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Warum gibt es neue Grippe-Impfstoffe für Ältere?

Verstärkte Grippe-Impfstoffe sollen besser wirken. Wer den Schutz braucht und welche Nebenwirkungen möglich sind.

Wie heftig wird die Grippesaison 2021/22? Ärzte befürchten deutlich höhere Zahlen als im vergangenen Jahr.
Wie heftig wird die Grippesaison 2021/22? Ärzte befürchten deutlich höhere Zahlen als im vergangenen Jahr. © Christin Klose/dpa

Vergangenen Winter wurden kaum Grippefälle registriert. Großen Anteil daran hatten die Corona-Schutzmaßnahmen. Doch in diesem Herbst soll es keine Kontaktbeschränkungen mehr geben. Darauf, dass die Welle in dieser Saison erneut ausbleibt, sollte man sich also besser nicht verlassen. Deshalb raten viele Ärzte jetzt zur Grippeimpfung.

Wie viele Menschen erkrankten in der letzten Influenzasaison an Grippe?

Bundesweit registrierte das Robert Koch-Institut (RKI) in der Saison 2020/21 nur rund 700 labordiagnostisch bestätigte Grippefälle. In Sachsen waren es 53. Das ist nur ein Bruchteil sonstiger Erkrankungszahlen. In der Saison 2019/20 gab es bundesweit fast 200.000 Fälle, in Sachsen knapp 21.000.

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Warum gab es damals so wenige Grippekranke?

2020 war die Zahl der gegen Grippe Geimpften vergleichsweise hoch. Was auch daran lag, dass Ärzte dazu geraten hatten, um das durch die Corona-Pandemie stark belastete Gesundheitssystem nicht zusätzlich zu belasten. Ein Beispiel: Von den in Sachsen bei der AOK Plus Versicherten ließ sich zwischen August und Dezember 2020 fast jeder Dritte (31 Prozent) gegen Grippe impfen. Im Jahr zuvor waren es 27 Prozent. Das geht aus den Abrechnungsdaten der niedergelassenen Impfärzte hervor. Doch nicht nur die Influenza-Impfungen, auch die Einhaltung der Hygieneregeln, wie Abstand, Mund-Nasen-Bedeckung und Kontaktbeschränkungen, sorgten dafür, dass es keine Grippewelle gab.

Was heißt das für die kommende Influenzasaison?

Wegen der Rückkehr zu mehr Normalität, unter anderem an Schulen und Kitas, beobachten Ärzte jetzt schon Nachholeffekte bei Atemwegserkrankungen. Das Immunsystem habe in der Zeit des Lockdowns viel verlernt und reagiert damit sensibler.

Wird deshalb eine besonders starke Grippewelle erwartet?

Fachleute halten das für möglich. „Eine Impfung gegen Grippe ist gerade auch in diesem Winter wichtig, da ein hohes Risiko für eine starke Grippewelle zu erwarten ist“, sagte etwa die Vorsitzende des Hausärzteverbandes in Rheinland-Pfalz, Barbara Römer. Es lohnt also, sich mit einem möglichen Impfschutz auseinanderzusetzen.

Für wen empfehlen Ärzte die Grippeschutzimpfung?

Die Ständige Impfkommission (Stiko) am RKI empfiehlt sie unter anderem Menschen ab 60 Jahren, Schwangeren, Vorerkrankten und medizinischem Personal. Für gesunde Unter-60-Jährige und Kinder gibt die Stiko im Gegensatz zur Sächsischen Impfkommission keine explizite Empfehlung, rät aber auch nicht davon ab. In Sachsen wird die Grippeimpfung ab dem siebenten Lebensmonat empfohlen und von den Krankenkassen übernommen.

Warum gibt es neue Grippe-Impfstoffe für Ältere?

Damit Menschen ab 60 Jahren noch besser vor einer Infektion geschützt sind, empfiehlt die Stiko ihnen seit diesem Jahr die Impfung mit sogenannten Hochdosisimpfstoffen. Diese unterscheiden sich von den normalen Influenzaimpfstoffen entweder durch bestimmte Wirkverstärker oder eine höhere Menge von enthaltenen Antigenen. Sie haben laut RKI eine etwas höhere Wirksamkeit bei Älteren. Die Schutzimpfungsrichtlinie, die grob gesagt regelt, welche Impfungen als Kassenleistungen gelten, wurde daran angepasst: Sie sieht bei Menschen ab 60 Jahren einen Hochdosisinfluenzaimpfstoff vor. Altersmediziner bewerten die neue Richtlinie positiv. Die Deutsche Geriatrische Gesellschaft begrüßt sie ausdrücklich. Denn die Älteren seien besonders gefährdet, eine Influenza-Infektion zu entwickeln. Und sie haben im Falle einer Infektion auch eine deutlich höhere Sterblichkeit. Zugleich sinke die Wirksamkeit der Impfung mit zunehmendem Alter.

Wie wirksam waren Impfstoffe in den letzten Grippewellen?

