merken
PLUS Leben und Stil

Wo bleibt der Nutri-Score? Ein Marktcheck in Sachsen

Die Verbraucherzentrale hat nach der neuen Kennzeichnung gesucht – und kein Produkt aus dem Freistaat gefunden. Nicht das einzige Problem.

Nestlé ist zwar mit Maggi-Produkten Vorreiter beim Nutri-Score. Doch auf den ersten Blick erkennen können Kunden ihn nicht, weil er vom Regal verdeckt wird, wie dieses Beispiel aus Sachsen zeigt.
Nestlé ist zwar mit Maggi-Produkten Vorreiter beim Nutri-Score. Doch auf den ersten Blick erkennen können Kunden ihn nicht, weil er vom Regal verdeckt wird, wie dieses Beispiel aus Sachsen zeigt. © VZ Sachsen

Viele Menschen kämpfen jetzt wieder mit Gewichtsproblemen. In den Lebensmittelmärkten lockt ein Überangebot von mehr als 170.000 verschiedenen Produkten – die meisten davon verarbeitet und mit einer langen klein gedruckten Liste an Inhaltsstoffen. Mit schönen Bildern und Versprechen auf den Verpackungen versuchen Marketing-Profis, die Lust am Essen noch zu steigern. Sie machen es Kunden schwer, gesunde von ungesunden Produkten zu unterscheiden.

Helfen soll der Nutri-Score – eine vereinfachte Nährwertkennzeichnung von A bis E, die Verbrauchern ermöglicht, auf einen Blick Produkte der gleichen Kategorie miteinander zu vergleichen. Nach langem politischen Streit hat die Bundesregierung Anfang November die Einführung auch in Deutschland beschlossen – allerdings nicht verpflichtend. Hersteller können selbst entscheiden, ob sie das Label auf die Vorderseite ihrer Verpackungen drucken.

TOP Reisen
TOP Reisen
TOP Reisen

Auf ins Weite, ab in die Erholung! Unsere Top Reisen der Woche auf sächsische.de!

In welchem Umfang das im Freistaat bereits geschieht, wollte die Verbraucherzentrale Sachsen wissen. Dazu hat sie in Dresden, Chemnitz, Leipzig, Auerbach und Hoyerswerda in jeweils einer Filiale aller großen Supermärkte und Discounter den Marktcheck gemacht – insgesamt in je elf Ketten von Kaufland bis Aldi und Lidl. Die erste Erhebung fand im Februar vorigen Jahres statt, eine zweite im Oktober – also beide Male noch vor der Rechtsverordnung. Denn da Frankreich bereits seit 2017 mit dem Nutri-Score arbeitet, hatten einige Hersteller schon reagiert.

Die Ergebnisse im Frühjahr:

„Vorreiter waren die Firmen Danone mit den Marken Activia, Actimel und Fruchtzwerge sowie Alpro mit pflanzlichen Drinks, Soja-, Skyr- und Barista-Produkten“, sagt Birgit Brendel, Lebensmittel-Referentin der Verbraucherzentrale Sachsen. „Bereits im Februar fanden wir diese Produkte gelabelt in fast allen Geschäften.“ Auch Iglo habe schon damals auf Schlemmerfilets sowie Nestlè auf Steinofenpizzen den Nutri-Score gedruckt; ebenso wie die Firma Mestemacher auf Pumpernickel und Hak-foodeko auf diverse Hülsenfrüchte.

Die Ergebnisse im Herbst:

Beim Marktcheck im Herbst hatte sich das Sortiment mit Nutri-Score sowohl in Supermärkten als auch Discountern deutlich erhöht. Neue Hersteller waren hinzugekommen – wie Spreewaldhof mit Gurken, Mutti mit Tomatenkonserven, McCain mit Kartoffelerzeugnissen, Bonduelle mit Gemüse-Konserven, Brief mit Tofu und Harry mit Broten. Auch die Vorreiterfirmen labeln nun mehr von ihren Produkten, beispielsweise der Marken Maggi, Garden Gourmet, Nescafé, Nesquik oder Iglo-Tiefkühlgemüse. „Erfreulich ist, dass Rewe, Penny, Norma und Kaufland den Nutri-Score bei ersten Eigenmarken eingeführt haben“, sagt Brendel. So zum Beispiel bei Getreidewaffeln, Hülsenfrüchten und Nudeln von K-Bio, bei Naturgut-Produkten, Bio-Sonne-Müsli und Mutters-Beste-Spätzle.

Die Probleme:

Auffällig ist, dass es unter den gelabelten Produkten keine gibt, die als ungesund gelten – wie etwa Backwaren, Eis, Knabbergebäck oder Erfrischungsgetränke. Die Vorreiter finden sich zumeist im empfehlenswerten Bereich A bis C. „Auch ist der Vergleich von Produkten einer Kategorie bislang kaum möglich, da meist erst ein Hersteller der jeweiligen Kategorie das Label nutzt“, sagt Birgit Brendel. Produkte sächsischer Hersteller hätte man leider vergeblich gesucht: „Das muss sich ändern.“

Auf Nachfrage der SZ erklärte die Firma Heinrichsthaler Milchwerke, dass man zur Zeit andere Sorgen habe. Bei den Riesaer Teigwaren will man erst mal abwarten, wie das Label angenommen wird. Schließlich müsse man dafür alle Verpackungen ändern. Die Firma Frosta, zu der die Elbtal Tiefkühlkost in Lommatzsch gehört, ist zwar beim Verzicht auf Zusatzstoffe und Aromen Vorreiter. Doch den Nutri-Score will sie erst nutzen, wenn dies als Bewertungskriterium berücksichtigt wird.

