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Ein lebenslanger Kampf gegen die Kilos

Seit Herbst zahlen alle Krankenkassen die komplette Adipositas-Therapie. Welche Erfolge das bringen kann, zeigt Brita Kießling und eine Pilotklinik in Zwickau.

40 Kilo liegen zwischen dem Foto heute und vor anderthalb Jahren (rechts). Brita Kießling kann sich ein Leben ohne Sport nicht mehr vorstellen.
40 Kilo liegen zwischen dem Foto heute und vor anderthalb Jahren (rechts). Brita Kießling kann sich ein Leben ohne Sport nicht mehr vorstellen. © Ralph Koehler/propicture; Brita Kießling

Brita Kießling aus Zwickau trägt jetzt gern wieder farbige Kleidung. „35 Jahre lang habe ich mir das wegen meines starken Übergewichts nicht getraut. Aber Übergrößen gab es ohnehin nur in gedeckten Tönen“, sagt die heute 50-Jährige. Doch seit eineinhalb Jahren ist alles anders – sie hat in dieser Zeit mehr als 40 Kilogramm abgenommen. Möglich wurde das durch eine Operation – eine Magenverkleinerung. Viele Tausend Euro hat sie zuvor in Diäten und nutzlose Gewichts-Coachings gesteckt. „Ich war praktisch seit meinem zwölften Lebensjahr ständig auf Diät“, sagt sie, denn Übergewicht liegt bei ihr in der Familie.

Ein Arztbesuch brachte die Wende für sie. 2017 sei sie gesundheitlich und psychisch völlig am Boden gewesen, weil alle Abnehmversuche nichts brachten. „Es war der erste Arztbesuch, bei dem ich mich verstanden fühlte, weil ich nicht vorwurfsvoll wegen meines Gewichts betrachtet wurde.“ Das Vorurteil, dass Dicke willensschwach sind und den ganzen Tag nur fressen, sei leider weit verbreitet, sagt sie. Die Ärztin hat Brita Kießling die Selbsthilfegruppe Adipositas in Zwickau empfohlen, die eng mit der gleichnamigen Tagesklinik am Heinrich-Braun-Klinikum zusammenarbeitet. Zunächst war sie im Zweifel, ob eine Selbsthilfegruppe das richtige für sie ist. Denn mit Diäten hatte sie wirklich mehr als genug Erfahrung. Doch rückblickend bezeichnet sie den Schritt als großes Glück.

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Lockdown kam unpassend

„Ich habe damals fast nichts mehr gegessen und alle Kohlenhydrate weggelassen. Kein Wunder, dass das an die Substanz ging.“ Als sie ihren Ernährungsplan in der Gruppe vorstellte, wurde ihr klar, dass sie viel zu wenig isst. Sie hatte Ihren Stoffwechsel auf ein Minimum heruntergefahren. Langsam lernte sie, gutes Fett und Vollkornprodukte wieder in ihren Speiseplan einzubauen, und es ging gesundheitlich und psychisch wieder aufwärts. Sie nahm sogar ab, obwohl sie mehr aß. Trotzdem reichte es nicht, um ihren Gesundheitszustand nachhaltig zu verbessern. Sie entschied sich deshalb für die Operation.

Eine solche bariatrische Operation, wie die Magenverkleinerung in der Fachsprache heißt, kommt für Jost Schaller aus dem Landkreis Zwickau nicht infrage. Der 58-Jährige will es auf konservative Weise schaffen – durch Sport, Verhaltenstherapie und Ernährungsumstellung. Im September 2020 trat auch er der Selbsthilfegruppe Adipositas bei. Der 1,92 Meter große Mann brachte zu diesem Zeitpunkt 184 Kilo auf die Waage. Der ehemalige Schmied musste krankheitsbedingt in einen weniger schweren Beruf wechseln. Seine Essgewohnheiten aber waren geblieben, und das wollte er ändern. Zu Weihnachten hatte er es bis auf 158 Kilo geschafft. Seit Zielgewicht von 120 Kilo war in greifbare Nähe gerückt. Doch dann kam der Lockdown, und es durften keine Patienten mehr in die Tagesklinik. „Wir haben eine Whats-App-Gruppe gegründet und rufen uns auch immer an. Doch das ist nicht dasselbe. Die Kraft der Gruppe ist unersetzlich“, sagt Brita Kießling.

