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Was taugen Lebensmittel aus Insekten?

Die Verbraucherzentralen haben 32 Produkte überprüft. Es hapert nicht nur an deren Keimfreiheit.

Mhhhh, wie wär's denn mal mit einer Heuschrecke als Snack zwischendurch?
Mhhhh, wie wär's denn mal mit einer Heuschrecke als Snack zwischendurch? © Isak Amin/FAO/ap/dpa

Insekten im Essen – für viele Mitteleuropäer ist diese Vorstellung eklig und erzeugt schlimmstenfalls einen Brechreiz. Für rund zwei Milliarden Menschen in anderen Kulturkreisen sind die Krabbeltiere dagegen richtige Leckerbissen, die traditionell als proteinreiches Grundnahrungsmittel in Töpfen und Pfannen landen.

In Japan zum Beispiel werden Wespenlarven gekocht, in Peru Ameisen frittiert und in Nigeria Heuschrecken oder Palmkäferlarven geröstet. Doch auch immer mehr Deutsche können sich vorstellen, insektenhaltige Lebensmittel zu kaufen, vor allem Männer. 41 Prozent würden das probieren, geht aus dem aktuellen Ernährungsbericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums hervor.

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Insbesondere bei den Jüngeren wecken Krabbeltiere auf dem Teller eher Neugier als Ekelattacken. Jeder Zweite unter 30 würde zum Insektenburger greifen anstatt zum Filetsteak vom Rind. Der Handel bietet inzwischen zahlreiche Lebensmittel mit Insekten an. Grund genug für Verbraucherschützer, mal genauer hinzuschauen. Die Verbraucherzentralen Bayern, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt haben gecheckt, was von Schokolade mit Mehlwürmern, Energieriegeln mit Hausgrillen und Spätzle mit Buffalowürmern zu halten ist.

Das Burgerfleisch von diesem Insekten-Burger besteht zu rund fünfzig Prozent aus Buffalo-Würmern (Getreideschimmelkäferlarven).
Das Burgerfleisch von diesem Insekten-Burger besteht zu rund fünfzig Prozent aus Buffalo-Würmern (Getreideschimmelkäferlarven). © dpa

Welche Produkte haben die Verbraucherzentralen überprüft?

Im Marktcheck waren 32 insektenhaltige Lebensmittel, darunter 16 Snacks, die meist ganze Insekten enthalten. Weiterhin sind neun Riegel, vier Nudelsorten und zwei Knuspermüslis überprüft worden, die entweder wenige ganze Insekten oder Insektenmehl beinhalten. Dazu eine Schokolade mit einem Topping aus getrockneten Insekten. Die Produkte wurden in Supermärkten, Outdoorläden und im Getränkehandel gekauft.

Warum werden Insekten zu Lebensmitteln verarbeitet?

Weil sie viele Proteine enthalten, als gute Quelle für Omega-3-Fettsäuren, Vitamine und Mineralstoffe gelten und fettarm sind. Dazu kommt, dass bei ihrer Produktion im Vergleich zur konventionellen Nutztierhaltung viel weniger Treibhausgase freigesetzt werden. Da die wechselwarmen Tiere weniger Energie für die eigene Körperwärme aufbringen müssen, verwerten sie das Futter effizienter. Um beim Gewicht ein Kilogramm zuzunehmen, brauchen Insekten hochgerechnet rund zwei Kilogramm Futter – Hühner hingegen im Schnitt 2,5, Schweine rund fünf, Rinder etwa acht Kilogramm Futter, hat Christina Rempe vom Bundeszentrum für Ernährung ausgerechnet. Dass Insekten daher ein Lebensmittel der Zukunft sein könnten, meinen auch die Verbraucherschützer: „Eine regionale, nachhaltige und klimafreundliche Produktion scheint möglich zu sein“, urteilen sie.

Welche Insekten werden hauptsächlich für Lebensmittel verwendet?

Weltweit sind 1.900 essbare Insektenspezies bekannt. In den Produkten im Marktcheck sind lediglich vier davon verwendet worden: Am häufigsten waren das Hausgrillen und Buffalowürmer, die Larven des Getreideschimmelkäfers. Verarbeitet wurden aber auch Wanderheuschrecken und Mehlwürmer, die Larven des Mehlkäfers.

Sind Insekten überhaupt als Lebensmittel zugelassen?

