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Döbelner Kinderärzte sind am Limit

Die Kinderarztpraxen sind voll. Neue Patienten werden nicht aufgenommen. Jetzt zieht eine Ärztin um. Das ist ein Problem.

Von Cathrin Reichelt
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Vor 23 Jahren ist Dr. Eckhardt Erdmann mit seiner Kinderarztpraxis von der Zwingerstraße an die Grimmaischen Straße umgezogen. Heute betreut er dort etwa 50 Prozent mehr Patienten als damals.
Vor 23 Jahren ist Dr. Eckhardt Erdmann mit seiner Kinderarztpraxis von der Zwingerstraße an die Grimmaischen Straße umgezogen. Heute betreut er dort etwa 50 Prozent mehr Patienten als damals. © André Braun

Döbeln. Die medizinische Betreuung von Kindern in der Region Döbeln wird immer prekärer. In Hartha und Leisnig suchen die Eltern seit etwa 20 Jahren vergebens nach einer Kinderarztpraxis. Auch eine Döbelner Ärztin hat keinen Nachfolger gefunden.

Die kinderchirurgische Sprechstunde in Leisnig wurde eingestellt. Die Kinderklinik in Wermsdorf gibt es nicht mehr. Und Anfang dieses Jahres wurde der kinderärztliche Bereitschaftsdienst für den Altkreis Döbeln nach Mittweida verlegt.

Zum Jahresende steht eine weitere Veränderung an. Die in Döbeln ansässige, aber zum MVZ Rochlitz der Helios-Klinik gehörende Kinderarztpraxis von Antje Wiederanders zieht in den ehemaligen Kreißsaal der Leisniger Helios-Klinik um.

Erst vor zweieinhalb Jahren hatte die Ärztin für Kinder- und Jugendmedizin die Praxis von Sabine Schiddel in Döbeln Ost übernommen. Die Räume waren zuvor umfassend saniert worden.

Viele Eltern wollen Arzt wechseln

Der Umzug der Kinderärztin hat sich schnell herumgesprochen. Bereits jetzt gehen bei Dr. Eckhardt Erdmann täglich unzählige Anrufe von Eltern ein, die mit ihrem Kind zu ihm wechseln wollen. „Aber diese Anfragen müssen wir abschlägig beantworten“, sagt Erdmann.

Auch wenn er mit Susanne Bley eine Doppelpraxis betreibt, sei diese mehr als ausgelastet. Heute betreue er etwa 50 Prozent mehr junge Patienten als nach seinem Umzug vor 23 Jahren von der Zwinger- an die Grimmaische Straße.

Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) Sachsen liege der Versorgungsgrad mit Kinderärzten in der Region Döbeln bei 118,7 Prozent. Das sei allerdings nur eine fiktive Zahl, meint Erdmann. Denn ihr liegt nur die Anzahl der Kinder zugrunde, die im Altkreis Döbeln wohnen.

Etwa 20 Prozent seiner Patienten kommen jedoch nicht aus der Region Döbeln, sondern aus den umliegenden Landkreisen. Deshalb spiegele die KV-Statistik nicht die tatsächliche Situation wider.

Fast keine Neuaufnahmen von Patienten möglich

Eckhardt Erdmann könne den Wunsch der Eltern verstehen, die zu ihm wechseln möchten, und auch, dass sie über die Absage verärgert sind. „Es ist aber ungerecht unseren Mitarbeitern gegenüber, dass die Eltern den Ärger über eine Entwicklung, für die wir nichts können, an uns auslassen“, so der Kinderarzt.

Patienten, die bereits bei einem Kinderarzt in Behandlung sind, werde er derzeit nicht aufnehmen. Anders sehe das bei Neugeborenen und Kindern aus, die mit ihren Eltern neu in die Region gezogen sind.

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Dem Kinderarzt ist eine qualitativ und quantitativ gute Versorgung seiner Patienten wichtig. Diese wäre bei noch mehr Patienten nicht mehr gegeben. „Die Praxis ist voll“, betont er noch einmal. Dazu komme, dass sich der bürokratische Aufwand verfünffacht habe. „Dafür geht viel Zeit und Kraft verloren“, so Erdmann.

In letzter Zeit habe sich die Zahl der Besuche seiner Patienten aufgrund des RS-Virus vervielfacht. Außerdem gebe es zunehmend Corona-Fälle – überwiegend bei Schulkindern.

