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Wie vertragen sich Festessen und Fettleber?

Die Erkrankung ist weiter verbreitet, als viele glauben. Und das liegt nicht nur am Alkohol, sagt ein Chemnitzer Facharzt.

Festessen ja, aber auch mit einer Lebererkrankung?
Festessen ja, aber auch mit einer Lebererkrankung? © dpa

Die Diagnose Fettleber kam für Martin H. aus Chemnitz ziemlich überraschend. Der 30-Jährige war eigentlich wegen Rückenschmerzen beim Arzt, doch der untersuchte stattdessen seinen Bauch per Ultraschall. „Meine Augen wären leicht gelb gewesen, hat der Arzt zu mir gesagt. Er vermutete deshalb eher ein Gallen- oder Leberproblem, was sich auch in Form von Rückenschmerzen bemerkbar machen kann“, so Martin H. Und der Arzt hatte recht damit.

Für den 30-Jährigen hatten Leberkrankheiten bisher immer nur mit Alkohol zu tun. Weil er kaum welchen trinkt, fühlte er sich sicher. Ein Trugschluss, wie er heute weiß. „Der Alkohol ist zwar nach wie vor der Hauptfeind der Leber, doch genetische Faktoren, vor allem aber übermäßige Kalorienzufuhr, kombiniert mit mangelnder Bewegung, holen als Ursache für eine Fettleber weiter auf“, sagt Dr. Ilja Kubisch, Leberspezialist am Klinikum Chemnitz.

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Auch Fruchtzucker habe als Leberschadstoff an Bedeutung gewonnen, berichtet der Mediziner. „Er ist in Softgetränken, in Obst, aber auch zunehmend in Lebensmitteln und Fertiggerichten enthalten.“ Große Mengen, zum Beispiel in Obstsäften, könnte die Leber nicht verarbeiten. „Sie wandelt den Zucker deshalb in Fett um – ein Zeichen der Überforderung.“ Während die Deutsche Leberhilfe mahnt, nicht mehr als einen Apfel oder eine handvoll Obst am Tag zu essen, sieht das Ilja Kubisch nicht ganz so streng. Da Obst viele gute Ballaststoffe enthält, ginge keine Gefahr für die Leber von ihm aus. In Massen sollte man es aber dennoch nicht verzehren.

Limonade und Säfte kommen bei Martin H. selten auf den Tisch. Doch er liebte Pasta und Pizza, Schokolade, Chips und Fertiggerichte. Als Student und Pendler habe er nie viel Zeit oder Gelegenheit zum Kochen gehabt. Und Süßes galt für ihn als Nervennahrung. Bei einer Körpergröße von 1,82 Meter brachte der 30-Jährige 120 Kilogramm auf die Waage. „Ich wusste, dass das zu viel ist, denn auch die Bewegung geriet ins Hintertreffen.“

So wie der Chemnitzer leiden immer mehr Menschen an einer Fettleber, sogar schon Kinder. 40 Prozent der Erwachsenen sollen betroffen sein, sagt Professor Franz Lammert, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. Genaue Zahlen existieren nicht, denn es gibt weder frühe Krankheitszeichen noch ein Screening. Die Leber hat keine Schmerznerven, sie leidet im Stillen. Erste Anzeichen seien Müdigkeit und Kraftlosigkeit – Symptome, die auch bei vielen anderen Krankheiten auftreten. „Oft kommt es erst bei fortgeschrittener Erkrankung zu Symptomen wie einem Druckgefühl im rechten oberen Bauch oder sogar einer Gelbfärbung der Haut“, sagt Ilja Kubisch. Die Leber entzündet sich und vernarbt. Aus Lebergewebe wird funktionsloses Bindegewebe. Das größte Stoffwechselorgan kann seine wichtigen Funktionen wie Entgiftung, Vitamin- und Energiespeicherung nicht mehr ausführen – ein schleichender Verlust an Lebenskraft ist die Folge. Am Ende stehen dann meist Leberzirrhose oder Leberkrebs. Leberzirrhose kam auch in Martin H.s Familie vor. Jetzt ist er gewarnt, hat seine Ernährung und Lebensweise umgestellt.

„Ich esse mehr Eiweiß, zum Beispiel weißes Fleisch von Huhn und Pute, auch Joghurt, aber nur noch pur – ohne Fruchtbeimengung.“ Statt zu fettreichem Hartkäse greift Martin H. zu Weichkäse wie Camembert, der besser für die Leber sei. „In der Mensa habe ich oft Nudeln mit Tomatensoße, Wurst und Käse gegessen, jetzt wähle ich Gerichte mit viel Gemüse.“ Nudeln gönne er sich trotzdem hin und wieder, jedoch wesentlich fettärmer als früher. Er geht öfter zu Fuß und möchte bald wieder mit Kampfsport anfangen. Im Frühjahr steht aber noch eine Gallen-Operation an. Zuvor muss er noch etwas Gewicht abbauen. Er sieht aber bereits einen Erfolg: Innerhalb von zwei Monaten sind es fünf Kilogramm weniger. „Eine langsame Gewichtsabnahme ist richtig. Radikaldiäten setzen der Leber ebenso zu wie Völlerei unter Stress“, sagt Ilja Kubisch.

