SZ + Leben und Stil
Merken

Magersucht: Mein Feind, das Essen

Im Laufe ihres Lebens erkranken bis zu 20 von 1.000 Frauen an Magersucht – so wie Hannah Eisold aus Dohna. Die junge Frau erzählt, wie es dazu kam.

Von Angelina Sortino
 7 Min.
Teilen
Folgen
Bemüht sich nach überwundener Magersucht um einen gesunden Umgang mit dem Essen: Hannah Eisold aus Dohna.
Bemüht sich nach überwundener Magersucht um einen gesunden Umgang mit dem Essen: Hannah Eisold aus Dohna. © Thomas Kretschel

Die Magersucht hat sich leise und unbemerkt in Hannah Eisolds Leben eingeschlichen. „Ich war schon immer relativ stark gebaut. Deshalb wollte ich fünf Kilogramm abnehmen“, erinnert sich die 22-Jährige aus Dohna. Hannah war damals in der zwölften Klasse eines beruflichen Gymnasiums. Im nächsten Jahr hätte eigentlich das Abitur angestanden. Doch dann kam alles anders. Hannah setzte sich wegen ihrer Noten sehr unter Druck. Heute denkt sie, dass genau dieser Druck mit dafür verantwortlich war, dass sie in die Magersucht gerutscht ist.

„Ich habe mich wegen der Schule ziemlich gestresst. Das hat dazu geführt, dass ich gar nicht mehr hungrig war und auch nicht mehr essen wollte.“ Doch die junge Frau isst nicht nur weniger, sondern beginnt auch, ihr Essverhalten immer strenger zu kontrollieren. „Ich habe dann angefangen, alle Zutaten beim Kochen einzeln abzuwiegen und die Kalorien zusammenzurechnen. Das hat ewig lange gedauert und mich zusätzlich unter Druck gesetzt. All der Stress hat dazu geführt, dass ich noch mehr abgenommen habe, als ich eigentlich wollte.“

Hannah ist mit ihrer Geschichte nicht alleine. Im Laufe ihres Lebens erkranken von 1.000 Frauen zwischen zehn und 20 an Anorexie. Ein besonders hohes Risiko haben junge Frauen und Kinder, die gerade die Pubertät durchleben, weiß Stefan Ehrlich, Leiter des Zentrums für Essstörungen an der Uniklinik Dresden. „Zudem sind von einer Anorexie besonders häufig Personen betroffen, die aus einem Elternhaus mit einem höheren Bildungshintergrund kommen. Das ist bei keiner anderen psychischen Erkrankung so“, sagt Ehrlich.

30 Kilo abgenommen

Auch der Ausbruch der Krankheit beginnt bei vielen Betroffenen ähnlich wie bei Hannah. Stefan Ehrlich erklärt: „Stresssituationen, wie ein anstehender Schulabschluss, können bei einer gewissen Anfälligkeit durchaus der Anlass für das Entstehen einer Anorexie sein. Sie sind aber natürlich nicht der alleinige Auslöser.“

Wer sich, so wie Hannah, selbst unter Druck setzt, ist besonders anfällig. „Oft spielen Leistungsmotive, die sich die Patientinnen auch selbst setzen, bei der Magersucht eine große Rolle.“

Hannah nimmt im Laufe der Zeit immer weiter ab. 30 Kilo sind es am Ende. Das fällt auch Freunden und Familie auf. Als ihre Freundinnen Hannah daraufhin ansprechen, ist sie nicht bereit, darüber zu reden. „Es kommt oft vor, dass Betroffene ihrem Umfeld zunächst einmal eine Abfuhr bei Gesprächsversuchen erteilen“, so Psychiater Ehrlich.

Doch auch Hannah selbst fällt auf, das etwas nicht stimmt. Sie kann sich nicht mehr konzentrieren, muss im Unterricht immer häufiger Nachfragen stellen. Schließlich sprechen Hannahs Freundinnen das Thema bei der Klassenlehrerin an. Hannah fühlt sich übergangen und ausgeschlossen. „Alle meinten es nur gut, aber sie haben mich damit verletzt. Ich hatte das Gefühl, dass sie in mir nicht mehr Hannah sehen, sondern nur noch dieses dünne Etwas.“

Schließlich treffen Hannahs Mutter und ihre Klassenlehrerin eine Entscheidung. Hannah soll nicht mehr zur Schule kommen. „Grund dafür war, dass ich die anderen wohl vom Lernen abgehalten habe, weil ich so energielos war. Außerdem meinte meine Mutter, dass ich mich von meinen Mitschülerinnen nicht runtermachen lassen muss.“

Im Laufe ihres Lebens erkranken von 1.000 Frauen zwischen zehn und 20 an Anorexie.
Im Laufe ihres Lebens erkranken von 1.000 Frauen zwischen zehn und 20 an Anorexie. © dpa

Doch zu Hause geht es Hannah nicht besser. Sie langweilt sich und hat noch mehr Zeit, sich über das Essen Gedanken zu machen. Hannah wiegt sich mehrmals täglich, verbannt Nudeln, Kartoffeln und Reis von ihrem Speiseplan. Sie kann nicht anders. „Das wurde zum Zwang“, erinnert sie sich. Zudem drückt ihre Magersucht auch auf die Stimmung innerhalb der Familie. „Meine Mama und ihr Freund meinten irgendwann zu mir, dass es sie ganz schön fertigmache, mich so zu sehen. Aber leider wurde es nicht besser, weil ich den Ernst der Lage in dem Moment nicht realisiert habe.“