Individuelle Betreuung wichtig

„Videoschulungen und Online-Seminare könnten zwar eine Alternative für ausgewählte Patienten sein, doch Menschen mit dieser Krankheit brauchen den individuellen Kontakt – zu Ärzten, Therapeuten und Gleichbetroffenen“, sagt Dr. Maximilian Feilitzsch, Chefarzt der Adipositas-Tagesklinik. Insbesondere die Bewegungstherapie sollte unter individueller Betreuung durchgeführt werden, da das Verletzungsrisiko sonst sehr hoch sei.

Erst seit Herbst 2020 müssen alle Krankenkassen komplett für die Kosten der Adipositasbehandlung in einer Tagesklinik aufkommen. „Jahrelang haben wir darum gekämpft, dass es in der konservativen Therapie des krankhaften Übergewichts keine sozialen Unterschiede mehr gibt“, so Feilitzsch. „Bis dahin mussten gesetzlich Versicherte die nicht operative Behandlung oft selbst bezahlen.“ Nur einige Krankenkassen hatten mit einzelnen Kliniken bereits in der Vergangenheit eigenständige Verträge ausgehandelt. So übernimmt die AOK Plus die konservative Adipositastherapie in den sechs Adipositaszentren in Sachsen – darunter das Städtische Klinikum Dresden und die Helios Weißeritztal-Klinik Freital. „Das individuell abgestimmte ganzheitliche Behandlungskonzept reicht von der Diagnostik über eine Ernährungs-, Bewegungstherapie und psychologische Begleitung bis zur Nachbetreuung“, sagt AOK Plus-Sprecherin Hannelore Strobel.

Klinik in Zwickau offen für alle Kassenpatienten

„Die Tagesklinik am Zwickauer Heinrich-Braun-Klinikum ist meines Wissens nach republikweit die erste, die bereits für alle Kassenpatienten ein Therapieprogramm anbietet“, so Feilitzsch. Das Adipositaszentrum am Klinikum Chemnitz könnte möglicherweise das nächste sein: „Die Anträge auf tagesklinische Behandlungssätze sind gestellt. Wir hoffen, dass wir bald starten können, denn der Bedarf ist groß“, sagt Chefarzt Dr. Uwe Lindner.

In der Behandlung werden die Patienten von Ärzten verschiedenster Fachrichtungen, von Psychologen und Ernährungsberatern monatelang betreut. Die Bewegungstherapie erfolge in Partnereinrichtungen in Wohnortnähe oder in der Tagesklinik. Selbsthilfegruppen ergänzten das Angebot. Fast 200 Patienten stehen laut Feilitzsch auf der Warteliste. Man wolle ihnen bald ein Therapieangebot machen können.

Wie nötig das ist, zeigt ein Blick auf die Folgeschäden des Übergewichts. „Mehr als 90 Prozent der Menschen mit Diabetes Typ 2 haben auch schweres Übergewicht. Die alleinige Senkung des Blutzuckerspiegels behandelt nur das Symptom, nicht die Ursache“, so Feilitzsch. Fettleibige Menschen erkranken zudem häufiger an Herz- und Gefäßleiden, neurologischen Krankheiten und Krebs. Ganz zu schweigen von psychischen Beeinträchtigungen durch den Verlust ihres Selbstwertgefühls und der daraus resultierende Isolation. „Das ist ein hoher Kostenfaktor für das Gesundheitssystem und übersteigt langfristig die Kosten der Adipositastherapie. Deshalb bin ich so glücklich darüber, dass die Kassen jetzt einlenken“, so Feilitzsch.

Wie trockene Alkoholiker

Seit 2000 sei Adipositas durch die Weltgesundheitsorganisation als Krankheit anerkannt. Im Jahr 2003 entschied das Bundessozialgericht, dass adipöse Menschen Anspruch auf eine Behandlung haben. „Doch trotz dieser wichtigen Entscheidungen gab es für Ärzte und Krankenhäuser bislang keine Möglichkeit, die konservative Behandlung bei allen Kassen abzurechnen“, erklärt der Chefarzt. Die bariatrischen Operationen wurden in vielen Fällen zwar übernommen. Doch Ernährungsberatung, Bewegungscoaching und Verhaltenstherapie, die vorrangig und auch vor einer OP zwingend sind, hatten Versicherte oft selbst zu bezahlen. Das hielt viele ab.

