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Jeder Zweite ist Vorurteilen ausgesetzt

Eine IKK-Studie belegt die verheerende Wirkung von Diskriminierung aller Art - und sagt, was Betroffene tun können.

Doppelte Last: Übergewichtige Menschen erfahren oft Ablehnung.
Doppelte Last: Übergewichtige Menschen erfahren oft Ablehnung. © 123rf

Keiner will sie haben, doch jeder hat sie: Vorurteile. Dicke Menschen sind faul. Schwule sollten kein Fußball spielen. Frauen sind schwache Führungskräfte. Das Denken in Schubladen ist weit verbreitet, ganz unabhängig von Bildung, Milieu oder Herkunft. Wie weit, zeigt eine neue Studie der IKK classic, die in Zusammenarbeit mit dem Rheingold Institut aus Köln entstanden ist. Demnach ist mehr als jeder zweite Deutsche in irgendeiner Form Vorurteilen ausgesetzt oder hat Diskriminierung erlebt – im Internet ebenso wie in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit. Wer bewusst oder unbewusst darunter leidet, wird häufiger krank.

Schon als Kinder sortieren wir die Welt in Kategorien, Begriffe und Bilder. „Wir brauchen das, um im Alltag zurechtzukommen“, sagt Studienautor Stephan Urlings. Vorurteile seien natürlich, allerdings müsse der eigene Umgang damit stets neu reflektiert werden. „Das Eingeständnis, dass man selbst Vorurteile hat, ist eine wichtige Erkenntnis. Es ist der erste Schritt, um daraus kein diskriminierendes Verhalten gegenüber anderen entstehen zu lassen“, so Urlings. Denn das werde problematisch.

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Andere Menschen abwerten

Diskriminierendes Verhalten beginnt bereits beim Tuscheln oder einer unhöflichen Behandlung, in den schlimmsten Fällen handelt es sich um Belästigung und Körperverletzung. Äußern kann es sich beispielsweise auch darin, dass wir unsere Handtasche festhalten, sobald wir an einem Obdachlosen vorbeilaufen oder uns in der Straßenbahn nicht neben eine Frau mit Kopftuch setzen möchten. Es geht immer um das Fremde und Andere, das man an anderen wahrzunehmen glaubt. „Im Vorurteil wertet man das Andere ab, in der Diskriminierung lässt man andere diese Abwertung spüren“, sagt Urlings. Die meisten Menschen seien sich dessen auch bewusst. So ergab die Studie, dass 74 Prozent der Befragten der Meinung sind, dass jeder bereit sein sollte, über die eigenen Vorurteile nachzudenken und sie zu überwinden. Interessant ist jedoch: Nur 38 Prozent gaben an, selbst Vorurteile zu haben.

Von denjenigen, die unter Diskriminierung leiden, schaffen es nur die wenigsten, offensiv damit umzugehen und sogar Stärke daraus zu ziehen. Die Mehrheit reagiert defensiv und frisst negative Gefühle in sich hinein. 44 Prozent ignorieren diskriminierendes Verhalten. Fast ebenso viele versuchen, bestimmte Situationen und Menschen von vornherein zu meiden. Jeder Dritte zieht sich zurück. Ist die erste Wut verebbt, machen sich bei vielen Selbstzweifel breit. Ein Viertel der Befragten berichtete von Versagensängsten, ein Fünftel von Aggressionen. Gerade Jüngere und Menschen der queeren Szene berichten häufiger von Unsicherheit. Ältere und Menschen mit Migrationshintergrund geben dagegen häufiger an, mit der Zeit ein „dickes Fell“ und Stärke entwickelt zu haben.

Gefühl von Scham und Schuld

„Die Menschen leiden unter dem Gefühl der Irritation, Hilflosigkeit und sogar Scham und Schuld. Langfristig kann das seelisch und körperlich krank machen“, sagt Urlings. Die Untersuchung verdeutliche, dass das Gefühl, rundum gesund zu sein, bei stark Diskriminierten bis zu dreimal niedriger sei als bei Nicht-Diskriminierten. Sie würden sich zudem mehr als siebenmal häufiger als sehr unzufrieden mit ihrem Leben im Allgemeinen bezeichnen. „Wer die Konflikte verdrängt oder nicht verarbeiten kann, leidet 3,4-mal so oft unter Burn-out wie Nicht-Diskriminierte, dreimal so oft unter Migräne und 2,5-mal so oft unter Angststörungen“, sagt Frank Hippler, Vorstandsmitglied der IKK classic. Auch Essstörungen, Schlafstörungen und Depressionen würden merklich häufiger auftreten. „Bei den stark Diskriminierten war die Zahl der Krankschreibungen höhrer, zum einen aufgrund der Symptome, zum anderen, um potenziellen Aggressoren aus dem Weg zu gehen“, so Hippler. Mit der Studie möchte man daher auch aufklären.

Doch wie können Menschen ihre Vorurteile loswerden? „Das effizienteste Mittel ist der Kontakt zu anderen Personen und sozialen Gruppen und die Interaktion“, sagt Urlings. Als grobe Regel gelte: Mindestens fünf Kontakte sind nötig, um einzelne Personen nicht als Ausnahme zu sehen und das eigene Vorurteil abzubauen. „Der respektvolle Austausch sowie ein wertschätzender Umgang sind wichtige Faktoren, damit erst gar kein diskriminierendes Verhalten entsteht“, sagt Hippler. Beeinflusst werde unser Denken jedoch ebenso davon, auf welche Art Menschen in Serien, Werbung oder Kinofilmen repräsentiert werden. Daher lohne es sich, ab und zu einmal seinen eigenen Medienkonsum zu überprüfen.

So lief die Studie

  • Für die Untersuchung wurden 40 Einzelinterviews mit Menschen ab 18 Jahren über persönliche Diskriminierungserfahrungen im Alltag geführt.
  • Jeweils fünf Frauen und Männer gehörten dabei diesen vier Gruppen an: Personen mit Migrationshintergrund; Personen mit körperlichen Besonderheiten wie starkem Übergewicht oder roten Haaren; Personen verschiedener sexueller Orientierung sowie Personen mit starken Tätowierungen, auffälligen Frisuren oder „ausländisch“ klingendem Namen. Das Ziel war es, Hypothesen zu entwickeln und Zusammenhänge herzustellen.
  • Mit einer repräsentativen Stichprobe von 1.527 Personen wurden die in den Interviews aufgestellten Hypothesen überprüft.
  • Weitere Informationen und Ergebnisse finden Sie unter www.vorurteile-machen-krank.de

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