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Chemnitz ist Sachsens Migräne-Hauptstadt

Vor allem junge Leute und Frauen leiden unter den starken Kopfschmerzen, zeigt eine Analyse der Barmer. Die Ursachen dafür sind vielfältig.

Von Kornelia Noack
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Millionen Menschen in Deutschland haben chronische Schmerzen.
Millionen Menschen in Deutschland haben chronische Schmerzen. © Oliver Killig/dpa

Eine Migräne-Attacke kann einen völlig außer Gefecht setzen. Die Kopfschmerzen sind pochend und stechend, meistens kommen Symptome wie Übelkeit oder Licht- und Geräuschempfindlichkeit dazu. Bundesweit müssen rund 3,6 Prozent der Deutschen mit der Diagnose Migräne leben. In Sachsen sind es 3,4 Prozent. Das geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten Studie des Barmer Instituts für Gesundheitssystemforschung hervor.

Dafür wurden die Daten aller 2022 bei der Barmer Versicherten analysiert und hochgerechnet. Die meisten Migräne-Patienten gibt es demnach in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, die wenigsten in Bremen und Hamburg. „Rein medizinisch sind die regionalen Unterschiede bei der Häufigkeit nicht erklärbar. Eventuell spielen unterschiedliche Altersstrukturen oder Versorgungsmuster eine Rolle“, sagt Monika Welfens, Landesgeschäftsführerin der Barmer Sachsen.

Regionale Unterschiede in Sachsen

Selbst innerhalb des Freistaates sind die Unterschiede laut dem Morbiditäts- und Sozialatlas der Barmer beträchtlich. Besonders häufig wurde Migräne 2022 in Chemnitz diagnostiziert. Dort leiden rund 38 von 1.000 Einwohnern an dem starken Kopfschmerz. Aber auch in Bautzen (36), Leipzig (35) und Dresden (33) ist Migräne weit verbreitet. Die wenigsten Patienten gibt es im Erzgebirgskreis. Dort sind von 1.000 nur 28 Personen betroffen. In Mittelsachsen und dem Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sind es rund 32. „Um den regionalen Besonderheiten auf den Grund zu gehen, sind weitere Untersuchungen erforderlich“, sagt Welfens.

Vor allem im mittleren Alter zwischen 50 und 59 Jahren treten behandlungsbedürftige Beschwerden auf. Dabei sind unter den Migräne-Patienten mehr als viermal so viele Frauen wie Männer – 5,5 Prozent der Frauen erhielten die Diagnose und 1,3 Prozent der Männer. Auch Jüngere leben mit Migräne. So sind unter den 18- bis 29-Jährigen in Sachsen von 1.000 etwa 37 betroffen. Schaut man genauer hin, zeigt die Analyse, dass viele Berufsanfänger schon während der Ausbildung unter dem Kopfschmerz leiden. Der Anteil liegt bei 4,5 Prozent. Bei den Studierenden sind es mit rund drei Prozent weniger.

Migräne ist oft genetisch bedingt

Ein weiteres Ergebnis der Auswertung: Während Migräne vor allem im Alter bis 59 Jahren auftritt, trifft chronischer Schmerz vor allem Menschen ab dem 70. Lebensjahr. Zudem kommt Migräne bei Deutschen sämtlicher Einkommensschichten relativ gleich häufig vor, abgesehen von Spitzenverdienern – chronischer Schmerz hingegen vor allem bei Menschen in unteren Einkommensschichten.

Die Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Neben genetischer Veranlagung können bestimmte chemische Entzündungsprozesse eine Migräneattacke auslösen, so die Barmer. Wetterumschwünge, Stress, hormonelle Schwankungen während der Menstruation, unregelmäßiger Schlaf, aber auch Geruchs- und Lärmbelästigungen könnten ebenfalls Auslöser einer Attacke sein.

„Migräne hat viele Facetten. Daher ist es wichtig, dass vor allem diejenigen mit einem Risiko einer Chronifizierung eine multimodale Therapie bekommen. Diese lässt sich auch berufsbegleitend durchführen und so gut in den Alltag integrieren“, sagt Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer.

Kombinierte Therapien können helfen

Multimodale Schmerztherapie bedeutet, dass verschiedene Fachrichtungen kombiniert werden – meist in speziellen Schmerzzentren. So können die auf den Patienten abgestimmten Therapien etwa Entspannungsverfahren, Psychotherapie oder Physiotherapie vereinen. Allerdings gibt es oft zu wenige Plätze dafür in den sächsischen Einrichtungen.

Um Anfällen vorzubeugen, seien nach Einschätzung von Ärzten in vielen Fällen Maßnahmen wie Entspannungstraining, und Ausdauersport empfehlenswert. Auch die progressive Muskelentspannung nach Jacobson sollte man möglichst täglich 15 bis 20 Minuten durchführen. Gleichzeitig verfolgt eine Migräne-Prophylaxe auch das Ziel, dass Patienten nicht zu viele Medikamente gegen Attacken einnehmen müssten. „Prävention verhindert zwar nicht den nächsten Migräneanfall, kann aber seine Häufigkeit, Intensität und Dauer verringern“, sagt Welfens. Zudem sollten sich Patienten vor einer dauerhaften Einnahme von Schmerzmitteln unbedingt vom Arzt beraten lassen.

Medikamente verstärken oft die Schmerzen

Laut der Deutschen Gesellschaft für Neurologie begeben sich viele Migräne-Patienten selbst in eine Schmerzspirale. Sie greifen zu Medikamenten, erhöhen bei Bedarf selbstständig die Dosis und entwickeln wegen des Übergebrauchs den Medication Overuse Headache (MOH) – zu Deutsch Medikamentenübergebrauchskopfschmerz.

Von MOH spricht man, wenn Patienten mit Migräne oder Spannungskopfschmerzen mehr als drei Monate lang an mindestens 15 Tagen pro Monat Schmerzen empfinden, die mit Medikamenten behandelt werden. Das bedeutet, die Patienten verschlimmern mit dem vermeintlichen Hilfsmittel ihre Schmerzen sogar noch.

Bei der Einnahme von Triptanen entwickelt sich MOH demnach häufiger und schneller als bei sogenannten Nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR), zu denen etwa Ibuprofen zählt. Besonders problematisch sind laut der Neurologie-Gesellschaft opiathaltige Schmerzmittel, da sie zusätzlich abhängig machen könnten. (mit dpa)