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Bin ich zu groß oder zu klein?

Viele Eltern sorgen sich um das Wachstum ihres Kindes – nicht immer grundlos. Die Warnzeichen und die Therapien.

Schon sooo groß: Sieben- bis 14-jährige Kinder in Deutschland sind heute im Schnitt 15 Zentimeter größer als ihre Vorfahren Ende des 19. Jahrhunderts.
Schon sooo groß: Sieben- bis 14-jährige Kinder in Deutschland sind heute im Schnitt 15 Zentimeter größer als ihre Vorfahren Ende des 19. Jahrhunderts. © Yuganov Konstantin/123RF

Sätze wie: „Du bist aber groß geworden!“, hören nicht alle Kinder gerne. Denn etwa jedes 17. Kind wächst zu viel – oder zu wenig. Diese Abweichung von der Norm muss nicht zwangsläufig eine medizinische Behandlung zur Folge haben. Dennoch sollten Eltern, deren Kinder hinsichtlich ihrer Größe vom Familienschema abweichen, das ärztlich untersuchen lassen, rät Professor Joachim Wölfle, Kinderarzt und Hormonspezialist. Er ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderendokrinologie. Noch bis Freitag beraten die Wissenschaftler über die Erkennung und Behandlung hormoneller Störungen – auch bei Kindern.

Sieben- bis 14-jährige Kinder in Deutschland sind heute im Schnitt 15 Zentimeter größer als ihre Vorfahren Ende des 19. Jahrhunderts. Dieser Trend halte aber nicht an. „Derzeit gehen wir davon aus, dass ein gewisser Maximalpunkt erreicht ist und sich im Laufe der Jahre nicht mehr viel an der durchschnittlichen Körpergröße ändern wird“, so der Professor.

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Für die Kindergesundheitsstudie ermittelt das Robert-Koch-Institut (RKI) regelmäßig die Körpergröße. Danach sind 14-jährige Jungen heute im Mittel 1,67 Meter groß. Werte zwischen 1,50 und 1,83 Meter seien ebenso normal. Gleichaltrige Mädchen messen im Schnitt 1,63 Meter. Normale Körpergrößen schwanken aber auch hier zwischen 1,50 und 1,75 Meter, so das RKI. Bei der Beurteilung von zu schnellem oder zu langsamem Wachstum schauen die Ärzte zunächst auf die Familienmitglieder.

Verschiedene Ursachen

Schlägt ein Kind jedoch völlig aus der familiären Norm, könne das ein erstes Anzeichen für eine ernste Erkrankung sein. Ein zu geringes Wachstum deutet Professor Wölfle zufolge auf eine chronische Niereninsuffizienz oder auf die Erbkrankheit Achondroplasie hin, die häufigste Form eines angeborenen Kleinwuchses. Mangelernährung, Asthma, Schilddrüsen-Unterfunktion, ein Mangel an Wachstumshormonen, aber auch psychische Beeinträchtigungen zählen zu weiteren möglichen Ursachen eines verzögerten Wachstums. „Der rasante Fortschritt in der genetischen Diagnostik hat uns geholfen, Ursachen für Kleinwüchsigkeit zu ermitteln und zielgerichtete Therapien zu finden“, so der Hormonspezialist. Die Achondroplasie sei ein gutes Beispiel dafür. Bei diesem Krankheitsbild erreichen Männer durchschnittlich nur 1,31 Meter und Frauen 1,24 Meter Körpergröße. „Hier sind aktuell vielversprechende Therapieansätze mit sogenannten CNP-Agonisten und Tyrosinkinaseinhibitoren in klinischer Erprobung.“ Etwa fünf Prozent der Gene hätten Einfluss auf die Körperhöhe.

