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Warum Urlaubswein zu Hause nicht schmeckt

Weingeschmack ist absolut abhängig von der Umgebung. Das macht sich auch im Alltag bemerkbar. Die neue Kolumne von Sommelier Silvio Nitzsche.

Es ist ein großartiges Lehrstück, wie abhängig Weingeschmack von der Umgebung ist.
Es ist ein großartiges Lehrstück, wie abhängig Weingeschmack von der Umgebung ist. © Thomas Kretschel

Es gibt sicher niemanden, der nicht mindestens einmal in seinem Weinleben dieses faszinierende Erlebnis hatte: Man probiert einen Wein und ist hin und weg. Genau von diesem Erlebnis berichten mir nahezu täglich meine Gäste nach einem Mittelmeerurlaub. Es handelt sich dabei meist um einen einfachen Wein, den man aus schlechten Stampern, an denen noch die Lippen vom Vortrinker kleben, in einer Trattoria inmitten der Berge nach einer langen Wanderung probiert hat. Selbst an der Strandpromenade oder im Hafenviertel zur vom Koch persönlich gefangenen Dorade Royal können sich Weinerlebnisse eröffnen. Denn Wein ist ein Emotionsgetränk.

Insofern ist es fast mit Sicherheit zu erwarten, dass nach der Rückkehr aus dem Urlaub der in Kisten erworbene Wein die graue Traurigkeit des Alltags widerspiegelt. Der Himmelstropfen schmeckt plötzlich nicht mehr Gott gleich, sondern fad und langweilig. Denn im Urlaub waren unsere Emotionen positiv und wir sanftmütig eingestellt.

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Ich empfinde es als großartiges Lehrstück zu erleben, wie abhängig wir in unserem Weingeschmack und unserer Wahrnehmung von der Umgebung sind. Das lässt sich auch im Alltag nachempfinden. Nehmen Sie sich einmal ein Aromengetränk wie einen Wein mit auf eine Bergwanderung und probieren beides am Fuß und auf dem Gipfel. Zweierlei Getränke erwarten Sie. Sie glauben es nicht und wandern auch nicht gerne? Dann warten Sie einfach auf das nächste Gewitter. Probieren Sie den Wein eine Stunde und wenige Minuten vor dem Gewitter. Gewitter schieben Luftdruckfronten vor sich her, und ähnlich wie auf dem Berg schmeckt der Wein bei unterschiedlichem Luftdruck anders. Wir mussten schon ganze Sensorikproben absagen, weil ein Gewitter zu erwarten war.

Der Nachbar wird ihn nicht wertschätzen können

Aber das ist nur ein Punkt. In südlicheren Gefilden sind die Temperaturen anders. Dadurch schmecken auch die Weine anders. Das Licht, geprägt durch die Gesteine in den Bergen und die anders kolorierten Häuserwände, wirkt anders. Und somit ist unser Gemüt ein anderes. Es gibt unendlich viele Versuche, die zeigen, dass Probanden Weine in grünen oder grauen Räumen anders empfinden als in weißen oder gelben. Und im Süden sind die meisten Farben einfach freundlicher und fröhlicher.

So gibt es viele einzelne Gegebenheiten, welche dazu führen, dass wir in der Summe aus einem Tischwein, der durchaus appetitlich, aber einfach nicht großartig ist, den Wein unseres Lebens machen. Den perfekten Wein zu finden, ist eigentlich ganz einfach. Denn es geht nur sekundär um den Wein. Grundsätzlich muss man nur den richtigen Wein mit der optimalen Temperatur auf die wetterlichen Bedingungen, den perfekten Zeitpunkt, den idealen Ort, die richtige Stimmung und natürlich die Tageszeit abstimmen.

Die im Süden servierten Weine sind nicht schlecht, sondern oft in ihrem Grundansatz appetitlich und wunderbar alltagstauglich. Selbst wenn sie, was hier undenkbar ist, aus dem Kanister kommen. Wie hier früher mit der Milchkanne zum Bauern, geht man noch heute in Italien oder Spanien zum Winzer, um seinen Alltagswein zu holen. Einfach, weil man das Gefühl Heimat trinkt und nicht jeden Tag ein vinophiles euphorisches Meisterwerk erwartet. Insofern möchte ich dazu ermuntern, mal das eine oder andere Kistchen vom einfachen Tischwein mitzunehmen, weil es faszinierend ist, wie anders der Wein dann hier wahrgenommen wird. Selbst wenn er Ihnen schmecken sollte, wird ihr Nachbar ihn nicht wertschätzen können. Er war ja nicht mit ihm Urlaub. Und wenn Sie den Wein zu Hause genießen, trinken sie nicht nur den Wein, sondern aromatische Erinnerungen. Ich bin nicht der Erste, der behauptet, dass Wein verflüssigte Emotionen sind.

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