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Woran erkenne ich eine Thrombose?

Der Gefäßspezialist der Uniklinik Dresden zu Risiko und Nutzen von Astrazeneca, zu Warnzeichen und zum Einfluss von Pille und Flugreisen.

In der Radiologie werden Gefäße untersucht, um Thrombosen frühzeitig erkennen zu können.
In der Radiologie werden Gefäße untersucht, um Thrombosen frühzeitig erkennen zu können. © 123rf

Nach dem kurzzeitigen Stopp des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca sind viele Menschen besorgt, dass sie bei einer Impfung damit eine lebensgefährliche Thrombose bekommen könnten. Zu Recht? Die SZ sprach darüber mit Professor Jan Beyer-Westendorf. Der Gefäßmediziner ist der Experte für Gerinnungsprobleme im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie am Uniklinikum Dresden.

Herr Professor Beyer-Westendorf, was passiert eigentlich bei Thrombose?

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Eine intakte Blutgerinnung schützt uns bei Verletzungen vor dem Verbluten. Bei einer Thrombose jedoch entsteht ein Gerinnsel ganz ohne Verletzung. Es führt zur Verengung oder zum Verschluss des Gefäßes. Blutstau, Schmerzen und Gewebeschädigungen sind meist die Folgen. Wenn sich ein Teil des Gerinnsels löst und an anderer Stelle im Körper in einem Gefäß stecken bleibt, ist das eine Embolie. Daher gehören tiefe Venenthrombosen und Lungenembolien ursächlich zusammen.

Nach der Astrazeneca-Impfung kam es aber doch zu Thrombosen im Gehirn?

Das ist richtig. Die zeitweilige Sperrung des Astrazeneca-Impfstoffs erfolgte nicht aufgrund „klassischer“ Thrombosen und Lungenembolien. Denn deren Häufigkeit bei Geimpften war nicht höher, sie entsprach exakt dem Anteil in der Allgemeinbevölkerung. Die vorliegenden Daten – inzwischen wurden 1,6 Millionen Impfungen bewertet – haben hingegen eine kleine, aber auffällige Häufung von Hirnvenenthrombosen ergeben.

Prof. Jan Beyer-Westendorf ist Gefäß- und Intensivmediziner. Er leitet die Thromboseforschung an der Uniklinik Dresden.
Prof. Jan Beyer-Westendorf ist Gefäß- und Intensivmediziner. Er leitet die Thromboseforschung an der Uniklinik Dresden. © Gabrielle Bellmann

Die berichteten acht Fälle entsprechen damit einer Komplikationsrate von 0,0004 Prozent. Das heißt aber auch, dass bei 99,9996 Prozent der Astrazeneca-Impfungen keine solchen Komplikationen auftraten – das Risiko ist also extrem gering.

Welche Krankheitszeichen hatten die Patienten?

Es kam zu einer Kombination von starken Kopfschmerzen, Blutgerinnseln und dem Abfall der Blutplättchen (Thrombozyten). Bei manchen zeigten sich auch auffällige Hautblutungen. Diese Symptome sind wahrscheinlich eine fehlgeleitete Immunantwort. Vielfach war auch von Hirnvenenthrombosen die Rede. Bei den berichteten Fällen scheinen die Geimpften neben den gewünschten Antikörpern gegen die Infektion auch ungewöhnliche Antikörper zu entwickeln. Bei einem Teil der Patienten wurde die Gerinnung aktiviert. Bei anderen die Blutplättchen zerstört und damit Blutungen statt Thrombosen ausgelöst.

Haben Sie solche Immunreaktionen schon mal gesehen?

Ja, wir Notfallmediziner kennen solche unerwünschten Immunreaktionen. Sie können unter anderem durch bakterielle und virale Infekte, aber auch durch Adenoviren ausgelöst werden. Und Adenoviren sind als Transportsubstanz im Astrazeneca-Impfstoff enthalten. Insofern konnte das Paul-Ehrlich-Institut nicht ausschließen, dass es einen ursächlichen Zusammenhang zum Impfstoff gibt. Wichtig ist, dass das schnell herausgefunden wurde, auch im Hinblick auf die Akzeptanz der Impfung.