Neben der noch zögerlichen Verwendung kritisieren die Verbraucherschützer, dass der Nutri-Score für Kunden oft gar nicht wie gewünscht auf den ersten Blick erkennbar war. „Laut Satzung muss er vorne auf dem unteren Drittel der Verpackung aufgedruckt sein“, sagt Brendel. In der Praxis stehe er aber manchmal so weit unten, dass er vom Regal verdeckt werde, wie das Beispiel Maggi-Tüten zeige. Hier bestehe Nachbesserungsbedarf.

Der sogenannte "Nutri-Score" soll "Dickmacher" leichter entlarven.
Der sogenannte "Nutri-Score" soll "Dickmacher" leichter entlarven. © Patrick Pleul/dpa

Der Marktcheck deckt auch die ersten Tricks auf, wie sich der Score schönen lässt. So schmückten sich Konserven „Pfirsiche mit Saft“ mit dem Bestwert A. „Verbraucher können aber nicht erkennen, ob der süße Saft in die Berechnung mit eingegangen ist“, sagt Brendel. Wenn ja, falle der Score sicher anders aus. Ein weiteres Beispiel sind Pommes frites und Kroketten, die zum Erstaunen der Verbraucherschützer mit A und B gelabelt waren, obwohl frittierte Kartoffelerzeugnisse ja als Inbegriff fettigen Essens gelten. Möglich ist das durch moderne Verarbeitungsverfahren, die den Fettgehalt in vorfrittierten Produkten senken. Brendel: „Werden sie zu Hause aber in Fett mit einem hohen Anteil gesättigter Fettsäuren frittiert, sieht das Ergebnis auf dem Teller deutlich schlechter aus.“

Überdenkenswert sei auch die gesetzliche Einstufung von pflanzlichen Getränken in die Kategorie Lebensmittel. Nach dem dafür vorgeschriebenen Algorithmus schneidet zum Beispiel der „Alpro Kakao Hafer“ mit einem B ab. Brendel: „Würde man den Algorithmus für Getränke ansetzen, ergebe sich die Wertung E.“

Ob Hersteller inzwischen ihre Rezeptur geändert haben, um zum Beispiel durch weniger Zucker oder Fett auf einen besseren Score zu kommen, konnten die Verbraucherschützer noch nicht prüfen. „Wir sind da aber dran und wollen den Marktcheck wiederholen“, sagt Brendel. Die Verbraucherzentrale Sachsen spricht sich dafür aus, dass der Nutri-Score verbindlich eingeführt wird – und zwar EU-weit. Denn er sei ein wissenschaftlich fundiertes Mittel, Kunden eine gesundheitsfördernde Lebensmittelauswahl zu erleichtern. Brendel: „Das funktioniert aber nur, wenn Hersteller und Händler mitziehen.“

Was sagt mir der Nutri-Score?

Weiterführende Artikel

Wege weg von zu billigen Lebensmitteln

Wege weg von zu billigen Lebensmitteln

Beim Einkaufen achten viele auf den Preis - auch bei Lebensmitteln. Doch wie billig muss es wirklich sein? An immer neuen Aktionen im Handel wächst die Kritik.

Fast jeder findet den Nutri-Score gut

Fast jeder findet den Nutri-Score gut

Die Kennzeichnung von Lebensmitteln soll zur gesünderen Ernährung beitragen. Verbraucher scheinen das zu mögen.

Kinder-Lebensmittel sind alles andere als kindgerecht

Kinder-Lebensmittel sind alles andere als kindgerecht

Die Verbraucherzentrale hat acht Produkte untersucht. Sie sind überteuert, manche sogar schädlich.

Die meisten Lebensmittel in Sachsen sind sicher

Die meisten Lebensmittel in Sachsen sind sicher

Gesundheitsschädigend ist nur ein sehr kleiner Teil der untersuchten Lebensmittel in Sachsen. Wein schneidet gut ab. Ein Problem gibt es mit Hanf-Produkten.

  • Der Score weist eine Gesamtbewertung der Zusammensetzung des Lebensmittels aus mit Großbuchstaben, die von A (grün) bis E (rot) eingefärbt sind.

  • Dabei steht A für den besten und E für den ungünstigsten ernährungsphysiologischen Wert eines Produktes.

  • D und E heißt nicht, dass das Produkt schlecht oder verboten ist, sondern dass es maßvoll genossen werden soll.

  • Die Bewertung erfolgt mittels eines Algorithmus, der den Energiegehalt und die Gehalte an Zucker, gesättigten Fettsäuren und Salz als negative und die Gehalte an Ballaststoffen, Eiweiß und Obst/Gemüse/Nüssen/Hülsenfrüchten als positive Komponenten verrechnet.

  • Wie jedes Label ist seine Aussagekraft begrenzt. Kriterien wie Vitamine und Mineralstoffe oder Zusatzstoffen werden nicht berücksichtigt.

  • Unterschieden werden bei der Berechnung „Lebensmittel allgemein“, „Getränke“, „Käse“ und „Fette und Öle“.

  • Für einige Produktgruppen ist der Score nicht vorgesehen: frische unverarbeitete Lebensmittel wie Gemüse, Obst, frisches Fleisch oder Fisch, Säuglings- und Kleinkindnahrung, alkoholische Getränke.

Mehr zum Thema Leben und Stil