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Corona: Aufschrei der Wirte

Mehr als 40 Gastronomen und Hoteliers aus Zittau und dem Gebirge fordern auf Bannern die Wiedereröffnung ihrer Betriebe. Auch einen Brandbrief gibt es.

Gjok Karaqi von der Pizzeria Franko auf der Zittauer Neustadt mit dem Protestbanner, das an seinem Biergarten befestigt wurde.
Gjok Karaqi von der Pizzeria Franko auf der Zittauer Neustadt mit dem Protestbanner, das an seinem Biergarten befestigt wurde. © Jan Lange

"Wir müssen öffnen !!! ... oder niemals wieder" steht auf dem großen gelben Banner. Das Protestplakat hängt derzeit an zahlreichen Gaststätten und Hotels in Zittau und im Zittauer Gebirge. Deren Betreiber machen damit auf ihre schwierige Situation aufmerksam. Die Gaststätten sind seit Anfang November wegen der Corona-Pandemie zwangsweise geschlossen, möglich ist nur Abhol- und Lieferservice. In den Hotels sind seit über fünf Monaten nur beruflich bedingte Übernachtungen möglich - ebenfalls wegen Corona. Viele Hoteliers - vor allem auch die im Zittauer Gebirge - leben jedoch von touristischen Gästen.

Die Idee entstand aus der Not und der Kritik vieler Gastronomen und Hoteliers hinsichtlich der Verhältnismäßigkeit der Corona-Schutzmaßnahmen, dem Unmut über das Vergessen einer ganzen Brache und der Perspektivlosigkeit, erklärt Jens Claus, Betreiber vom "Wirtshaus zur Weinau" im Namen der Initiative "Vertrauen verloren".

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Die beteiligten Gastronomen und Hoteliers wollen mit der Aktion ein Zeichen setzen, dass eine Branche, welche viele Hygienekonzepte umgesetzt habe und dennoch seit 250 Tagen unter Berufsverbot leide, endlich realistische Perspektiven braucht.

Die Banner-Aktion wurde laut den Initiatoren zu einem Selbstläufer quer durch die Oberlausitz, mittlerweile bis hin nach Bautzen, Görlitz, Pulsnitz, Göda und sogar Bayern.

Gastronomen fühlen sich vergessen

Mit bei der Protest-Aktion dabei ist auch die "Pizzeria Franko" auf der Zittauer Neustadt. "Es ist jetzt echt lange", sagt Gastronom Gjok Karaqi mit Blick auf die Zwangsschließung. Sie haben so viel in das Restaurant und den Biergarten investiert - und können sie seit Monaten nicht wirklich nutzen. Die Pizzeria bietet zwar einen Abhol- und Lieferservice an, wirklich etwas verdienen können sie damit aber nicht, meint Gjok Karaqi. Genauso ist es bei Henryk Haußer-Knabe. Im "Cavallino" bietet er einen Lieferdienst an, weil das schon seit vielen Jahren der Fall sei. Bei seinem zweiten Restaurant, dem "Dornsprachhaus", lohne sich ein solcher Service aber nicht jeden Tag. Er hat ihn deshalb nur zu Weihnachten und an Ostern angeboten.

Henryk Haußer-Knabe macht deshalb bei der Protest-Aktion mit. Er bekomme das Gefühl, dass es immer mehr zur Selbstverständlichkeit wird, dass die Gaststätten geschlossen sind. "Irgendwann gewöhnen sich die Leute daran", befürchtet er. Sie kochen mehr zu Hause oder holen sich schnell etwas beim Imbiss - und irgendwann sei das dann für sie normal.

Viele Gaststätten seien vor der Pandemie gut funktionierende Betriebe gewesen. Nur so konnten sie bisher die monatelange Zwangsschließung überstehen. Gastronom Haußer-Knabe hat nach eigener Aussage viele Jahre solide gearbeitet. Das helfe nun. Die Auszahlung der staatlichen Hilfe für November und Dezember habe gut funktioniert, sagt er. Von der versprochenen Hilfe für die Monate danach bekam er bis heute noch nichts.

Weitere Hilfe erst im Mai?

Und nicht nur Henryk Haußer-Knabe geht es so: Auch Elke Mäffert, Inhaberin des "Irish Pub" auf der Zittauer Neustadt, hat bisher noch nichts von der sogenannten Überbrückungshilfe III für die Monate Januar bis Juni 2021 gesehen. Von den an der Protestaktion beteiligten Gastronomen haben nach Angaben der Initiative "Vertrauen Verloren" 70 bis 80 Prozent noch keine Zahlungen erhalten.

