merken
PLUS Leben und Stil

Deutlich mehr Krankenhaus-Infektionen in Sachsen

Krankenhäuser tun viel, um Infektionen zu verhindern. Doch offenbar reicht das nicht, wie ein Report der Barmer zeigt.

Sauberkeit ist wichtig im Krankenhaus. Um Infektionen zu vermeiden, braucht es aber viel mehr.
Sauberkeit ist wichtig im Krankenhaus. Um Infektionen zu vermeiden, braucht es aber viel mehr. © Bernat Armangue/dpa (Symbolbild)

Jedes Jahr infizieren sich bis zu 600.000 Patienten in deutschen Krankenhäusern. Etwa 15.000 Menschen sterben daran. Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich diese Situation noch verschärft: Bis Ende 2020 gab es deutschlandweit 34.000 zusätzlich Infizierte und bis zu 1.300 weitere Todesfälle, heißt es im neuen Krankenhausreport der Barmer, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Die Zunahme der Krankenhausinfektionen überrascht dabei selbst Experten. Denn wegen der Corona-Pandemie gab es weniger planbare Operationen. Auch das Hygienebewusstsein sei stärker ausgeprägt.

Sündenfrei Mittelalterveranstaltungen
Gut gerüstet für Ihre Sommerfeste?
Gut gerüstet für Ihre Sommerfeste?

Ob Ritterturniere, Stadtfeste, Firmenevents oder Weihnachts- und Mittelaltermärkte - die Agentur Sündenfrei ist der richtige Partner!

Ein Erklärungsversuch: „Es lagen 2020 deutlich ältere und schwerer erkrankte Menschen auf den Stationen, die auch viel anfälliger für Infektionen sind“, sagte Studienautor Boris Augurzky vom Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Hinzu komme die hohe Arbeitsbelastung beim Personal, die durch Ausfälle, neue Abläufe und anfangs auch durch fehlende Schutzausrüstung verstärkt wurde. Das habe dazu geführt, dass erforderliche Hygienestandards nicht immer vollständig eingehalten werden konnten, so Augurzky.

Sachsen schnitt bei dem Vergleich neben Sachsen-Anhalt besonders schlecht ab. Beide Bundesländer verzeichnen deutschlandweit mit 25 Prozent den höchsten Anstieg, was auch mit der älteren Patientenklientel begründet wird. Besonders viele Erkrankungen gab es auf den Intensivstationen. Dort hatte Sachsen deutschlandweit die meisten Patienten zu versorgen, wie Iris Chaberny, Professorin für Krankenhaushygiene an der Uni Leipzig erklärt.

Die Ergebnisse des neuen Krankenhausreport der Barmer im Überblick:

Die Daten

Da die Krankenkassen keine Abrechnungsgrundlage haben, die die Krankenhausinfektionen nachvollziehbar machen, wurden für den Report die Daten von fünf Millionen Barmer-Versicherten ausgewertet, die in der Zeit von 2017 bis 2020 mindestens drei Tage im Krankenhaus waren.

Um die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Krankenhausinfektionen zu untersuchen, wählten die Studienautoren Patientengruppen des Jahres 2017 und 2020 mit gleichen Voraussetzungen in Bezug auf Alter, Einweisungsdiagnose und Begleiterkrankungen aus. Dabei lag die Zahl der Krankenhausinfektionen in der ersten Coronawelle von März bis Mai 2020 um etwa zehn Prozent, im Sommer um etwa vier Prozent und in den letzten Wochen des Jahres um etwa 17,5 Prozent über den Werten der Vorjahre, als Corona noch kein Thema war.

Die Verursacher

Rund 71 Prozent aller Krankenhausinfektionen werden durch Bakterien ausgelöst, etwa Staphylokokken, Streptokokken oder Darmbakterien. 21 Prozent seien auf Viren, zum Beispiel Noroviren, zurückzuführen, der Rest auf Pilze und Parasiten, so der Report. Die Bakterien werden meist von den Patienten selbst mit in die Klinik gebracht, ohne dass sie davon wissen. Ist das Immunsystem durch die Erkrankung dann geschwächt, können sie sich vermehren und zum Ausbruch der Infektion führen. In vielen Kliniken erfolge deshalb vor Aufnahme ins Krankenhaus ein Screening der Patienten – zumindest von Risikopatienten. Dazu zählt, wer schon einmal Krankenhausinfektionen erlitten hatten.

