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Bakterien sollen gegen Neurodermitis helfen

Fünf Prozent der Sachsen leiden an dem Juckreiz. Forscher schauen jetzt auf das Hautmikrobiom – ein neuer Ansatz.

Jetzt im Winter ist es am schlimmsten: Neurodermitiker leiden unter extrem trockener Haut. Oft hilft da auch ständiges Cremen nicht.
Jetzt im Winter ist es am schlimmsten: Neurodermitiker leiden unter extrem trockener Haut. Oft hilft da auch ständiges Cremen nicht. © 123rf

Cremen, cremen, cremen – das kennen Neurodermitiker von frühester Kindheit an. „Denn, beginnt die Haut auszutrocknen, können Allergene und Keime leichter eindringen und Entzündungen verursachen“, sagt Professor Christian Vogelberg, Leiter des Allergiezentrums am Uniklinikum Dresden. Neurodermitis sei eine genetisch geprägte Barrierestörung der Haut. Im Dresdner Zentrum wird die atopische Dermatitis erforscht und es werden neue Behandlungsverfahren geprüft.

Im Fokus der Wissenschaft steht neuerdings das Hautmikrobiom – das ist die Bakterienflora der Haut. Der US-amerikanische Dermatologe Dr. Richard Gallo stellte erstmals diesen Zusammenhang her. Seitdem ist die Forschung auf dem Gebiet schon weit vorangekommen. So wurde entdeckt, dass die Haut von Neurodermitiskranken häufig übermäßig mit dem Bakterium Staphylokokkus aureus, einem Erreger von Entzündungen, besiedelt ist. Ihre Gegenspieler – die Bakterien Staphylokokkus cohnii und epidermidis – sind bei Betroffenen jedoch kaum noch nachweisbar.

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Individuelle Lotion oder Spray

Diese „guten“ Bakterien gelten als dominante Bewohner gesunder Haut und sind in der Lage, die entzündungsfördernden Bakterien zu verdrängen. Von solchen entzündungsfördernden und -hemmenden Bakterienkonstellationen gibt es noch mehr – ein weites Feld für die Forschung. „Je vielfältiger die Bakterienflora auf der Haut ist, umso gesünder ist sie“, erklärt Vogelberg. Hautabstriche zur Mikrobiomuntersuchung seien eine Diagnostikmethode, die sich mehr und mehr durchsetze. „Wir wenden sie vor allem dann an, wenn sich das Hautbild plötzlich verändert.“ Meist zeige die Probe dann auch eine veränderte Bakterienflora.

In der Therapie der Neurodermitis wird versucht, die fehlenden „guten“ Bakterien irgendwie auf die Haut Betroffener zu bringen. Amerikanische Forscher haben dafür zum Beispiel eine spezielle Lotion entwickelt. In die Lotion wurden im Labor kultivierte Bakterien gegeben, die zuvor von gesunden Hautstellen des Patienten entnommen wurden. Dieses individuelle Verfahren ist jedoch aufwendig und teuer.

Als weitere Option zeigte sich ein bakterienhaltiges probiotisches Spray. Zweimal täglich aufgetragen, konnten Ekzeme bei Kindern deutlich gelindert werden, wie es in einer Veröffentlichung im Ärzteblatt heißt. Der Erfolg hätte bis zu acht Monate angehalten. Doch bisher erfolgten nur Studien an kleinen Patientengruppen. Für eine Zulassung müssen noch umfangreichere Testungen vorgenommen werden.

"Gute Bakterien" über Ernährung aufnehmen

Ein deutsches Start-up-Unternehmen hat gemeinsam mit Mikrobiologen jetzt ein mikrobiomfreundliches Pflegeprodukt entwickelt. Im Gegensatz zu den amerikanischen Produkten enthält es inaktivierte Bakterien, sodass es auch für immunschwache Menschen kein Risiko darstellt. Das Unternehmen Reflora Skin aus Potsdam wurde dafür mit einem Gründerstipendium vom Bundeswirtschaftsministerium und dem Europäischen Sozialfonds gefördert, erklärt Gründer und Geschäftsführer David Baumgarten. Da er selbst seit seiner frühen Jugend an Neurodermitis leidet, sei er immer auf der Suche nach neuen Ansätzen gewesen.

