Gegenteil vom eigentlichen Ziel vorzuschlagen, sollte eher eine Ausnahme als eine Erziehungsgrundlage sein. Denn es gefährdet Ihre vertrauensvolle Eltern-Kind-Beziehung, die auf Transparenz, Klarheit und Authentizität beruht. Und machen Sie sich nicht zu viele Gedanken. Nicht jede Ihrer – für Sie sinnvollen – Vorgaben muss für Ihre dreijährige Tochter nachvollziehbar sein. Wichtig ist, dass Sie selbst ein klares Konzept in Ihrer Erziehung sehen.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie an die Sächsische Zeitung, Nutzwerk, 01055 Dresden oder eine Mail an [email protected]