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Warum Kinder schon in der Kita eine Fremdsprache lernen sollten

Wissenschaftler weisen nicht nur erstaunliche Leistungseffekte nach, sondern sogar Vorteile für die Demokratie.

Zweisprachig schon im Kita-Alter.
Zweisprachig schon im Kita-Alter. © 123rf

Kindergartenkinder sollen spielen und herumtoben, singen und tanzen. Geht es nach führenden Wissenschaftlern und Wirtschaftsexperten, sollen sie das alles aber nicht nur in ihrer Muttersprache Deutsch tun, sondern auch auf Englisch – oder einer anderen Fremdsprache. Im Idealfall, so Lernforscher Professor Martin Korte, sollte das sogar auf dem Niveau einer zweiten Muttersprache geschehen. Ganz selbstverständlich würden Kinder dann mit einer fremden Sprache umgehen, sich darin auskennen, wie in ihrer eigenen, mit ihr arbeiten, in ihr denken.

Der Neurobiologe sieht darin die größte und zugleich einfachste Chance, Kinder fit für den internationalen Bildungswettbewerb und eine erfolgreiche berufliche Zukunft zu machen. Warum, erklärten er und andere renommierte Teilnehmer bei einer Podiumsdiskussion in Berlin. Zustande gekommen war sie auf Initiative des ehemaligen VW-Konzernchefs Professor Carl Hahn, der vor 95 Jahren in Chemnitz zur Welt kam. „Das Thema frühkindliche Bildung kann dazu beitragen, Deutschland wettbewerbsfähig zu halten“, sagte er.

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Warum sollen Kinder schon im Kindergarten Fremdsprachen lernen?

Weil das Zeitfenster, in dem der Mensch Sprachen leicht, spielerisch und schnell aufnehmen kann, in etwa zwischen dem ersten und zehnten Geburtstag liegt – also in den Kita- und Grundschuljahren. „In dieser Zeit fliegt uns die Sprache zu. Kinder lernen 50 bis 70 neue Wörter am Tag – und merken es noch nicht einmal. Sie müssen keine Grammatik oder Vokabeln pauken. Das geht von selbst“, erklärte Korte. Die Areale, die im Gehirn für den Spracherwerb zuständig sind, erwarten in dieser Zeit Input. Das sei genetisch so festgelegt. Weil das Sprache-Lernen aber anstrengend ist und viel Körperenergie bindet, ist die Kurve nach dem ersten Geburtstag am steilsten und flacht dann schnell ab.

Kommen die Kleinen dabei nicht völlig durcheinander?

Diese Angst ist weit verbreitet. Schließlich lernen Kinder eine fremde Sprache, während sie in der eigenen Muttersprache noch nicht gefestigt sind. Aber die Furcht ist unbegründet. „Fremdsprachen verwirren nicht, der IQ sinkt nicht, Kinder kommen nicht durcheinander“, sagte Neurowissenschaftler Korte. In den letzten Jahrzehnten habe es massive Erhebungen und Untersuchungen gegeben, die das belegen.

Allerdings brauchen Kinder, die zweisprachig aufwachsen, etwas länger für eine Antwort in der korrekten Sprache. Weil die zweite Muttersprache in den gleichen Gehirnarealen abgespeichert wird wie die eigentliche Muttersprache, müssen sie im Kopf dafür erst das richtige Bezugssystem finden. Auch das hätten die Untersuchungen gezeigt. Wer zwei oder mehr Sprachen immer wieder hört und erlebt, übt seine flexible Wahrnehmung. Denn das Gehirn muss bei jedem Laut analysieren, zu welcher Sprache dieser gehört. „Das erfordert ein höheres Konzentrationsvermögen, und das trainiert die ganze Zeit den Stirnlappen“, so Korte. Das ist der Bereich des Gehirns, der rationale Analysen vornimmt.

Inwieweit profitieren Kinder davon, zeitig mehrere Sprachen zu lernen?

Da sehen Forscher und Wirtschaftsbosse viele Vorteile. Sie liegen etwa die in der Entwicklung der Persönlichkeit. Denn der Stirnlappen, der durch die zeitige Mehrsprachigkeit permanent trainiert wird, ist auch in Selbstreflexion, das Nachdenken über und das Einfühlen in Andere involviert. Er wird massiv gefordert, wenn eine Strategie geändert werden muss, weil sich plötzlich in einem beliebigen Bereich des Lebens eine Veränderung ergibt.

Zwei- oder mehrsprachige Kinder sind demzufolge in der Lage, besonders empathisch zu sein und schneller und besser auf ungewöhnliche, beängstigende Situationen reagieren zu können. Forscher nennen diese Fähigkeit kognitive Resilienz. Das zeigen Studien der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Professor Andreas Schleicher leitet dort das Direktorat für Bildung. „Menschen, die mehrere Sprachen sprechen, können die Welt aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Sie können sich zwischen Kulturen bewegen, mit anderen zusammenarbeiten und beherrschen meist ihre eigene Sprache besser“, sagte der Statistiker und Bildungsforscher.