Nein, bislang hat das in der EU noch keine Insektenart geschafft, obwohl es schon zwölf Anträge dafür gibt. Insekten gelten als Novel Food, als neues Essen, das bis zum 15. Mai 1997 in der EU in nicht nennenswertem Umfang verzehrt wurde. Alle Lebensmittel, die nach diesem Stichtag in den Verkehr gebracht wurden oder noch werden sollen, müssen ein Zulassungsverfahren durchlaufen, in dem ihre gesundheitliche Unbedenklichkeit bestätigt wird. Das schreibt die sogenannte Novel Food-Verordnung vor. „Es ist derzeit noch offen, wann über die Zulassung der Insekten entschieden wird“, sagt Uta Viertel, Referatsleiterin Lebensmittel und Ernährung bei der Verbraucherzentrale Sachsen. Allerdings gibt es einige Übergangsregelungen – nur deshalb dürfen Insektenprodukte überhaupt schon verkauft werden.

Kaufanreiz zwischen Ekelfaktor, Neugier und Klimaschutzideal: Immer mehr Produkte enthalten Krabbeltiere – wie zum Beispiel die Hausgrille.
Kaufanreiz zwischen Ekelfaktor, Neugier und Klimaschutzideal: Immer mehr Produkte enthalten Krabbeltiere – wie zum Beispiel die Hausgrille. © Verbraucherzentrale

Sind Insekten denn gesundheitlich bedenklich?

Jein. Auf ihrer Körperoberfläche, den Mundwerkzeugen und vor allem im Darm sitzen viele Mikroorganismen. Sie machen ein bis zehn Prozent der gesamten Körpermasse der Insekten aus. Erschwerend hinzu kommt, dass der Darm vorm Verzehr nicht entfernt werden kann. Unter den Keimen können auch welche sein, die Zoonosen auslösen können – Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden. Die Mikroorganismen sterben jedoch ab, wenn die Insekten erhitzt oder mit hohem Druck behandelt werden. Andere traditionelle Zubereitungsmethoden wie Trocknen, Würzen, Einlegen, Salzen oder Räuchern reichen dafür nicht aus.

Allerdings gibt es für diese Dekontamination noch keine verbindlichen Vorgaben. „Insekten sind nicht per se mit Keimen belastet, sie stellen auch nicht zwingend ein gesundheitliches Risiko dar. Nichtsdestotrotz handelt es sich um sensible Lebensmittel“, so die Verbraucherschützer. Sie kritisieren, dass die hygienischen und rechtlichen Fragen nicht geklärt sind, und damit weder Erzeuger noch Lebensmittelüberwacher oder Konsumenten abgesichert sind.

Können Insekten auch Allergien auslösen?

Ja. Wie die meisten proteinhaltigen Lebensmittel besitzen auch Speiseinsekten dieses Potenzial. Nach ihrem Verzehr wurden verschiedene Allergiesymptome bis hin zum anaphylaktischen Schock beschrieben, warnen die Verbraucherzentralen. Deshalb sollten vor allem Personen, die bereits eine Allergie auf Schalen- oder Krustentiere, Weichtiere und Hausstaubmilben haben, vorsichtig sein.

Das gilt auch für Soja- oder Glutenallergiker, denn viele Speiseinsekten werden entsprechend gefüttert. Rechtliche Vorgaben zur Allergenkennzeichnung gibt es bislang nicht – ein Hauptkritikpunkt der Verbraucherschützer. Sie fordern einen verpflichtenden Hinweis für Speiseinsekten und insektenhaltige Lebensmittel. Auf allen untersuchten Produkten wurden Schalen- und Krustentierallergiker zwar gewarnt. Allerdings fand sich nur auf 72 Prozent der Produkte ein Hinweis für Hausstaubmilbenallergiker und nur bei knapp der Hälfte ein Hinweis für Weichtierallergiker.

Ist geregelt, wie Insekten gehalten und getötet werden sollen?

Nein. Das ist der nächste Kritikpunkt. Es gibt weder Vorschriften für Hygiene- und Umweltmaßnahmen noch zur Tötung und Zulassung verarbeitender Betriebe.

Was ist das Fazit des Marktchecks?

Neben Mängeln bei der Kennzeichnung und lückenhaften Allergiehinweisen fanden die Ernährungsexperten unzulässige Werbeaussagen wie „reich an Protein“ oder „hoher Proteingehalt“ – obwohl das beworbene Produkt den Mindestgehalt an Eiweiß gar nicht beinhaltete. Außerdem waren die Erzeugnisse für den oft nur sehr geringen Anteil an Insekten mit einem durchschnittlichen Preis von mehr als 43 Euro je 100 Gramm äußerst teuer. Sie könnten eine sinnvolle Eiweißquelle sein, obwohl es hierzulande kaum einen Eiweißmangel gibt. Generell sind Lebensmittel mit Speiseinsekten ein Nischenprodukt. „Bei dem Preis werden sie das wahrscheinlich auch bleiben“, sagt Uta Viertel.

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