Dennoch entscheidet sich Hannah nach einigen Monaten dafür, sich in eine Spezialklinik einweisen zu lassen. Ihre Mutter war auf die Einrichtung in Bayern durch eine Dokumentation aufmerksam geworden. „Oftmals müssen wirklich mehrere Personen aus dem Umfeld einen Anschub geben, damit Betroffene sich in Behandlung begeben. Das klappt nicht immer von ganz alleine“, sagt Stefan Ehrlich. Deshalb ermutigt er Angehörige und Freunde auch, das Thema anzusprechen, selbst wenn die Betroffenen erst mal mit Ablehnung reagieren. „Man bringt damit oft einen Stein ins Rollen. Das haben mir Patientinnen schon mehrfach berichtet.“

Strenger Essensplan

Nach drei Monaten Wartezeit bekommt Hannah einen Platz. Erst in der Klinik realisiert sie, wie ernst ihr Gesundheitszustand ist. Denn in der Eingangsuntersuchung zeigt sich, was die Magersucht bereits in Hannahs Körper angerichtet hat. „Meine Muskeln hatten total abgebaut. An den Armen hatte ich ganz dichte Haare. Die bekommt man, weil am Körper ja nichts mehr dran ist, was die Wärme speichern kann. Mir war auch ständig kalt, und meine Blutwerte waren im Keller.“

Hannah trifft eine Entscheidung: Sie will ihr Leben ändern – also zunehmen, um wieder Kraft und Energie zu haben. Das bedeutet aber, dass sie sich an einen strengen Essensplan halten muss. Zwei Brötchen zum Frühstück, mittags eine warme Mahlzeit und ein Dessert, zum Abendessen zwei Scheiben Brot mit ordentlichem Belag. „Das war schon ganz schön viel, was man da in sich reinstopfen musste. Ich hatte davor halt weder Brot noch Brötchen oder sonst was in der Richtung gefrühstückt. Es gab immer nur Obst oder Joghurt“, erinnert sie sich.

Doch Hannah bleibt dran. Das Essen fällt ihr mit der Zeit immer leichter. Auch ihr Gewicht geht nach oben. 30 Kilogramm nimmt sie in den drei Monaten in der Klinik zu. Laut Stefan Ehrlich ist das schon recht viel. Doch er fügt hinzu: „Es ist durchaus nicht unüblich, dass Patientinnen im Rahmen eines stationären Aufenthaltes rasch zunehmen.“ Das sei auch deshalb nötig, weil bei Patientinnen mit akuter Magersucht Konzentrationsprobleme und Gedankenkreisen auftreten. „Oft führt das dazu, dass sie Probleme haben, sich überhaupt auf die Therapie einzulassen.“ Die Gewichtszunahme sei so wichtig, um aus diesem Tal überhaupt herauszukommen.

Einsamkeit und Langeweile

Eine so rasche Zunahme muss allerdings ärztlich begleitet werden, damit es nicht zum sogenannten Refeeding Syndrom kommt. Dieses Syndrom kann auftreten, wenn nach einer langen Zeit, in der sehr wenig Nahrung zu sich genommen wird, zu viele Kalorien auf einmal gegessen werden. Das kann die Körperchemie durcheinanderbringen und schlimmstenfalls tödlich enden. Allerdings lässt sich das Refeeding Syndrom bei Blutuntersuchungen gut erkennen und früh behandeln.

Nachdem Hannah wieder zu Hause ist, geht es ihr erst mal besser. „Das Essen war dort kein Problem mehr. Ich habe das System aus der Klinik ein bisschen weitergeführt.“ Hannah sucht sich ihre erste eigene Wohnung und findet eine passende Ausbildung. In die Schule möchte sie nicht zurückkehren. Zu groß ist die Angst, dass der Abi-Stress die Essstörung zurückbringt.

Doch nachdem Hannah in ihre erste eigene Wohnung eingezogen ist, wird nicht der Stress, sondern die Einsamkeit und Langeweile zu einem Problem für sie. Wieder kompensiert sie die Gefühle mit Essen und nimmt weitere 20 Kilogramm zu. „Ich weiß genau, dass ich viel zu viel gegessen habe“, sagt sie. „Ich habe mir das Essen als Beschäftigung gesucht. Eine Zeit lang konnte ich Nutella- und Marmeladengläser löffeln, und dann kamen teilweise noch zwei Packungen Süßigkeiten hinterher.“

Unterstützung von Partner und Familie

„Es passiert durchaus, dass Patientinnen von einer Phase des Zu-wenig-Essens in eine Phase des Zuviel wechseln – oder auch wieder zurück. Manche Menschen haben da leider ein Problem, wieder die Mitte zu finden“, erklärt Stefan Ehrlich.

Mittlerweile wohnt Hannah mit ihrem Freund zusammen und versucht, mit gesunder Ernährung und Sport, wieder ein bisschen abzunehmen. An schlechten Tagen wünscht sie sich zeitweise die Essstörungsgedanken zurück. „Ich ärgere mich manchmal ein bisschen, dass ich mich beim Essen immer noch wohlfühle, was ja eigentlich auch so sein soll. Aber dadurch schafft man es halt schwer, abzunehmen“, erklärt sie.

Doch meistens ist Hannah froh, dass sie die Essstörung hinter sich lassen konnte und ihr Leben nun wieder voller Energie bestreiten kann. Ihr Partner und ihre Familie unterstützen sie dabei, nicht mehr so streng mit sich zu sein – egal, ob bei ihrem Gewicht oder den Leistungen in der Ausbildung. Hannah hofft, dass sie auf gesundem Weg ihr Wohlfühlgewicht erreichen kann und dass es ihr bald gelingt, ihren Körper zu akzeptieren. „Momentan fällt mir das aber noch sehr schwer.“