Umgekehrt kann auch eine zu hohe Körpergröße mit erheblichem Leidensdruck einhergehen. Auch hierfür wurden bereits kausale Gene identifiziert. „Soll das Wachstum therapeutisch begrenzt werden, ist man von der hoch dosierten Gabe von Sexualhormonen weitestgehend abgekommen“, so Wölfle. Denn das könne die spätere Fruchtbarkeit erheblich beeinflussen. Mittel der Wahl sei heute die operative Behandlung der sogenannten Wachstumsfuge in den Beinen. Auch eine Behandlung mit Somatostatin-Analoga werden aktuell noch erforscht. Wichtig sei aber die psychosoziale Beratung von Jugendlichen mit hohem Leidensdruck. „Ziel sollte die bessere Akzeptanz des persönlichen Erscheinungsbildes sein.“

Ein gefährlich langer Zeitraum

Zuvor gelte es aber auch beim Hochwuchs, nicht ersichtliche Begleiterkrankungen auszuschließen – zum Beispiel das Marfan-Syndrom. Das ist eine seltene Erbkrankheit, bei der es neben einem beschleunigten Wachstum unter anderem unbemerkt zu möglicherweise lebensbedrohlichen Veränderungen an der Aorta – der Hauptschlagader – kommen kann. Auch Tumore könnten Einfluss auf das Wachstum haben – zum Beispiel an Hirnanhangsdrüse oder Schilddrüse.

In den ersten fünf Lebensjahren werde die Größe regelmäßig im Zusammenhang mit den Kindervorsorgeuntersuchungen ermittelt. „Zwischen der U9 nach Vollendung des fünften Lebensjahres und der J1 ab zwölftem Lebensjahr liegt aber ein gefährlich langer Zeitraum, in dem kein Arzt das im Blick hat“, kritisiert der Kinderendokrinologe. Da ginge viel Zeit für eine mögliche Behandlung verloren.

Das Körperwachstum ist kein linearer Prozess, es verläuft in Schüben. In den ersten 14 Lebensmonaten durchlebt das Baby acht Wachstumsschübe. Diese Zeit ist auch von deutlichen Entwicklungsschritten geprägt. In dieser Zeit wachsen Kinder im Schnitt 25 Zentimeter. Auch zwischen drittem und fünftem Lebensjahr gibt es einen weiteren beachtlichen Schub. Kinder wachsen dann innerhalb kurzer Zeit rund fünf Zentimeter. Das kann zu Schmerzen in Knien, Waden und Oberschenkeln führen. Woher die Schmerzen kommen, könne man bis heute nicht erklären, sagt Joachim Wölfle. Eine Schmerztablette empfehlen Ärzte jedoch nur bei sehr starken Beschwerden. Lindernd wirkten auch Wärmeanwendungen, zum Beispiel das Auflegen eines Kirschkernkissens oder einer Wärmflasche. Das Einreiben mit Arnikasalbe und Johanniskrautöl wird von Apothekern ebenfalls empfohlen. Diese Mittel regen die Durchblutung an und wirken schmerzlindernd. Viel Bewegung habe einen ähnlichen Effekt und fördere ein gesundes Wachstum.

Ernährung ist der entscheidende Faktor

Entscheidender Faktor für eine gesunde Körperentwicklung sei die Ernährung. Joachim Wölfle verweist besonders auf mögliche Mangelerscheinungen bei vegan ernährten Kindern. „Sie brauchen eine engmaschige Betreuung und Überwachung durch den Kinderarzt oder eine Ernährungsberatung, damit sich Wachstumsstörungen erst gar nicht einstellen.“

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Um zu beurteilen, ob die Körpergröße eines Kindes normal ist oder nicht, verwenden Kinderärzte sogenannte Perzentile. Es gibt sieben davon. Das Perzentil 50 charakterisiert den Mittelwert. Es bedeutet, dass die Hälfte der durch das RKI vermessenen Jungen und Mädchen dieses Alters kleiner oder größer waren. Diesen Wert finden Sie auch in der nebenstehenden Tabelle. Doch auch Körpergrößen ober- und unterhalb dieses Wertes sind normal. Das Perzentil 97 zum Beispiel markiert die Grenze zum Hochwuchs. Es sagt aus, dass 97 Prozent der gleichaltrigen Kinder kleiner waren als das gemessene Kind. Kinder im Perzentil 3 sind an der Grenze zum Kleinwuchs. Hier waren nur drei Prozent aller gleichaltrigen Kinder kleiner.

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