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Warum Hunderte alte Bohnensorten einen Platz in Ihrem Garten suchen

Wissenschaftler wollen mithilfe von Privatleuten vergessene Bohnen aus aller Welt retten. So machen auch Sie mit.

Von Susanne Plecher
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Kerstin Neumann vor Regal 7 in der Kältekammer des Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben. 8.300 verschiedene Bohnensorten lagern in der dortigen Genbank.
Kerstin Neumann vor Regal 7 in der Kältekammer des Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben. 8.300 verschiedene Bohnensorten lagern in der dortigen Genbank. © Julie Himpe/ IPK

Es gibt Buschbohnen, Stangenbohnen, Feuerbohnen, Kidneybohnen und dicke weiße Bohnen – das war’s, oder? Bei Weitem nicht. Denn von den Hülsenfrüchten, die ursprünglich aus Mittel- und Südamerika stammen, sind weltweit mehrere Zehntausend Sorten bekannt. „Doch viele alte davon sind aus dem Blick geraten. Das Wissen über sie geht leider immer mehr verloren“, sagt Kerstin Neumann.

Die Biologin arbeitet am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung im sachsen-anhaltinischen Gatersleben. Allein in der dortigen Genbank lagern in Einweckgläsern in Kältekammern bei –18°Celsius etwa 8.300 Bohnenmuster – die drittgrößte Bohnensammlung der Welt.

Das alles sind Bohnensamen - nur eine winzige Auswahl der großen Vielfalt.
Das alles sind Bohnensamen - nur eine winzige Auswahl der großen Vielfalt. © Kerstin Neumann/ IPK

Die Samen sind auf Sammelreisen zusammengetragen worden, stammen von Forschungsinstituten, Züchtern oder Privatleuten. „Darin steckt ein riesiges, bislang ungenutztes Potenzial. Das wollen wir ändern“, sagt Neumann.

Dafür koordiniert sie das europaweite „Increase“-Experiment, das nicht von Wissenschaftlern in Laboren, sondern von Privatleuten in ihren Gärten, auf Balkonen oder in Hinterhöfen durchgeführt wird. Bis Anfang Februar kann man sich dazu mit der App „INCREASE CSA“ anmelden.

Teilnehmer erhalten sechs Saatguttütchen: Fünf davon enthalten alte, unerforschte Bohnensorten, von denen mitunter noch nicht einmal ein Name bekannt ist. Im sechsten Tütchen befinden sich Bohnensamen der Kontrollgruppe. Sie blüht verlässlich am zeitigsten und hilft den Forschern bei der Auswertung der Daten, um Wachsen und Gedeihen der unbekannten Sorten einschätzen zu können.

Erhoben werden diese mithilfe der kostenlosen App „Increase CSA“, die sich die Teilnehmer aufs Handy laden. Mit ihr dokumentieren sie, wann sie die Bohnen aussäen, wann die Pflänzchen aufgehen, blühen, reifen und wie viel sie ernten. Wer möchte, kann zudem auch morphologische Merkmale wie Blattform und Wuchstyp oder die Farbe und Größe der Blüten, Hülsen und Samen erfassen.

In der App werden die Daten hochgeladen.
In der App werden die Daten hochgeladen. © Kerstin Neumann/ IPK

Die Wissenschaftler sind nur an den Fotos und Merkmalen interessiert. Die Ernte darf und soll gegessen werden. „Wir hoffen, dass selber Samen gewonnen und untereinander getauscht werden“, sagt Kerstin Neumann. 1.075 alte Sorten sollen so in ganz Europa wieder angebaut und verbreitet werden.

Das Projekt startete 2020 und wird voraussichtlich 2026 enden. Bislang haben sich mehr als 7.000 Menschen in 27 Ländern daran beteiligt. „Das geht von Südspanien bis in den Norden Schwedens“, sagt Neumann.

Jeder Punkt auf der Karte steht für einen Bürgerwissenschaftler, der Bohnen aus Gatersleben anbaut. Mehr als 7.000 Menschen in Europa machen schon mit.
Jeder Punkt auf der Karte steht für einen Bürgerwissenschaftler, der Bohnen aus Gatersleben anbaut. Mehr als 7.000 Menschen in Europa machen schon mit. © Kerstin Neumann/ IPK

Die Forscher wollen damit einerseits ein breites Bewusstsein für die große Biodiversität von Ackerpflanzen schaffen. Denn wer vermutet schon bei einer so simplen Pflanze wie der Gartenbohne einen derartigen Variantenreichtum? Andererseits dient das Experiment dazu, Ertrags- und Blühdaten aus verschiedensten Anbauregionen zu sammeln. „Das wäre uns ohne die Mithilfe der Bürger so gar nicht möglich“, sagt die Biologin.

„Wir wollen wissen, wo man welche Sorte anbauen kann, wie sie mit den dortigen Bedingungen zurande kommt, ob sie trotz später Blüte noch reift und ob sich der Anbau lohnt.“ Sie ist überzeugt: Gerade in Zeiten heißer und trockener Sommer, mit denen manche handelsüblichen Sorten schwer zurechtkommen, kann sich eine Rückbesinnung auf alte, hitzeresistentere Sorten lohnen. Man muss sie nur finden.

So wird die Blütenfarbe und die Größe bestimmt.
So wird die Blütenfarbe und die Größe bestimmt. © Kerstin Neumann/ IPK

„Wir sehen auch eine erhöhte Nachfrage nach Hülsenfrüchten“, erklärt Kerstin Neumann. Der Bedarf nach klimafreundlichen, pflanzlichen Eiweißquellen, zu denen Bohnen gehören, wächst stetig – nicht nur unter Vegetariern und Veganern. Zudem haben Hülsenfrüchte einen hohen Anteil an Folsäure, Kalium und Magnesium und sättigen lange, was sie für Menschen mit Gewichtsproblemen interessant macht.

So gesund sind Bohnen

  • Die Kalorien von Bohnen kommen zum Großteil aus resistenter Stärke, die nicht gut verdaut wird. Das bremst den Anstieg des Blutzuckerspiegels.
  • Dickdarmbakterien spalten diese resistente Stärke in kurzkettige Fettsäuren auf – Futter für die guten Darmbakterien, die die Entstehung von Entzündungen verhindern.
  • Bohnen sind reich an Ballaststoffen, Folat, Magnesium und Kalium. Das alles ist gut fürs Herz und die Gefäße.
  • Die vielen sekundären Pflanzenstoffe, Kupfer und Mangan stärken die Abwehrkräfte.
  • Hülsenfrüchte enthalten mehr Eisen als Fleisch, aber der Körper kann es schlechter verwerten. Vitamin C hilft dabei.
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Welche Sorten in den Samentütchen landen, ist dem Zufall überlassen. Ein Blick in die Samendatenbank verrät aber, dass die halbe Welt zu Besuch im heimischen Garten sein kann. Denn die Saatbohnen stammen aus Honduras, Chile, Peru, Costa Rica und anderen Ländern Mittel- und Südamerikas sowie aus allen Ecken Europas.

Kerstin Neumann selbst hatte in ihrer Überraschungspackung Saatgut aus Georgien. Das blühte sehr spät, erst Ende August, wurde aber trotz erster Nachtfröste im Oktober noch reif. „Und selbst, wenn die Pflanzen eingehen, ist das für uns ein relevantes Ergebnis“, sagt die Wissenschaftlerin.

Anmeldung und Registrierung bis Anfang Februar mit der App „INCREASE CSA“.