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Im Namen des Hasen

Täglich rollen Tausende Eier auf dem Geflügelhof Lange in Blankenstein vom Band. Zu Ostern sind sie besonders begehrt.

Die Frau zum Ei: Steffi Schober, 56, führt in vierter Generation den Geflügelhof Lange in Blankenstein bei Wilsdruff.
Die Frau zum Ei: Steffi Schober, 56, führt in vierter Generation den Geflügelhof Lange in Blankenstein bei Wilsdruff. © Daniel Schäfer

Wenn die Sonne aufgeht überm Wilsdruffer Land und die Katzen die Bürgersteige noch für sich haben, hat der Tag beim Geflügelhof Lange in Blankenstein längst begonnen. Denn die Hühner stehen noch früher auf als Katzen. Halb vier, wenn das Kunstlicht dämmert, beginnt ihr Arbeitstag. Und das heißt vor allem Eier legen. Ein Kunde braucht jetzt besonders viele davon: der Osterhase. Gegen sieben laufen die Förderbänder an.

Lange - der Name ist Programm. Die Firma im Blankensteiner Triebischtal existiert schon über neunzig Jahre. 1929 begann Woldemar Lange mit der Geflügelhaltung und lieferte seine Eier bald bis nach Dresden. Inzwischen ist mit Steffi Schober die vierte Generation am Werk. Dresden isst noch immer gerne Lange-Eier. Allein auf dem Lingnermarkt am Hygienemuseum wird jeden Freitag mehr als eine ganze Tagesproduktion losgeschlagen.

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Die Eiersortiermaschine in Aktion: Kleine Waagen befördern die anrollenden Eier je nach Gewichtsklasse in verschiedene Rinnen.
Die Eiersortiermaschine in Aktion: Kleine Waagen befördern die anrollenden Eier je nach Gewichtsklasse in verschiedene Rinnen. © Daniel Schäfer

Die viereinhalb Tausend Hennen des Betriebs liefern täglich zwischen drei- und viertausend Eier ab. Weil die Nester schräge Böden haben, rollen die Gelege umgehend auf das Laufband aus Metallstreben. Wird der Schalter umgelegt, dauert es sechs, sieben Minuten, bis sie den Stall verlassen, den Hof überquert und in der Verpackungsabteilung ankommen sind. Dann geht die Arbeit für die Menschen los.

Osterhase fordert zusätzliche Liefertouren

Neben der Chefin wuseln ihre Mädels, die beide Ute heißen, und Sohn Karl in dem langgezogenen Bau, einem einstigen Junghennenstall, herum. Gearbeitet wird am Rand des Raums. Die Mitte ist mehrere Etagen hoch von Eiern in Höckerpappen besetzt. Zu Ostern ist der Absatz besonders rege, sagt Steffi Schober. Es wird gefärbt, gekocht, gebacken und ausgepustet. Statt drei Liefertouren die Woche gibt es vier bis fünf. Bestellungen für den laufenden Tag haben kaum eine Chance.

Flinke Hände: Mitarbeiterin Ute Winkler greift die nach Größe sortierten Eier und setzt sie in die Höckerpappen.
Flinke Hände: Mitarbeiterin Ute Winkler greift die nach Größe sortierten Eier und setzt sie in die Höckerpappen. © Daniel Schäfer

Noch fördert das Band nur Luft. Doch dann kommen die ersten Eier angefahren. Ute Reuschel steht auf Posten bei der Vorsortierung. Sie mustert den vorbeiziehenden Eierstrom. Es gibt immer mal Ausschuss, Lege-Störungen, etwa Mini-Eier, oder Eier mit zu dünner Schale. Es gibt auch "Knick-Eier" die angeknackst sind. XXL-Eier müssen gleichfalls raus. Sonst kann es passieren, dass die Sortieranlage sie zerdrückt.

Hühner stehen kurz vor der Schlachtung

Das Norm-Ei gibt es in vier Größen, von S - unter 53 Gramm - bis XL - 73 Gramm und mehr. Das Sortieren übernimmt der Automat, Marke Benhil, gebaut in Westfalen in den 1960ern. Kleine Waagen, eingestellt auf die einzelnen Gewichtsklassen, sind in Reihe geschaltet. Der Automat reicht die Eier von Waage zu Waage durch, fünfzig Takte je Minute. Passt das Gewicht, kippt die Waage und das Ei kullert eine Rinne entlang zu Ute Winkler.

Spart Zeit und kaputte Schalen: Der Vakuum-Eierheber füllt eine 10er Eierpackung im Handumdrehen.
Spart Zeit und kaputte Schalen: Der Vakuum-Eierheber füllt eine 10er Eierpackung im Handumdrehen. © Daniel Schäfer

Die Packerin hält gerade eins der seltenen S-Eier hoch. Die kleinste Größe gibt es bei einer eingespielten Hühnerschar kaum noch. Die meisten Eier rollen ins L-Fach. Obwohl die Hühner ihr Jahr im Stall beinahe hinter sich haben, sind Legeleistung und Schalenstärke immer noch sehr gut, sagt Chefin Schober. Trotzdem wird nach Ostern das Schlachthofauto kommen. Das bedauert sie ein bisschen. "Es tut mir in der Seele weh."