Probiotika sieht auch der Dresdner Dermatologe Professor Uwe Wollina als Schlüssel in der Neurodermitisbehandlung. Er forscht ebenfalls auf diesem Gebiet. Aus seiner Sicht müssten die „guten“ Bakterien aber nicht zwangsläufig auf die Haut gebracht werden. „Eine Aufnahme über die Ernährung, zum Beispiel durch fermentierte Lebensmittel, unterstützt das Mikrobiom im Darm. Dieses tritt in Wechselwirkung mit dem Mikrobiom der Haut“, sagt er. Denn das Immunsystem der Haut sei mit dem im Darm sehr eng verknüpft.

Doch Probiotika und hautmikrobiomfreundliche Pflegemittel sind nur ein Puzzleteil der Neurodermitistherapie, wenn auch ein neues und spannendes, sagt Professor Vogelberg.

Auslöser erkennen und meiden

Grundlage jeder Behandlung sei es deshalb, Auslöser von Neurodermitisschüben herauszufinden und möglichst zu meiden. „In der Ernährung gehören Zitrusfrüchte, Tomaten oder Allergene wie Milch, Hühnerei, Weizen und Nüsse zu den üblichen Verdächtigen“, so Vogelberg. Doch er warnt davor, einfach diese Lebensmittel vom Speiseplan zu streichen. Gefährliche und häufig völlig unnötige Unterversorgungen seien möglich. „Die Allergentestung sollte immer unter ärztlicher Kontrolle und der Austausch der Lebensmittel unter ernährungstherapeutischer Begleitung erfolgen.“

Um den Juckreiz und akute Schübe zu lindern, sind cortisonhaltige Salben und Medikamente die Klassiker. Sie müssen aber dem jeweiligen Hautstatus entsprechend dosiert und angepasst werden, damit mögliche Nebenwirkungen nicht eintreten. Soweit möglich wird auch gerne auf alternative entzündungshemmende Salben und Cremes oder aber ganz neue Medikamente ausgewichen.

Neu sind zum Beispiel Biologika. Dabei handelt es sich um eine Antikörpertherapie, die in den Entzündungsablauf eingreift und bestimmte Botenstoffe blockiert. Es ist eine Behandlung, die an der Ursache der Krankheit ansetzt, – genauso wie die in der Zukunft mögliche Mikrobiombehandlung. „Es ist immer wieder ein Glücksmoment, wenn man schwerst betroffenen Kindern damit helfen kann, wenn man sie nach der Therapie mit fast normaler Haut sieht und merkt, wie sie auch psychisch aufblühen“, so der Professor. Doch die Therapien seien sehr teuer – je nach Alter des Patienten zwischen 10.000 und 20.000 Euro. Deshalb könnten diese Mittel nur dann zum Einsatz kommen, wenn alle anderen Strategien ausgereizt sind.

Die Hautkrankheit macht einsam

Mehr als 3,6 Millionen Menschen in Deutschland sind von Neurodermitis betroffen – Tendenz steigend. In Sachsen tritt die Krankheit besonders häufig auf, wie aus einer Analyse der Barmer hervorgeht. Danach mussten 226.000 Sachsen im Jahr 2018 deshalb einen Arzt aufsuchen. Auf alle gesetzlich Versicherten bezogen entspricht das einem Anteil von 5,5 Prozent. Betrachtet man allein Kinder und Jugendliche, leiden der KiGGS-Studie des Robert-Koch-Institutes zufolge knapp 13 Prozent an Neurodermitis.

Die vielversprechenden neuen Therapieansätze geben Betroffenen zwar Hoffnung, doch komplett heilbar ist diese genetische Erkrankung derzeit noch nicht. Doch es ist der größte Wunsch, zum Beispiel von Julia, Anja, Laura, Medine, Stephanie und Patrick – auf der Internetseite www.leben-mit-Neurodermitis.info verfassen sie regelmäßig Blogs. Sie schreiben über Auslöser, über Mittel und Wege, die Schübe zu lindern und über die Reaktionen ihres Umfelds auf die Erkrankung. „Neurodermitis juckt nicht nur, sondern kratzt auch am Selbstbewusstsein“, sagen sie. Denn die Hautkrankheit macht einsam.

Einen Überblick über bewährte und neue Therapiemöglichkeiten sowie zur Unterstützung Betroffener gibt es auf der Seite des Bundesverbandes Neurodermitis: www.neurodermitis.net

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