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Digitalisierung macht Zahnersatz billiger

Ein Dresdner Zahnarzt stellt auf einer Tagung eine Technik vor, die Kosten spart – und bessere Ergebnisse verspricht.

Dr. Conrad Kühnöl nutzt in seiner Dresdner Praxis digitale Technologien.
Dr. Conrad Kühnöl nutzt in seiner Dresdner Praxis digitale Technologien. © Praxis Kühnöl

Die Krankenkassen haben zwar gerade ihren Zuschuss für Zahnersatz erhöht. Trotzdem müssen Patienten für Kronen, Brücken, Prothesen und Implantate Hunderte, manchmal sogar Tausende Euro dazu bezahlen. Denn Grundlage für den Zuschuss ist nur eine einfache Regelversorgung, die viele als nicht mehr zeitgemäß empfinden.

Einen spürbar geringeren Eigenanteil für die Patienten verspricht die Digitalisierung der Zahnmedizin – und das bei besserer Qualität. Die Fortschritte auf dem Gebiet sind rasant, wie die Deutsche Gesellschaft für computergestützte Zahnheilkunde versichert. Ihre Sektion Informatik stellt am nächsten Freitag die neuesten Entwicklungen auf einer Online-Tagung vor.

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Gepflegte Weihnachten
Gepflegte Weihnachten

Bei allem Trubel sollte die Weihnachtszeit auch Gelegenheit bieten, sich auf sich selbst zu besinnen, sich etwas Gutes zu tun.

Eine davon nennt sich „Prototyping in der zahnärztlichen Prothetik“ und stammt von Dr. Conrad Kühnöl, der in seiner Praxis in Dresden konsequent digitale Technologien nutzt. Wie die neue Methode funktioniert, erklärt Kühnöl am Beispiel einer Brücke im Backenzahnbereich, die einen fehlenden Zahn ersetzen soll. Nach herkömmlichem Verfahren nimmt der Zahnarzt dafür einen Abdruck des Gebisses, der dem Zahntechniker im Labor als Vorlage für das handwerkliche Herstellen der Brücke dient. „Bei exakter Arbeit des Labors müssen etwa 80 Prozent dieser Brücken hinterher vom Zahnarzt angepasst werden“, sagt Kühnöl. Dieses Problem lässt sich mit dem digitalen Verfahren ausgleichen. Der Zahnarzt scannt mit einem Intraoralscanner das Gebiss des Patienten ein. Anschließend konstruieren er oder der Zahntechniker virtuell am Bildschirm eine Brücke, die sich optimal an die umgebenden Zähne, die Bisshöhe und Gelenkbewegung anpasst. „Analog kann der Zahntechniker nur eingeschränkt die Gelenkebenen berücksichtigen, obwohl sich jedes Kiefergelenk individuell bewegt“, so Kühnöl.

Computeranalyse der Prototyp-Brücke: Rot muss weg.
Computeranalyse der Prototyp-Brücke: Rot muss weg. © Praxis Kühnöl

Von der online geplanten Brücke fertigt eine CNC-Fräsmaschine auf Knopfdruck einen Prototypen aus Komposit, einem zahnfarbenen Werkstoff. Anders als beim Abdruck dauert das nicht mehrere Tage, sondern nur etwa 30 Minuten. Der Patient kann nach kurzem Warten seine Prototyp-Brücke gleich eingesetzt bekommen. „Nach einer Woche Tragezeit kann ich den Prototypen noch verändern“, sagt Kühnöl. „Denn Zähne haben immer eine gewisse Beweglichkeit. Ich scanne das Gebiss erneut ein. Der Computer analysiert dann mikrometergenau, wo noch etwas zu korrigieren ist. Unterschiedlich farbige Stellen auf dem virtuellen Prototypen zeigen zum Beispiel, ob und wo es stärkere Abnutzungen gab.“ Das lasse sich ganz einfach mit dem Cursor ändern und im Schleifsatz für das Original anpassen.

Nun muss der Zahntechniker nur noch den Keramikwerkstoff in der richtigen Zahnfarbe in die Fräsmaschine einlegen und die Brücke wird passgenau geschliffen. Die nötige Härte bekommt sie beim Sintern im Ofen. Eine Glasur sorgt dafür, dass sie ästhetisch aussieht und von den echten Zähnen fast nicht mehr zu unterschieden ist. Einsetzen, befestigen, fertig! Im Normalfall reichen dafür nur zwei Zahnarzttermine aus.

Der Prototyp der Brücke aus der CNC-Fräsmaschine.
Der Prototyp der Brücke aus der CNC-Fräsmaschine. © Praxis Kühnöl

„Das Verfahren eignet sich auch besonders für sehr komplexe Zahnprobleme“, sagt Kühnöl. Weitere Vorteile sind gerade jetzt in Coronazeiten, dass es keinerlei Infektionsrisiko beim Austausch zwischen Praxis und Labor mehr gibt. Und natürlich die erheblich niedrigeren Kosten. „Grund dafür sind etwa 85 Prozent Materialeinsparung, 70 Prozent Zeitersparnis des Zahntechnikers und 60 Prozent weniger Transportwege“, sagt Kühnöl und rechnet das am Beispiel einer Backenzahnbrücke vor. Da der Zuschuss der Krankenkasse gleich bleibt, müsste der Patient in diesem individuellen Fall für die herkömmliche analoge Brücke 2.204,73 Euro zuzahlen, für die digitale Lösung mit 1.177,47 Euro nur noch fast die Hälfte (siehe Kasten).

Die Keramikbrücke, perfekt angepasst.
Die Keramikbrücke, perfekt angepasst. © Praxis Kühnöl

In Asien nutzen beispielsweise Praxen in Tokio oder Bangkok schon die Vorteile der digitalen Zahnmedizin. Damit sich solche Methoden auch in Sachsen verbreiten, müssten Praxen laut Kühnöl zwischen 100.000 und 150.000 Euro für eine technische Grundausstattung investieren. „Das Geld ist nicht das größte Problem“, sagt er, „sondern, dass man sich mit der Technik beschäftigen und sie beherrschen muss.“ Es gebe derzeit mehrere Hersteller, deren Geräte und Programme aber nicht kompatibel seien. Bei der Online-Tagung der Deutschen Gesellschaft für computergestützte Zahnheilkunde, die am 14. November alternativ zum abgesagten Zahnärztetag stattfindet, könnten sich Zahnärzte kostenlos anmelden und über die digitalen Möglichkeiten informieren.

Kostenbeispiel

Individuelle Rechnung für eine vollverblendete Vollkeramikbrücke oben links, die einen fehlenden Backenzahn überbrückt. Die Preise entsprechen den Empfehlungen, die die Handwerkskammer im Meisterkurs Verwaltung und Abrechnung angibt.

Honorare: 505,32 € (analog) - 494,73 € (digital)

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Material- und Laborkosten:  2.209,04 € (analog) - 1.192,37 € (digital)

Gesamtkosten: 2.714,36 € (analog) - 1.687,10 € (digital)

Kassenfestzuschuss von 60 Prozent: 509,63 € (analog) - 509,63 €  (digital)

Eigenanteil für den Patienten: 2.204,73 € (analog)  1.177,47 € - (digital)

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