„Unser tagesklinisches Angebot ist nicht auf eine OP fokussiert – im Gegenteil. Ziel der Therapie ist die dauerhafte Änderung des Lebensstils, die dann auch zur Gewichtsabnahme führt“, so Feilitzsch. Wenn keine ausreichende Gewichtsreduktion durch konservative Maßnahmen erreicht wird, muss eine Operation erwogen werden. „Operierte konnten damit ihr Übergewicht im Schnitt um 70 Prozent abbauen.“ Die Patienten hätten dann zwar nicht immer gleich Normalgewicht, doch die Voraussetzungen für mehr körperliche Aktivität seien damit wesentlich besser gegeben. Mit einer konservativen Behandlung könne man durchaus 20 bis 25 Kilogramm abnehmen, wie auch das Beispiel von Jost Schaller zeigt. Doch der Jojo-Effekt sei stark, so der Chefarzt. Denn der sei evolutionsbedingt. Adipöse hätten zudem häufig ein stärkeres Hungergefühl. „Der Körper verlangt nach Energie, obwohl er sie gar nicht braucht. Deshalb legt er Fettpolster an.“ Das Verhältnis zwischen Nahrungsaufnahme und Nahrungsbedarf ist gestört. Das mache Adipositas zur Krankheit. Eine Magenverkleinerung zum Beispiel reguliere das hormonelle Gleichgewicht wieder, sodass das ständige Hungergefühl und damit der alltägliche Kampf gegen das Verlangen aufhören.

Wo Adipositas beginnt:

Ob das Gewicht normal oder zu hoch ist, wird anhand des Body-Mass-Index (BMI) ermittelt. Er errechnet sich, indem man das Gewicht durch das Quadrat der Körpergröße teilt.

- Normal ist ein BMI von 18,5 bis 24,9.

- Von 25 bis 29,9 besteht bereits Übergewicht, die Präadipositas.

- Adipositas Grad I: 30 bis 34,9.

- Adipositas Grad II: 35 bis 39,9.

- Schwere Adipositas: ab 40.

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Anfang Oktober 2019 wurde Brita Kießling operiert. „Ich habe alles bestens überstanden und konnte Anfang Dezember schon wieder arbeiten gehen“, sagt sie. Das Hungergefühl sei auch bei ihr weg gewesen. „Ich musste mir zum Essen den Wecker stellen.“ Die Umstellung sei groß gewesen. Einfach mal einen Schluck Wasser trinken – das war zu viel und bereitete Schmerzen. Sie lernte in ganz kleinen Schlückchen zu trinken, kleine Bissen zu essen und diese 32-mal zu kauen. Das Gewicht kannte von da an nur eine Richtung – nach unten. Sie wiegt heute 69 Kilo bei 1,64 Meter Körpergröße. Das ist ein BMI von 25,3 und damit normal. Früher hatte sie 111 Kilogramm und einen BMI von 41.

Doch eine OP löst nicht dauerhaft alle Essprobleme, denn der Magen kann sich auch wieder weiten. „Es ist wie bei trockenen Alkoholikern. Die Krankheit bleibt ein Leben lang, denn der Appetit kommt wieder, und Verlockungen lauern an jeder Straßenecke.“ Auch psychisch ist bei ihr noch nicht alles wieder im Lot. Sie hat ständig Angst, wieder zuzunehmen. Wenn sie eine Jeans anziehen will, braucht sie einen gewissen Anlauf, denn sie zweifelt immer noch, ob sie da auch wirklich reinpasst, obwohl sie die Hose schon viele Male getragen hat. Mit diesen Gefühlen ist sie nicht allein. Deshalb bleibt sie weiter in der Selbsthilfegruppe – „Hoffentlich geht es bald wieder los“, sagt sie.

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Jost Schaller stimmt ihr zu. Schließlich will er Ende des Jahres wieder auf Skiern stehen. Das ist seine große Leidenschaft. Und mit 120 Kilogramm – oder weniger – traut er es sich auch wieder zu. Der 58-Jährige ist hoch motiviert. Doch ob das ohne die Gruppe anhält, bezweifelt er.

Eine Datenbank von Adipositas-Selbsthilfegruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz hat die Adipositas-Selbsthilfe-Interessengemeinschaft zusammengestellt: www.adipositas-selbsthilfe.com

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