War der Impfstopp also unnötig?

Nein. Denn es zeigt, dass die Überwachung der Impfstoffe in Europa so gut ist, dass ein zahlenmäßig kleines Signal genügt, um das System der Sicherheitsüberwachung in Gang zu setzen. Es wurde sofort ganz transparent kommuniziert und nichts vertuscht. Auch das ist für mich als Arzt vertrauensbildend. Der Impfstopp hat uns auch Zeit verschafft, genauer zu verstehen, wie eine solche Komplikation entsteht und wie wir Betroffenen helfen können.

Wie hoch ist das Risiko für bereits Geimpfte?

Die Geimpften haben mit sehr großer Wahrscheinlichkeit einen wirksamen Schutz vor einer schwer verlaufenden Covid-19-Infektion erhalten – einer Virusinfektion, die sehr häufig selbst Gerinnungsprobleme auslöst. Im Krankenhaus erleidet etwa jeder zwölfte Corona-Patient auf der Normalstation und sogar jeder vierte Patient auf der Intensivstation eine Thrombose oder Lungenembolie. Weitere drei bis fünf Prozent bekommen Herzinfarkte und Schlaganfälle und drei Prozent schwere und zum Teil lebensgefährliche Blutungen. Vor diesem Hintergrund sind die beschriebenen Fälle schwerer Komplikationen bedauerlich, aber gemessen an dem Risiko der Covid-Erkrankung verschwindend gering. Deshalb ist die Aufhebung des Impfstopps aus jetziger Sicht gut und richtig.

Sehen das alle Ärzte so?

In der Medizin ist es natürlich auch eine ethische Frage, ob man eine seltene schwere Komplikation akzeptieren kann, um viele Menschen vor den viel häufigeren schweren Komplikationen der Covid-Erkrankung zu schützen. Dazu dürfen selbst wir Ärzte unterschiedlicher Meinung sein. Aber natürlich müssen wir die Sicherheitsbedenken aller Beteiligten ernst nehmen und Vorsorge treffen. Und dazu gehört, die Patienten, aber auch die Ärzte für die Symptome einer solchen Impfkomplikation zu sensibilisieren, damit frühestmöglich eine Behandlung beginnen kann.

Auf welche Warnzeichen müssen Geimpfte achten?

Sollten nach der Impfung starke Kopfschmerzen auftreten, bedeutet das nicht sofort, dass eine Hirnvenenthrombose im Entstehen ist. Sollten die Schmerzen aber länger anhalten, Sehstörungen oder andere neurologische Ausfälle dazukommen, muss umgehend ein Arzt konsultiert werden. Als führendes Symptom fallender Blutplättchen gelten unerklärliche Blutungen. Diese treten oft spontan auf der Haut auf, sind klein und punktförmig und haben eine leuchtend rote Farbe. Wir Ärzte nennen das Petechien. Bei Auftreten solcher Blutungen sollte umgehend eine Blutbildkontrolle erfolgen.

Sind Menschen, die schon Thrombose hatten, stärker gefährdet?

Aus meiner Sicht ist es für Patienten mit erhöhtem Thromboserisiko besonders wichtig, dass sie so bald wie möglich geimpft werden. Der Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung vermindert das Risiko einer damit verbundenen Thrombose so erheblich, dass die ganz offensichtlich minimalen Unterschiede der Impfstoffsicherheit zunächst einmal in den Hintergrund treten.

Sollten sie nicht besser einen anderen Impfstoff bekommen?

Ich bin dagegen, dass man hier eine komplizierte Patienten-Impfstoff-Zuordnung etabliert, welche das Impftempo für die gesamte Bevölkerung reduziert. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir Spezialisten in den kommenden Tagen gezielte Empfehlungen erarbeiten, ob man Patienten mit früherer Thrombose oder Lungenembolie noch gezielter schützt, beispielsweise eine Blutkontrolle macht oder die Patienten für ein bis zwei Wochen nach der Astrazeneca-Impfung mit einer Thromboseprophylaxe absichert.

