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Warum es toll ist, wenn Wein nach Kerosin riecht

Vor allem Riesling riecht oft nach Altöl. Eigentlich ein Fehlton – und doch ein Muss. Warum, erklärt der Dresdner Sommelier Silvio Nitzsche.

Silvio Nitzsche ist Sommelier und betreibt in Dresden die WeinKulturBar.
Silvio Nitzsche ist Sommelier und betreibt in Dresden die WeinKulturBar. © Thomas Kretschel

Von Silvio Nitzsche

Irgendwie fühlt es sich richtig an, obwohl es falsch ist. Und wenn es richtig ist, vermisst man irgendwie das nicht Richtige. Es geht um bestimmte Fehltöne im Wein. Denn es gibt Weinfehler, von denen viele noch nicht einmal wissen, dass es welche sind. Weil sie schon immer da waren und weil viele sie toll finden. Zum Beispiel, wenn Weine nach Altöl riechen.

Klar ist es für einige Weintrinker nicht unbedingt schön und für Menschen, die sich anfänglich mit Wein beschäftigen auch nicht unbedingt verständlich, warum ein Wein nach Kerosin riecht und dann wiederum nach Aprikose oder Mango schmeckt. Warum um alles in der Welt soll es toll sein, wenn man beim Genuss von Wein das Gefühl hat, als würde man an der Zapfpistole einer Tankstelle schnuppern? Dieses für uns als künstlich abgespeicherte Aroma in etwas so Natürlichem wie Wein zu finden, daran muss man sich als junger Weintrinker erst einmal gewöhnen. Doch wenn man es als passend abgespeichert hat, dann ist es fast ein Muss. Wein – und im ganz speziellen Riesling – muss nach Petrol riechen. Nur dann ist Riesling, Riesling. Verrückte Weinwelt. Dass das eigentlich ein Fehlton ist, zerstört für nicht wenige Rieslingjünger ganze Welten.

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Doch woher kommt dieser geliebte Stinker? Natürlich bekommt ganz schnell die Vermutung Gewicht, dass die Kerosinablassungen von Flugzeugen für den Geschmackston im Wein verantwortlich seien. Flugzeuge fliegen aber derzeit viel weniger. Doch der komische Geruch ist immer noch da. Also kann das nicht ganz so stimmen. Spaß beiseite, das ist natürlich Blödsinn.

Woher kommen die Gerüche und Farbstoffe im Riesling?

Kurz gesagt bezeichnet man diesen Weinfehler als TDN. Um ihn korrekt auszusprechen, muss man wahrscheinlich eine ganze Flasche Riesling getrunken haben: 1,1,6-Trimethyl-1,2-Dihydronaphthalin. Es gehört zur Gruppe der Norisoprenoide und bildet sich bei der Flaschenreifung eines Weines durch die Zersetzung von Carotinoiden. Die im Pflanzen- und Tierreich weit verbreiteten Farbstoffe bilden meist gelbe, rote oder violette Pigmente. Bei Riesling ist der Anteil von Beta-Carotin, den gelb-orangen Farbpigmenten, besonders hoch und durch starke Sonneneinstrahlung noch ausgeprägter.

Die Möglichkeiten zur Minimierung des Petroltons im Keller liegen unter anderem bei der Zugabe von Hefe als Reduktionsmittel und in der Variation der Gärungstemperatur. Dort jedoch einen Weg zu finden, der die anderen gewünschten Geschmackstöne nicht angreift, ist keineswegs einfach. Immer wieder kann man lesen, dass eine lange Lagerung des Weines den Petrolton verstärkt. Es ist aber eher davon auszugehen, dass er gleich bleibt, jedoch deswegen stärker empfunden wird, weil die anderen Nuancen in der Wahrnehmung tatsächlich im Laufe der Zeit zurücktreten beziehungsweise verschwinden.

Ein fruchtiger Wein wirkt beispielsweise am Anfang seiner Reife noch sehr fruchtig, doch die Fruchtaromenmoleküle bauen sich mit zunehmender Reife ab. Andere Aromen wie der Petrolton bekommen mehr Raum und Präsenz und werden intensiver wahrgenommen.

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Ob man diese Geschmacksnuance mag oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Es ist kein Zeichen von Güte, wenn ein Wein nach Kerosin schmeckt, sondern zeugt lediglich von zu intensiver Sonneneinstrahlung, Lagentypizität und Winzerphilosophie. Und es ist eine Spielart der Natur. Zudem ist es ja auch nicht schlecht, wenn sich Weinfreunde und Autonarren bei einem Glas Riesling näher kommen können. Vorausgesetzt, sie müssen nicht mehr fahren.

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