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Wie gut ist alkoholfreies Bier?

Die Auswahl wird immer größer. Doch was macht den Unterschied? Acht Leser haben es unter Anleitung eines sächsischen Biersommeliers getestet.

Glanzfein oder nicht? Sommelier Jens Zimmermann lässt Sylke Schuster-Häckel zwei untergärige Biere vergleichen.
Glanzfein oder nicht? Sommelier Jens Zimmermann lässt Sylke Schuster-Häckel zwei untergärige Biere vergleichen. © Christian Juppe

Strohgelb schimmert es im Kelch, mit einer weißen, feinporigen Schaumkrone obenauf. Süßer Duft steigt in die Nase, andere flüchtige Aromen erinnern an reifes Getreide. „Jetzt sagt mir mal, wie das schmeckt“, fordert Biersommelier Jens Zimmermann seine Zuhörer auf, die saechsische.de zum Test ins Haus der Presse nach Dresden eingeladen hat. „Aber bitte nicht nur: ‚Gut!‘“ Kurzes Gelächter, dann nippen alle acht Teilnehmer an ihren Gläsern. Was ihnen serviert wurde, weiß keiner. Klar ist vorerst nur, dass bei dieser Blindverkostung ausschließlich alkoholfreies Bier ausgeschenkt wird.

Gehopfte Durstlöscher ohne die üblichen Prozente sind beliebt wie noch nie. Laut einer Umfrage im Auftrag des Brauerbundes greift mittlerweile nahezu jeder zweite Deutsche zu alkoholfreien Bieren oder Biermischgetränken. Tendenz steigend. Auch die Sortenvielfalt wächst rasant. Unter den 700 hierzulande erhältlichen alkoholfreien Bieren seien neben Pilsnern und Weißbieren inzwischen auch ausgefallenere Braustile wie Pale Ale und Stout, sagt Jens Zimmermann. „Nach so etwas hätte man vor fünf Jahren vergebens im Getränkemarkt gesucht.“

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Argumente für alkoholfreies Bier gibt es viele. Als Klassiker muss nach wie vor die Promillegrenze im Straßenverkehr herhalten. „Ich trinke gern Bier, bin aber auch oft mit dem Motorrad unterwegs“, schildert Sylke Schuster-Häckel, kaufmännische Angestellte aus Zwickau, ihr Dilemma. Manche ihrer Tischnachbarn verzichten vorrangig der Gesundheit zuliebe. Auch bewusstes Genießen spielt eine Rolle. „Ich will nicht immer Alkohol trinken, mag aber den Geschmack von Bier“, sagt Raphaela Günther, Maschinenbaustudentin aus Dresden. „Da ist ein alkoholfreies Weizen nach dem Sport eine gute Alternative.“

Wie unterschiedlich solche Weißbiere, aber auch Pilsner oder andere unter- und obergärige Biere sein können, zeigt sich im Verlauf des Abends. Die Choreographie bleibt immer gleich: Bier für Bier wird nach Aussehen, Geruch, Geschmack und Mundgefühl beurteilt. Ihre Wahrnehmungen schreiben die Teilnehmer auf Notizblätter. Fürs Neutralisieren des Geschmacks steht Wasser bereit.

Marke: Feldschlößchen; Braustil: untergärig; Alkoholgehalt:
Marke: Feldschlößchen; Braustil: untergärig; Alkoholgehalt: © Christian Juppe
Marke: Wernesgrüner, Braustil: untergärig; Alkoholgehalt:
Marke: Wernesgrüner, Braustil: untergärig; Alkoholgehalt: © Christian Juppe
Marke: Neumarkter Lammsbräu; Braustil: untergärig; Alkoholgehalt:
Marke: Neumarkter Lammsbräu; Braustil: untergärig; Alkoholgehalt: © Christian Juppe
Marke: Dingslebener AUBI; Braustil: untergärig; Alkoholgehalt: k. A.; Kaloriengehalt: 13 kcal/100 ml; Zucker: 0,2 g je 100 ml; Preis (0,5 l): 0,75 Euro
Marke: Dingslebener AUBI; Braustil: untergärig; Alkoholgehalt: k. A.; Kaloriengehalt: 13 kcal/100 ml; Zucker: 0,2 g je 100 ml; Preis (0,5 l): 0,75 Euro © Christian Juppe
Marke: Bitburger; Braustil: untergärig; Alkoholgehalt: 0,0 %; Kaloriengehalt: 33 kcal/100 ml; Zucker: 4,4 g je 100 ml; Preis (0,5 l): 0,80 Euro
Marke: Bitburger; Braustil: untergärig; Alkoholgehalt: 0,0 %; Kaloriengehalt: 33 kcal/100 ml; Zucker: 4,4 g je 100 ml; Preis (0,5 l): 0,80 Euro © Christian Juppe
Marke: Freiberger; Braustil: untergärig; Alkoholgehalt: 0,0 %; Kaloriengehalt: 21 kcal/100 ml; Zucker:
Marke: Freiberger; Braustil: untergärig; Alkoholgehalt: 0,0 %; Kaloriengehalt: 21 kcal/100 ml; Zucker: © Christian Juppe