Kinderärztin Antje Wiederanders zieht mit ihrer Praxis am Jahresende von Döbeln nach Leisnig.
Kinderärztin Antje Wiederanders zieht mit ihrer Praxis am Jahresende von Döbeln nach Leisnig. © Dietmar Thomas

Jahresendplanung torpediert

Und wenn dann noch, wie im Fall des Umzuges von Antje Wiederanders Absprachen nicht funktionieren, könnten sich die anderen Kinderärzte nur noch um die Akutversorgung der Patienten kümmern. Prophylaxe und beratende Gespräche würden dem zum Opfer fallen.

Das könnte im Dezember passieren. „Denn mit dem Umzug von Frau Wiederanders sind unsere Weihnachts- und Silvesterplanungen torpediert worden, die seit August feststehen“, sagt Eckhardt Erdmann. Vorgesehen war, dass Antje Wiederanders und Dr. Margit Richter die Weihnachtswoche übernehmen und Susanne Bley sowie Dr. Eckhardt Erdmann die Silvesterwoche. Somit hätten alle Ärzte und deren Mitarbeiter jeweils eine Feiertagswoche freigehabt und bei ihren Familien sein können.

„Jetzt wissen wir nicht, wie wir das lösen sollen“, meint Erdmann und ergänzt: „Wir wollen das nicht hinnehmen.“ Gemeinsam mit Margit Richter habe er sich bereits schriftlich an die Kassenärztliche Vereinigung gewandt. Dieser hätten sie auch ihre Bedenken mitgeteilt, dass sozial schwache und Flüchtlingsfamilien wahrscheinlich kaum eine Möglichkeit haben, die Praxis in Leisnig aufzusuchen.

Praxis einen Tag im Dezember offen

Außerdem können Margit Richter und Eckhardt Erdmann nicht nachvollziehen, weshalb für den Umzug ein ganzer Monat benötigt wird, in dem die beiden verbleibenden Döbelner Praxen die Patienten von Antje Wiederanders mit auffangen müssen.

„Der Umzug erfolgt in enger Abstimmung mit der Klinik, die sich organisatorisch auf den Einzug der Kinderarztpraxis einstellt“, teilt Stefan Möslein, Pressesprecher der Helios-Klinik, auf Nachfrage des Döbelner Anzeigers mit. Für einen reibungslosen Ablauf werde der Umzug ab dem 13. Dezember beginnen.

Zuvor befinde sich das Team der Praxis im Urlaub und sei in Fortbildungsprogramme eingebunden. Deshalb sei die Kinderarztpraxis nach aktuellem Stand bereits ab dem 1. Dezember geschlossen. Sie werde aber noch einmal am 8. Dezember am Döbelner Standort für Patienten geöffnet sein.

Neustart am 3. Januar in Leinig

„Die Vertretung wird aktuell bestimmt und zeitnah an Patienten beziehungsweise die Eltern kommuniziert“, sagt Möslein. Nach dem Umzug stünden Antje Wiederanders und ihr Team ab dem 3. Januar kommenden Jahres am neuen Standort in Leisnig zu den gewohnten Sprechzeiten zur Verfügung. Über die Feiertage stehe im Notfall grundsätzlich der Kassenärztliche Bereitschaftsdienst unter Tel. 116 117 zur Verfügung.

Antje Wiederanders könne zukünftig von der modernen Einrichtung der Helios-Klinik profitieren. Gleichzeitig erklärt der Sprecher, dass Helios in Bezug auf die Kinderklinik, die sich im gleichen Gebäude wie die künftige Kinderarztpraxis befindet, vor der großen Herausforderung stehe, für eine qualitative und umfassende medizinische Betreuung langfristig ausreichend fachärztliches Personal vorzuhalten.

„Um die fachärztliche Lücke zu schließen, gehen unsere Überlegungen in verschiedene Richtungen der Kooperation und Umstrukturierung des inhaltlichen Spektrums“, so Möslein.

Praxisstandort in Döbeln gesichert

Damit sein Praxisstandort gesichert wird, arbeite Eckhardt Erdmann bereits seit dem Jahr 2013 an einer Nachfolge. In seiner Praxis in Döbeln wird er bereits seit einigen Jahren von Susanne Bley unterstützt. Am zweiten Standort in Lommatzsch betreut Dr. Knut Götzelt die kleinen Patienten.

Seit dem 1. Oktober arbeitet in Döbeln zudem ein Weiterbildungsassistent zum Facharzt. Es ist bereits der dritte Facharzt, den Eckhardt Erdmann ausbildet. Zudem erlernen in der Praxis auch immer wieder Hausärzte den „kinderärztlichen Part“. „Ab Januar wird eine weitere Kinderfachärztin unsere Praxis unterstützen“, so Erdmann.