Reicht es nicht aus, dass Kinder in der Schule Sprachen lernen?

Möglich ist das schon, aber es ist „unvergleichlich viel mühsamer. Kinder lernen deutlich weniger, als wenn sie schon mit drei Jahren begonnen hätten“, sagte Martin Korte. Wer Sprachen später lernt, hat Schwierigkeiten bei der Aussprache und beim Hören. „Deshalb haben wir im Englischen das Problem mit der Bildung des ‚th‘. Wir hören es nicht richtig“, erklärte Korte. Zudem sind Kinder, die zeitig eine weitere Sprache lernen, durch ihr geschultes Konzentrationsvermögen weniger leicht ablenkbar. Sie lernen generell schneller etwas Neues, so Korte. Es sei dabei egal, ob die Sprachen miteinander verwandt seien. „Mehrsprachigkeit bringt auch große wirtschaftliche Dynamik, die das Bruttosozialprodukt steigen lässt. Wir können mündigere Bürger erwarten, die auch komplexe Themen verstehen und sich nicht durch Fake-News beeinflussen lassen“, so Hahn. Das sei gut für die Qualität der Demokratie. Außerdem hätten Jugendliche, die mehrere Sprachen sprechen, meistens eine höhere Erwartung an ihre Bildung. „Sprachen öffnen Perspektiven und Ambitionen, weiterzukommen“, sagte Schleicher.

Wann lernen Kinder eigentlich derzeit eine Fremdsprache?

Im sächsischen Bildungssystem ist das Erlernen von Englisch als erster Fremdsprache ab Klasse drei vorgesehen. Die meisten Kinder sind dann neun Jahre alt. Rüdiger School macht das anders. Er leitet die Saxony International School – Carl Hahn gGmbH mit Sitz in Glauchau. In ihren 16 Grund- und Oberschulen, Gymnasien sowie in den zugehörigen 19 Kitas der Gesellschaft zur ganzheitlichen Bildung (GGB) lernen und spielen etwa 4.500 Kinder. Weil in den Kitas zusätzlich zum normalen Erzieherpersonal auch englische Muttersprachler beschäftigt sind, haben die Kinder schon ab drei Jahren einen selbstverständlichen Umgang mit dieser Sprache. Jeden Tag wird sie wie nebenher vertieft. „In der Grundschule wird das weitergeführt. Wir müssen nicht mit Grundlagen beginnen“, so School. In der freien Zeit werden Mathe und Deutsch intensiviert. Das zeigt sich in den Kompetenztests. Dort würden seine Schüler um 60 Prozent bessere Ergebnisse haben als der Sachsendurchschnitt. „Fremdsprachen wirken auf alles positiv. Sie bringen Kinder voran“, sagte School.

Wie steht Deutschland weltweit da?

Der Anteil 15-Jähriger, die in Deutschland in der Schule zwei oder mehr Sprachen lernen, liegt mit 60 Prozent weltweit im guten Mittelfeld. Das zeigen die Pisa-Studien. „Aber es gibt Länder, wo der Anteil nahe bei 100 Prozent liegt“, sagte Schleicher, der die Pisa-Studien koordiniert. Das sind zuvorderst Polen, Litauen, Rumänien und Estland. „Während wir geschlafen haben, sind einige Regionen Chinas an die internationale Leistungsspitze gerückt.“

Wie kann eine Fremdsprache in der Kita umgesetzt werden?

Private Anbieter vermitteln schon seit vielen Jahren in Kitas teils mit Muttersprachlern Basiswissen in Englisch. Probleme dabei: Nicht alle Eltern können oder wollen das bezahlen, und der Unterricht findet nur einmal pro Woche statt. Die GGB in Glauchau legt die Kosten für ihre Muttersprachler auf den Elternbeitrag um, monatlich 25 Euro. Damit alle Kinder profitieren können, egal, aus welchen wirtschaftlichen Verhältnissen sie kommen, fordern Forscher und der Ex-Wirtschaftsboss unisono, dass in allen Kitas neben deutsch- auch fremdsprachige Erzieher arbeiten sollten. „Mit relativ geringen Investitionen können wir ein glücklicheres, längeres und intelligenteres Leben ermöglichen – dank eines höheren IQ-Niveaus“, so Hahn. „Alles, was man in den Kita-Bereich investiert, bekommt man tausendfach zurück.“

Lässt sich der Erfolg nachweisen?

Tatsächlich haben Kinder, die in der Kita waren, einen deutlichen Leistungsvorsprung vor Kindern, die nicht dort waren, den Fremdsprachenerwerb nicht einberechnet. Die OECD hat ausgerechnet, dass durch diesen Leistungsgewinn aus nur einem Kita-Jahr hochgerechnet auf alle Kinder Deutschlands und ihr gesamtes Arbeitsleben insgesamt 4.347 Milliarden Euro mehr erwirtschaftet werden. Allerdings muss dieses Jahr auch zum Lernen benutzt werden. „Wir brauchen daher eine universitäre Ausbildung unserer Kita-Erzieher in frühkindlicher Bildung“, forderte School.

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