Eine reichliche halbe Stunde vergeht, bevor die Geheimniskrämerei das erste Mal ein Ende hat: Zwei der vier bislang verkosteten Biere stammen aus hiesigen Kesseln. Feldschlößchen wird in Dresden gebraut und abgefüllt, Wernesgrüner im Vogtland. Nummer drei stammt aus Thüringen. „Wer kennt das?“, fragt Zimmermann und tippt auf das Flaschenetikett mit der Aufschrift „AUBI“. Vereinzeltes Nicken in der Runde. „Autofahrerbier“, fährt der 57-Jährige fort, „entwickelt unter der Leitung von Ulrich Wappler im Jahr 1972.“ Mit dieser Erfindung sei die DDR ein brautechnischer Vorreiter gewesen. Aufgrund des wenig pilstypischen Geschmacks habe sich die Nachfrage aber in Grenzen gehalten. Nach der Wende wurde die Produktion im Jahr 1990 eingestellt. 1998 hat sich die Thüringer Privatbrauerei Metzler den Markennamen „AUBI“ schützen lassen – und produziert inzwischen ein eigenes Autofahrerbier. Mit dem historischen Original hat das aber nicht mehr viel zu tun.

Grundsätzlich werde zwischen zwei Verfahren zur Herstellung eines alkoholfreien Biers unterschieden, erklärt Zimmermann. „Das eine ist die gestoppte Gärung, das andere die Entalkoholisierung.“ Bei der ersten Variante werde der Gärprozess unterbrochen, sobald die Hefe einen Alkoholgehalt von etwa 0,3 bis 0,4 Volumenprozent erzeugt hat.

„Entalkoholisiert heißt dagegen, dass einem fertigen Bier Alkohol nachträglich entzogen wird.“Weil die Brauer erfinderisch sind, gibt es inzwischen auch noch weitere Verfahren. Eines davon ist der Einsatz von speziellen Hefen, die den Maltosezucker kaum zu Alkohol verstoffwechseln können – was ebenfalls zu Bier mit rund 0,4 Volumenprozent Alkohol führt. Als „Hybride“ wiederum gelten Mischungen verschiedenartig hergestellter alkoholfreie Biere, denen teilweise auch ein kleiner Anteil Voll- oder Starkbier beigegeben wird.

In den meisten Fällen verbleibt also Restalkohol im Bier. „Trotzdem darf es bis zu einem Gehalt von 0,5 Volumenprozent als „alkoholfrei“ deklariert werden“, sagt Jens Zimmermann. Der Grenzwert sei der Tatsache geschuldet, dass in vielen Lebensmitteln Alkohol enthalten ist. Überreife Bananen können demnach auf 0,6 Prozent kommen, Orangensaft auf 0,3.

Marke: Unertl; Braustil: Weißbier; Alkoholgehalt: k. A.; Kaloriengehalt: 21 kcal/100 ml; Zucker: 3,5 g je 100 ml; Preis (0,5 l): 1,08 Euro
Marke: Unertl; Braustil: Weißbier; Alkoholgehalt: k. A.; Kaloriengehalt: 21 kcal/100 ml; Zucker: 3,5 g je 100 ml; Preis (0,5 l): 1,08 Euro © Christian Juppe
Marke: Maisel’s Weisse; Braustil: Weißbier; Alkoholgehalt:
Marke: Maisel’s Weisse; Braustil: Weißbier; Alkoholgehalt: © Christian Juppe
Marke: Benediktiner; Braustil: Weißbier; Alkoholgehalt:
Marke: Benediktiner; Braustil: Weißbier; Alkoholgehalt: © Christian Juppe
Marke: Störtebeker; Bernstein Weizen; Braustil: Weißbier; Alkoholgehalt:
Marke: Störtebeker; Bernstein Weizen; Braustil: Weißbier; Alkoholgehalt: © Christian Juppe
Marke: Störtebeker Atlantik Ale; Braustil: Pale Ale; Alkoholgehalt:
Marke: Störtebeker Atlantik Ale; Braustil: Pale Ale; Alkoholgehalt: © Christian Juppe
Marke: Maisel & Friends; Braustil: Pale Ale; Alkoholgehalt:
Marke: Maisel & Friends; Braustil: Pale Ale; Alkoholgehalt: © Christian Juppe

Zwei der nächsten Testbiere entziehen sich dem Vorwurf des vermeintlichen Etikettenschwindels. Sie werden mit dem Hinweis „0,0 %“ vermarktet. Zu schmecken sei dieser Unterschied nicht, darin sind sich die acht Probanden einig. Dafür rückt ein bislang unbeachteter Aspekt ins Blickfeld der Teilnehmer: die Nährwertangaben. Denn das Etikett am alkoholfreien 0,0-%-Pils von Bitburger weist 33 Kilokalorien und 4,4 Gramm Zucker pro hundert Milliliter aus – beides vergleichsweise hohe Werte. Das Pendant von Freiberger kommt auf 21 Kilokalorien und weniger als 0,5 Gramm Zucker.