"Wird wohl erst im Mai kommen", glaubt Elke Mäffert und fordert gleichzeitig, dass dann aber die gesamte Summe ausbezahlt werden sollte. Denn die Gefahr sei groß, dass bald die privaten Rücklagen aufgebraucht sind, aus denen die weiter laufenden Kosten finanziert wurden. Auch den meisten anderen Gastronomen und Hoteliers gehen die finanziellen Reserven zur Neige, vor allem denen, die vor der Zwangsschließung Investitionen getätigt hatten, sagt Jens Claus.

Schon im Januar hatte "Irish Pub"-Chefin Elke Mäffert geklagt, dass ihr Unternehmen kurz vor der Pleite stehe. Kurze Zeit später wurde ihr dann die November- und Dezemberhilfe ausgezahlt. Sie hatte vor einem Monat auf dem Zittauer Markt Getränke symbolisch ins Klo geschüttet. Sie ist froh, dass bei der aktuellen Protestaktion die Gastronomen endlich mal wieder gemeinsam aktiv sind.

Auch Brandbrief veröffentlicht

Die Gastwirte und Hoteliers haben aber nicht nur das Protestbanner an ihren Häusern aufgehängt. Sie haben darüber hinaus einen offenen Brandbrief an die politisch Verantwortlichen im Land Sachsen, des Kreises Görlitz und der Stadt Zittau geschrieben. Erstunterzeichner sind sechs Gastronomen und Hoteliers aus Zittau. Unterstützt werden sie von über 70 weiteren Unterzeichnern, darunter auch zahlreichen Einzelhändlern und Gewerbetreibenden.

In dem Brandbrief beklagen sie ebenfalls, dass sie sich seit November in einem permanenten Berufsverbot befinden, dessen Dauer nicht absehbar ist. Die Unterzeichner des Briefes bangen um die Zukunft ihrer Betriebe. "Viele von uns stehen ohne eigenes Verschulden vor dem Scherbenhaufen ihres Lebenswerkes", erklären die Unterzeichner und fragen kritisch, wie es weitergehen soll und was die Lösung ist?

Auch an der Bar "Filmriß" auf dem Markt hängt das Banner über dem Eingang. Inhaber Heiko Winkler gehört auch zu den Erstunterzeichner des Brandbriefes ...
Auch an der Bar "Filmriß" auf dem Markt hängt das Banner über dem Eingang. Inhaber Heiko Winkler gehört auch zu den Erstunterzeichner des Brandbriefes ... © Jan Lange
... - ebenso wie Peter Besser, der Wirt des Restaurants "Zum Alten Sack" auf der Neustadt.
... - ebenso wie Peter Besser, der Wirt des Restaurants "Zum Alten Sack" auf der Neustadt. © Jan Lange
Rund ums Salzhaus findet sich das Protestbanner gleich an mehreren Gaststätten - auch am "Irish Pub".
Rund ums Salzhaus findet sich das Protestbanner gleich an mehreren Gaststätten - auch am "Irish Pub". © Jan Lange
Bei der Aktion dabei ist ebenso das "La Casa Vecchia" auf der Johannisstraße.
Bei der Aktion dabei ist ebenso das "La Casa Vecchia" auf der Johannisstraße. © Jan Lange

Stirbt eine ganze Branche?

Und sie fürchten nicht nur um ihre eigenen Betriebe, sondern um eine ganze Branche. "Altersbedingte Betriebsübergaben können nicht stattfinden, krankheitsbedingte sind ebenfalls ausgeschlossen. Auszubildende in unseren Betrieben sehen mit Sorge in die Zukunft: Wird es noch genug Arbeitsplätze in unseren Branchen geben, ist es für sie erstrebenswert sich selbstständig zu machen?" Langjährige Mitarbeiter mussten zum Teil gekündigt werden. Es sei fraglich, ob sie in die Betriebe zurückkommen.

Gleichzeitig betonen die Unterzeichner des Brandbriefes, dass sie in ihren Einrichtungen ein verlässliches Hygienekonzept erarbeitet und auch schon im Sommer 2020 erfolgreich umgesetzt haben. "Wir sind nicht die Pandemietreiber", so ihre klare Einschätzung.

Der Brief endet mit der Forderung, dass das Berufsverbot beendet werden müsse und sie wieder ihrer Arbeit nachgehen können. Die gleiche Forderung hatten sie auch schon auf das Protestbanner geschrieben. "Wir wollen unser Geld für uns und unsere Mitarbeiter wieder selbst verdienen, weil wir das, was wir tun, gern und gut machen!", erklären die Initiatoren des Protestes.

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