Die Impfstoff-Zusammensetzung erfolgt auf Basis von Analysen weltweiter Labordaten. So wird versucht, eine möglichst hochwirksame Mischung zu finden – doch diese Vorhersage ist mit einer gewissen Unsicherheit verbunden, da sich Viren ständig verändern. In der Saison 2019/20 zum Beispiel hatte der Impfstoff in Deutschland im Schnitt eine Wirksamkeit von 62 Prozent, zwei Jahre zuvor 15 Prozent. Eine Wirksamkeit von 62 Prozent bedeutet: Wenn unter 100 Nicht-Geimpften zehn Personen an Grippe erkranken, wären es in diesem Beispiel nur rund vier Personen. Bei 15 Prozent Wirksamkeit läge die Anzahl der erkrankten Personen unter den 100 Geimpften indes bei acht bis neun und wäre damit fast so hoch wie bei der ungeimpften Vergleichsgruppe. Wie gut der Schutz durch die Impfung in der neuen Saison sein wird, lässt sich noch nicht abschätzen. Das zeigt sich immer erst im Rückblick. Was sich festhalten lässt: Einen hundertprozentigen Schutz vor Ansteckung bietet eine Influenzaimpfung nicht. Zumal der durch die Impfung entwickelte Schutz auch von anderen Faktoren abhängt. Zum Beispiel, wie oft man schon geimpft wurde oder mit Grippe infiziert war und wie stark das eigene Immunsystem ist.

Welche Nebenwirkungen haben die Grippe-Impfstoffe?

Die Hochdosisimpfstoffe können im Vergleich zum normalen Impfstoff etwas häufiger vor allem lokale Nebenwirkungen auslösen. Dazu gehören etwa Schmerzen an der Einstichstelle. Auch bei den Standard-Influenzaimpfstoffen kann die Einstichstelle schmerzen, gerötet sein und etwas anschwellen. Manche fühlen sich im Anschluss kränklich – mit erhöhter Temperatur, Müdigkeit, Frösteln, Schwitzen, Kopf- und Gliederschmerzen. Solche Beschwerden klingen laut RKI in der Regel nach ein bis zwei Tagen ab. Im Allgemeinen sei die Impfung gut verträglich.

Gibt es nach den Engpässen der letzten Jahre diesmal genügend Impfstoff?

Das RKI rechnet für diese Saison mit einem Bedarf von acht bis zehn Millionen Dosen an Hochdosisimpfstoffen und 15 bis 17 Millionen Dosen Standardimpfstoffe. Die Verfügbarkeit der Hochdosisimpfstoffe hänge von der Nachfrage in den kommenden Monaten ab, schreibt der Deutsche Apothekerverband (DAV). „Die ersten Impfstoffe sind in den Apotheken bereits eingetroffen und werden an die Arztpraxen ausgeliefert. Die Versorgung mit Impfstoffen ist gesichert“, sagt DAV-Vorsitzender Thomas Dittrich. Da es für den Hochdosisimpfstoff nur einen Hersteller gibt, könnten ältere Menschen auch mit dem Standardimpfstoff geschützt werden, sagt Hannelore Strobel, Sprecherin der AOK Plus in Sachsen. Damit soll Lieferengpässen vorgebeugt werden.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Grippeschutzimpfung?

Die beste Zeit dafür ist zwischen Mitte Oktober und Mitte Dezember. Das hat damit zu tun, dass die optimale Schutzwirkung rund zwei Wochen danach beginnt und nach drei Monaten langsam wieder nachlässt. Die Grippewelle rollt meist vor allem zwischen Januar und März. Da jede Saison andere Influenzaviren im Umlauf sind, wird auch der Impfstoff ständig daran angepasst. Auch deshalb sollte man sich jedes Jahr aufs Neue impfen lassen.

Welche Vorteile bietet die Impfung aus Sicht der Mediziner?

Bei der Abwägung von Für und Wider sollte man auch bedenken, dass die Impfung das Risiko eines schweren Grippeverlaufs im Fall einer Ansteckung senkt. So wie es bei den Impfstoffen gegen Covid-19 der Fall ist. Außerdem reduziert man durch die Impfung auch das Risiko, andere Menschen anzustecken. Deshalb wird sie etwa Menschen empfohlen, die mit Risikopersonen zusammenleben.

Mit welchen Komplikationen sollte man rechnen?

Grippe kann eine schwere Lungenentzündung auslösen. „Das kann lebensgefährlich werden“, sagt Professor Bernd Salzberger vom Uniklinikum Regensburg. Zudem kann sie – wenn auch seltener – zu Entzündungen am Herzen oder im Hirn führen. Bei gesunden Kindern oder bei Erwachsenen unter 60 Jahren verläuft eine Grippe laut RKI in der Regel ohne schwere Komplikationen. Grippetypisch ist ein plötzliches, starkes Krankheitsgefühl mit Kopf- und Gliederschmerzen, hohem Fieber und trockenem Husten. Eine Grippe kann aber auch leicht bis unbemerkt vorübergehen.

Kann man gegen Grippe und Corona zeitgleich geimpft werden?

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