„Bitburger enthält dafür bestimmte B-Vitamine und ist isotonisch“, relativiert Zimmermann. Isotonisch – was war das noch gleich? Auch er selbst habe das noch mal nachschlagen müssen, sagt der Experte später. „Gemeint sind Getränke, in denen Teilchen in gleicher Konzentration gelöst sind wie im Blut. Mit anderen Worten: Der Körper kann diese Inhaltsstoffe besonders leicht aufnehmen." Tendenziell sei der höhere Zucker- und Kaloriengehalt ein Indiz für den gestoppten Gärer. „Solche alkoholfreien Biere schmecken dann auch süßer, weil die Hefe den im Braumalz enthaltenen Maltosezucker nicht vergären konnte.“

Als Nächstes werden obergärige Biere aufgetragen. „Wenn ich es nicht wüsste, würde ich vielleicht gar nicht merken, dass es keinen Alkohol hat“, lobt Michael Scherz, Verkaufsleiter eines Möbelhauses, seinen bernsteinfarbenen Probeschluck. Wie sich herausstellt, gilt seine Überraschung „Maisel’s Weisse“ aus Bayern. Doch auch das in Hessen hergestellte „Benediktiner“ findet Gefallen bei mehreren Verkostern, zum Beispiel wegen angenehm „honigartiger“ Süße.

"Bin ein Dursttrinker": Für Steffen Müncheberg (54) aus Dresden muss es deshalb nicht immer ein Bier mit Alkohol sein.
"Bin ein Dursttrinker": Für Steffen Müncheberg (54) aus Dresden muss es deshalb nicht immer ein Bier mit Alkohol sein. © Christian Juppe
Riechen. schmecken, notieren: Bei einer Bierverkostung geht es darum, kleine Unterschiede zu entdecken.
Riechen. schmecken, notieren: Bei einer Bierverkostung geht es darum, kleine Unterschiede zu entdecken. © Christian Juppe
Zeremonienmeister: Jens Zimmermann ist Leiter der Sektion Ost im Verband der Diplom-Biersommeliers.
Zeremonienmeister: Jens Zimmermann ist Leiter der Sektion Ost im Verband der Diplom-Biersommeliers. © Christian Juppe
Bitte keine Humpen: So sehen geeignete Gläser für eine standesgemäße Bierverkostung aus.
Bitte keine Humpen: So sehen geeignete Gläser für eine standesgemäße Bierverkostung aus. © Christian Juppe

Für die letzte Verkostungsrunde hat sich Jens Zimmermann etwas Besonderes aufgehoben. „Das hier geht in Richtung eines englischen Pale Ale“, kündigt er an und verteilt die Gläser. Konzentriert riechen die Teilnehmer hinein. Wonach duftet das? Pomelo? Zitrusfrucht? Maracuja? „Es heißt ja, dass das Beste immer zum Schluss kommt“, sagt Steffen Müncheberg, Bauleiter aus Dresden. „Wahrscheinlich ist es jetzt auch so.“ Ihm jedenfalls, so der 54-Jährige, schmecke dieses Bier am besten.

Pale Ales seien sowohl brautechnisch anspruchsvoll als auch sensorisch am vielfältigsten, pflichtet ihm Zimmermann bei. „Die fruchtigen Noten kommen durch spezielle Aromahopfen zustande.“ Der zusätzliche Rohstoffbedarf wirkt sich allerdings auch auf den Preis aus. 1,63 Euro kostet das alkoholfreie „Maisel & Friend“ im Onlineshop der Brauerei – je 0,33 Liter. Das von Steffen Müncheberg gepriesene Atlantik Ale der Stralsunder Störtebeker-Brauerei ist mit 1,07 Euro je 0,5 Liter zwar günstiger, aber trotzdem teurer als die meisten untergärigen Biere und Weizen.

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Bald darauf sind die letzten Gläser geleert – und die Geschmäcker neu justiert. „Auf meiner persönlichen Hitliste ist Maisel & Friends nun hinzugekommen“, sagt Andreas Gutsche, pensionierter Feuerwehrmann aus Dohna. Auch Sylke Schuster-Häckel schwärmt von dem kunstvoll gehopften Pale Ale. „Es ist wirklich kein Verzicht, ein alkoholfreies Bier zu trinken.“

Am 16. und 23.08. jeweils 17 bis 19 Uhr beantwortet Jens Zimmermann im „BIERgenial – Raum der Biere“ (D&S Getränke, 01097 Dresden, Conradstr. 34) weitere Bier-Fragen.

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