Wie häufig kommen Thrombosen vor?

Pro Jahr tritt im Schnitt auf 1.000 Personen eine tiefe Beinvenenthrombose oder Lungenembolie auf. Bei jungen Menschen ist das Verhältnis eher 1:10.000; im Alter 1:100.

So entstehen Trombosen:

Venen transportieren unter anderem mit Hilfe der Venenklappen Blut zum Herzen. Dabei...

1. Können Blutplättchen verkleben und Gerinnsel (Thrombosen) entstehen, wenn das Blut in den Venen langsamer strömt (zum Beispiel durch langes Sitzen).

2. Blutgerinnsel(teile) können sich lösen.

3. Durch den Blutstrom wandern sie in die Lunge und können dort Gefäße blockieren (Lungenembolie).

Mögliche Risikofaktoren für die Entstehung: Rauchen, Übergewicht, langes Sitzen/LIegen, erbliche Veranlagung, hormonelle Veränderungen (Pille, Schwangerschaft).

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Studien zeigen, dass trotz aller medizinischen Weiterentwicklungen allein in den europäischen Ländern Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Schweden und Großbritannien jährlich noch immer mehr als 300.000 Patienten an den Folgen einer Thrombose oder Lungenembolie sterben – unabhängig von Corona-Infektionen oder Corona-Impfungen.

Welche Risiken erhöhen die Thrombosegefahr?

Immer dann, wenn Blut nicht richtig fließen kann und in den Beinen versackt, zum Beispiel bei Bettlägerigkeit, Beingips oder langem, unbequemen Sitzen, will es gerinnen. Weitere Risikofaktoren sind „zu dickes“ Blut, zum Beispiel bei Flüssigkeitsmangel, angeborener Gerinnungsneigung, Antibabypille oder Krebserkrankung. Meistens sind es mehrere Faktoren, die zusammentreffen. Aber es ist auch nicht ungewöhnlich, dass Menschen „aus heiterem Himmel“ ohne erkennbare Auslöser eine Thrombose bekommen.

Welches Risiko hat die Pille?

Hormonelle Verhütungsmittel sind mit Abstand der häufigste Thrombosegrund junger Frauen. Dabei erhöhen insbesondere kombinierte hormonelle Kontrazeptiva, die Östrogen und Gestagen enthalten, das Risiko etwa um den Faktor zwei bis vier. Das klingt viel, muss aber in Relation gesetzt werden: Wenn normalerweise eine von 10.000 Frauen pro Jahr eine Thrombose oder Embolie erleidet, sind es bei Einnahme von Östrogenpillen dann vier.

Die anderen 9.996 Frauen bekommen trotz Pille keine Thrombose. Demgegenüber erhöhen Gestagenmonopräparate (Pillen ohne Östrogenanteil) oder Spiralen mit dem Hormon Levonorgestrel das Risiko nicht entscheidend. Diese Alternativen werden bei Frauen mit Thromboserisiko bevorzugt.

Und was gilt für Langstreckenflüge?

Langes, unbequemes Sitzen kann das Thromboserisiko erhöhen, allerdings ist das Ausmaß der Gerinnungsaktivierung minimal. Eine der wichtigsten Studien zu diesem Thema haben wir hier in Dresden vor 20 Jahren durchgeführt, und diese Erkenntnisse sind nach wie vor aktuell. Wir haben fast 1.000 Langstreckenflugreisende auf Thrombosen untersucht und mit 1.200 Patienten ohne Flugreise verglichen. Die Raten an klinisch bedeutsamen tiefen Venenthrombosen oder Lungenembolien waren 0,7 Prozent bei den Flugreisenden und 0,2 Prozent in der Kontrollgruppe. Das bedeutet, dass das absolute Risiko durch einen Langstreckenflug in etwa bei 0,5 oder fünf Fällen auf 1.000 Flüge liegt. Keiner der beteiligten Flugreisenden erlitt eine Lungenembolie.

Wie werden Thrombose und Lungenembolie behandelt?

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