Gegen die "Verdummung" der Leute

Aktuell werden im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge etwa 107 500 Legehennen gehalten. Unter den 542 Betrieben sind elf, die mehr als zweihundert und sechs, die mehr als tausend Tiere besitzen. Eierproduktion wie im Kinderbuch ist in diesem Maßstab nicht drin. Es geht mehr oder weniger industriell zu. Auch bei Steffi Schober. Sie macht daraus keinen Hehl, im Gegenteil. Sie ist gegen die "Verdummung" der Leute, sagt sie. Wenn es nach ihr ginge, müssten alle Kinder mal vier Wochen echte Landwirtschaft erleben. "Damit sie wissen, wo die Sachen herkommen."

Auf zur Liefertour: Karl Schober hat seinen Transporter mit Eierkisten vollgepackt. Die Empfänger sind zumeist kleinere Geschäfte.
Auf zur Liefertour: Karl Schober hat seinen Transporter mit Eierkisten vollgepackt. Die Empfänger sind zumeist kleinere Geschäfte. © Daniel Schäfer

Die Betriebsabläufe sind streng getaktet. Das betrifft die Fütterungszeiten, das Beleuchtungsprogramm, und auch den Austausch der Generationen. Weil die Legeleistung nach Jahresfrist in der Regel nachlässt, sind für den Mai neue Tiere bestellt. Also muss der Stall zuvor entleert, ausgemistet und geputzt werden, sagt die Chefin, "damit die Hühner in einen sauberen Stall kommen".

Das Ei aus dem Automaten liegt im Trend

Etwa ein Drittel der Lange-Eier wird direkt ab Hof verkauft, ein weiteres auf Märkten. Das dritte Drittel liefert die Firma an kleine Geschäfte. Deshalb hat Junior Karl Schober schon den Lieferwagen klar gemacht. Heute führt seine Tour mit knapp 10.000 Eiern durch Freital und Dresden. Eine Fleischerei ist unter den Adressen, ein Blumenladen, ein Futtermittelhandel, auch ein Gartenbaubetrieb mit Eier-Automat.

Sonderwünsche: Manche Kunden bevorzugen sehr dunkle Eierschalen oder mit Pünktchen gesprenkelte Eier wie dieses.
Sonderwünsche: Manche Kunden bevorzugen sehr dunkle Eierschalen oder mit Pünktchen gesprenkelte Eier wie dieses. © Daniel Schäfer

Automaten scheinen im Trend zu liegen, sagt Steffi Schober. Mittlerweile hat sie vier Kunden, die einen Eier-Automaten betreiben. Vielleicht hat das mit Corona zu tun, denkt sie, und mit dem Wunsch, kontaktlos einzukaufen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Leute mehr in der Landschaft unterwegs sind und neue Dinge entdecken, womöglich auch die Eierpackung vom Wegesrand.

Nur zu Ostern wird das weiße Ei geliebt

Ein Ei gleicht dem anderen. Aber es gibt Moden. Seit der Westen da ist, sind braune Eier in. Zu Ostern will aber jeder weiße. Die muss Steffi Schober zukaufen, denn ihre Hühner sind Braunleger. Nach Ostern ist weiß sowieso wieder out. Doch auch beim Braun gibt es Sonderwünsche. So wollen manche Leute möglichst dunkelbraune Schalen, andere wieder Schalen mit Pünktchen drauf. Solche Eier werden dann extra vor der Sortiermaschine abgezweigt.

Die Chefin und ihre Hühner: Der Geflügelhof Lange hat Platz für 4.500 Legehennen.
Die Chefin und ihre Hühner: Der Geflügelhof Lange hat Platz für 4.500 Legehennen. © Daniel Schäfer

Für Steffi Schober sind das Wohlstandsprobleme, die mitunter auch nerven, vor allem dann, wenn sie auf dem Markt steht und mit pingeligen Kunden verhandelt. "Nichts ist mehr gut genug heutzutage." Dabei kann es den Leuten doch egal sein, welche Farbe das Ei hat, sagt sie. "Die essen die Schale doch nicht mit."

Auch wenn sie Tag für Tag Tausende von Eiern anguckt: Satt gesehen hat sich Steffi Schober an ihrem Produkt noch nicht. Und satt gegessen auch nicht. Sie mag Eier, egal ob gerührt mit Schnittlauch oder im Kuchen verbacken. Gekocht sowieso. Wie lange? Das ist Geschmackssache. Weich und warm soll ihr Ei sein, sagt sie. Also etwa vier Minuten. Zum Genuss fehlt dann nur noch Salz, "und ein Klecksel Butter".

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