merken
PLUS Leben und Stil

Hypochondrie: Eine kranke Angst vor Krankheiten

Hypochonder werden belächelt, dabei steckt oft eine psychische Störung dahinter. Manche Eltern fördern sie.

Krank oder nicht krank - Hypochondrie ist für Betroffene eine große Belastung.
Krank oder nicht krank - Hypochondrie ist für Betroffene eine große Belastung. © 123rf

Alles Einbildung, Simulant oder schlichtweg Hypochonder – wer Angst vor Krankheiten hat, muss sich von seinem Umfeld oft viel anhören. Dabei gehört zur Wahrheit: Zwar haben Betroffene die gefürchteten Erkrankungen in der Regel nicht, gesund sind sie aber auch oft nicht.

Bei Hypochondrie, die heutzutage meist als Krankheitsangststörung bezeichnet wird, handelt es sich um eine psychische Störung, die den Alltag stark beeinträchtigt. Der Begriff Hypochonder werde inzwischen fast als Schimpfwort verwendet, erklärt Timo Slotta, Psychologischer Psychotherapeut an der Spezialambulanz für Krankheitsangst an der Universität zu Köln. Das ist auch der Grund dafür, warum in der Fachsprache in der Regel von Krankheitsangststörung gesprochen wird.

ECHT.SCHÖN.HIER
Sachsen entdecken und erleben
Sachsen entdecken und erleben

Lernen Sie unbekannte Orte der Region kennen - wir geben Ihnen Insidertipps um die Heimat neu zu erkunden und lieben zu lernen.

Um von seinem Umfeld als Hypochonder bezeichnet zu werden, reicht es meist schon, Sorgen oder Beschwerden zu äußern, die bei einer medizinischen Untersuchung dann nicht bestätigt werden. Für die tatsächliche Diagnose bedarf es aber etwas mehr: „Betroffene beschäftigen sich exzessiv damit, eine schlimme Erkrankung zu haben“, sagt Slotta. „Meist geht es um Erkrankungen, die einen über Monate oder Jahre hinweg sterben lassen können.“

Immer neue Untersuchungen

Sie gehen häufig zum Arzt, grübeln, lesen viel zu dem Thema und betreiben sogenanntes Bodychecking. Das bedeutet, sie scannen zum Beispiel ihre Haut nach verdächtigen Flecken, tasten sich so lange ab, bis es schmerzt, machen Gleichgewichtsprüfungen oder messen oft ihren Blutdruck oder den Sauerstoffgehalt im Blut.

Sich ab und an vor bestimmten Symptomen zu erschrecken, ist dabei nicht das Problem, wie Slotta betont. Krankhaft wird es dann, wenn man es unbedingt abklären muss und der Alltag beeinträchtigt ist. „Betroffene entwickeln ein Vermeidungsverhalten: Sie gehen nicht mehr zum Sport oder zur Arbeit“, sagt Sabine Köhler. Sie ist Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte und arbeitet als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Jena.

Hinzu kommt der zeitliche Aspekt: Für eine Diagnose müssen Betroffene mindestens ein halbes Jahr der Überzeugung sein, eine schwere Erkrankung zu haben. Köhler sagt: „Die Patienten weigern sich, die Diagnosefreiheit zu akzeptieren, und schieben immer neue Untersuchungen an.“

Übervorsichtige Eltern fördern das Verhalten

Wie viele Menschen in Deutschland betroffen sind, ist nicht ganz klar. Laut Köhler sind es zwischen 0,05 und zwei Prozent, die Zahlen seien aber nicht zuverlässig. Ob es durch die Corona-Pandemie mehr Menschen werden, die von Krankheitsangst betroffen sind, lässt sich bisher noch nicht sagen. „Allgemein nehmen depressive Erkrankungen, Panik- und Angststörungen in der Pandemie zu“, erklärt die Psychiaterin. „Ob das gleichermaßen für Hypochondrie gilt, steht noch nicht fest.“

Warum manche Menschen eine derartige Angststörung entwickeln, ist noch nicht vollständig erforscht. Aber es gibt verschiedene Theorien. Womöglich spielen genetische Einflüsse eine Rolle. Gleiches gilt für den Erziehungsstil und frühe Erfahrungen mit Krankheiten. „Kinder, die unter besonderer Vorsicht aufwachsen, zum Beispiel, weil sie sehr jung schon sehr krank waren, sind besonders von Krankheitsangst gefährdet“, sagt Köhler.

"Es ist eine sehr versteckte Erkrankung"

Auch eine unsichere Bindung zu den Eltern im ersten Lebensjahr kann zur Entstehung einer Krankheitsangststörung führen, wie die Expertin erklärt. „Diese Kinder sind empfänglicher für verschiedene psychische Erkrankungen, und sie haben ein höheres Bedürfnis, umsorgt zu werden.“

Oft seien Menschen betroffen, in deren Umfeld sich schwere Erkrankungen häufen, sagt Slotta. „Wenn ich hautnah mitbekomme, wie bedroht Gesundheit ist, kann das Angst machen.“ Auch bestimmte Denkstile spielen eine Rolle: Menschen mit Krankheitsangststörung befürchten häufig, durch ihre Gedanken oder ihr Verhalten die Entstehung von Krankheiten zu provozieren. Slotta nennt zwei Beispiele: „Wenn ich zu arglos bin, werde ich bestraft.“ Oder: „Wenn ich etwas Schlechtes erwarte, trifft das auch zu.“

Zwar gibt es für die Diagnose festgelegte Kriterien. Sie zu stellen, ist aber nicht so einfach: „Es ist eine sehr versteckte Erkrankung“, sagt Sabine Köhler. „Denn die Betroffenen drängen zwar auf eine Diagnose, aber auf die einer körperlichen Erkrankung. Von einer psychischen Störung wollen viele nichts wissen.“

Psychotherapie hat gute Chancen

Hier seien auch die Hausärzte gefragt, so Köhler: Wer pro Quartal ohne deutliche Beeinträchtigung fünf unterschiedliche Überweisungen für verschiedene fachärztliche Untersuchungen brauche, der könnte aus ihrer Sicht tatsächlich vielleicht eher einer psychiatrischen oder psychosomatischen Untersuchung zugeführt werden und ist in einer psychotherapeutischen Behandlung womöglich gut aufgehoben.

„Krankheitsangst ist gut behandelbar“, sagt Slotta. Zwischen zwei Dritteln und vier Fünfteln der Betroffenen profitieren nach seinen Angaben von einer Psychotherapie, bei einer medikamentösen Behandlung ist es etwa die Hälfte.

Hausarzt kann helfen

„Eine Psychotherapie ist belastend und anstrengend, keine Frage“, sagt Slotta. Je nach Therapieform müssen Patienten auf ihr Sicherheitsverhalten, etwa das ständige Recherchieren im Netz oder häufiges Blutdruckmessen, verzichten. Oder sie werden mit ihren Ängsten bewusst konfrontiert. Mit Blick auf Medikamente gibt Slotta zu bedenken: Die Behandlung damit wirkt nur so lange, wie man sie auch einnimmt. „Das ist bei Psychotherapie anders.“

Wer das Gefühl hat, dass er von einer Krankheitsangststörung betroffen sein könnte, sollte sich zunächst an seinen Hausarzt wenden. Für eine Diagnostik und Behandlung kommen Fachärzte für Psychiatrie, Fachärzte für Nervenheilkunde und Psychosomatik sowie ärztliche oder psychologische Psychotherapeuten infrage. (dpa)

Hier gibt es Hilfe:

Mehr zum Thema Leben und Stil