Krankenhauskeime werden häufig auch durch das Personal und über Gegenstände übertragen. Zum Beispiel durch Infusions- oder Blasenkatheter, so die Barmer. Dafür seien hohe Hygienestandards erforderlich. Untersuchungen belegten, dass fast jede dritte Krankenhausinfektion durch konsequente Hygiene vermieden werden könnte. Die Pandemie habe das Personal aber oft physisch und psychisch an seine Grenzen gebracht, wodurch Hygienemaßnahmen nicht in dem Maße wie notwendig durchgeführt werden konnten, sagt Straub.

Die Krankheitsbilder

Laut Report traten 2020 Wundinfektionen am häufigsten auf (24 Prozent), gefolgt von Harnwegsinfektionen (23), Atemwegsinfektionen (22) und Blutvergiftung (6).

Die Kontrollen

Die Barmer fordert regelmäßige und unangekündigte Kontrollen der Gesundheitsämter in den Kliniken. Das wird aber in den wenigsten Bundesländern so gehandhabt. Auch in Sachsen nicht, wie das Sozialministerium einräumt: „Kontrollen erfolgen jährlich, doch wir melden uns vorher an, damit die verantwortlichen Personen auch erreicht werden können.“

Die Konsequenzen

Am Uniklinikum Leipzig tauschten sich im Rahmen der Krankenhaushygienetage, die am Mittwoch zu Ende gingen, Hygieneverantwortliche verschiedener Kliniken über Maßnahmen gegen Krankenhausinfektionen aus. Vor rund zehn Jahren gab es an der Uniklinik den bundesweit wohl größten Ausbruch dieser Art, bei dem sich 63 Patienten mit multiresistenten Bakterien infizierten; knapp die Hälfte von ihnen starb daran. „Seitdem haben wir dazugelernt. Wir können uns nur durch unsere Erfahrungen gegenseitig unterstützen und voneinander lernen, dass so etwas nicht noch einmal passiert“, sagt Professorin Iris Chaberny, die seit 2014 den Lehrstuhl für Hygiene, mit dem Schwerpunkt Krankenhaushygiene, an der Uni innehat.

Patienten mit planbaren Operationen würden jetzt vor Aufnahme ins Uniklinikum mit Informationen versorgt, worauf sie selbst achten können, um eine Krankenhausinfektion zu vermeiden, sagt Chaberny. „Sie erfahren, dass es wichtig ist, Infektionen an Zähnen oder auf der Haut zuvor auszuheilen.“ Raucher sollten mindestens zwei Wochen vor dem Eingriff von ihrem Laster lassen. Zudem bekämen die Patienten eine spezielle antiseptische Waschlotion, die sie am Tag vor der Krankenhausaufnahme für die Reinigung des ganzen Körpers anwenden: „Das reduziert die Erregerflora auf der Haut.“ Zusätzlich würden Patienten gescreent, um einen Bakterienbefall vorher festzustellen.

Das Uniklinikum Dresden erstellt bei Risikopatienten Antibiogramme, mit denen überprüft wird, welche Antibiotika im Infektionsfall wirken. Vor allem Krankenhauskeime sind bereits gegen viele Antibiotika resistent. „Sogenannte Reserveantibiotika sind aber scharfe Schwerter mit Nebenwirkungen, zum Beispiel Nierenschädigungen“, sagt Barmer-Chef Straub. Um Personal und Patienten zu sensibilisieren, gebe es im Uniklinikum Greifswald Aushänge und Flyer zur richtigen Händedesinfektion, sagt Chaberny. „Patienten werden motiviert, das Personal anzusprechen, wenn sie Fehler feststellen.“

Doch auch den Gesundheitsämtern käme die Aufgabe zu, über Hygiene und eigenverantwortliche Möglichkeiten aufzuklären. Das könnte Bestandteil des von der Barmer für Deutschland geforderten Masterplanes Krankenhaushygiene sein, der auch die verstärkte Aus- und Weiterbildung, verpflichtende Datenerfassung und Verbesserung der Abläufe im Krankenhaus enthalten müsse. „Das sind wir den Patienten schuldig“, so Straub.

Mehr zum Thema Leben und Stil