Espresso statt Verdauungsschnaps

Deshalb plädiert er auch für eine schrittweise Umstellung der Lebensweise. „Wir müssen die Menschen mitnehmen.“ Das gelte besonders jetzt vor den Weihnachtsfeiertagen. „Auf sein Festessen muss auch mit Fettleber niemand verzichten. Es darf dann auch mal der Gänsebraten sein, aber vielleicht nicht der fette Schenkel, sondern ein magereres Bruststück. Bei vielen gibt es zu Weihnachten auch Pute, das ist magerer“, sagt Sylvia Heinig. Als Diätassistentin berät sie Leberpatienten im Klinikum Chemnitz. Und sie hat noch einen Tipp parat: „Genießen Sie statt des sogenannten Verdauungsschnäpschens nach dem Essen lieber einen Espresso – so wie es in südlichen Ländern üblich ist.“ Denn Kaffee sei gut für die Leber, er schützt sie, selbst in der koffeinfreien Variante. Martin H. hatte sich schon Gedanken gemacht, weil er so viel Kaffee trinkt. Doch diese Nachricht beruhigt ihn. Unverzichtbar ist Kubisch zufolge aber Bewegung – tägliche Spaziergänge an den Feiertagen seien schon ein guter Anfang. Denn Bewegung fördert den Fettabbau – auch in der Leber.

Denn – und das ist die gute Nachricht – die Leber kann sich wieder regenerieren. „Sie verzeiht, aber nicht immer und auch nicht auf Dauer“, sagt Professor Ansgar W. Lohse, Leberspezialist am Uniklinikum Hamburg Eppendorf. Gemeinsam mit dem Journalisten Ulf C. Goettges hat er das Buch „Das Schweigen der Leber“ geschrieben, das vor wenigen Tagen erschienen ist. Ein paar Feiertage mit mehr Kalorien, Zucker, Fett und Alkohol könne die Leber verkraften, wenn man sie hinterher wieder in Ruhe lasse, so die Autoren.

Doch dazu müssten die Menschen früher von ihrer Fettleber erfahren. Nur dann hätten sie auch die Möglichkeit gegenzusteuern, sagt Professor Lammert. Denn nicht immer seien es nur die Dicken, die erkranken. Bei genetischer Belastung könnten auch schlanke und aktive Menschen betroffen sein. Die Wissenschaft forscht derzeit deshalb europaweit nach einem Biomarker im Blut oder der Atemluft. Diesen könnten dann auch Hausärzte prüfen und Leberkrebs damit wirksam vorbeugen.

Doch bis es soweit ist, müssen andere Diagnosekriterien genutzt werden. So kann der Arzt die Leberwerte des Blutes prüfen. Das geschieht zum Beispiel anhand spezieller Leberenzyme, die ins Blut abgegeben werden, wenn eine Leberzelle geschädigt ist. Die Enzyme heißen Aspartat-Aminotransferase (AST, auch GOT) und Alanin-Aminotransferase (ALT, auch GPT). Bei einer Fettleber sind sie aber nicht immer erhöht, wie Dr. Kubisch sagt. Sicherheit gibt eine Ultraschalluntersuchung. „Hier zeigt die normale Leber einen ähnlichen Grauton wie die Niere. Bei zunehmender Fetteinlagerung in der Leber wird diese im Ultraschallbild dann deutlich heller.“

Der genaue Grad der Verfettung und Entzündung lässt sich nur durch eine Gewebeprobe bestimmen. „Da die Biopsie auch mit Blutungen einhergehen kann, wird sie aber nur noch selten durchgeführt“, erklärt der Arzt. Der Fibroscan sei eine sicherere Alternative. „Dabei werden Stoßwellen durch die Leber geleitet, um die Elastizität des Organs zu untersuchen.“ Eine kranke Leber sei hart oder sogar vernarbt, eine gesunde weich und elastisch.

Auch wenn die Bestimmung der Leberwerte keine hundertprozentige Sicherheit in Bezug auf eine Fettleber bietet, sei es zunächst das einzige Verfahren, das einfach und kostengünstig durchzuführen ist. Eine Studie findet dazu derzeit in Rheinland-Pfalz statt. Dort werden im Rahmen des Check up 35 zusätzlich die Leberwerte geprüft. Bei einem erhöhten Risiko-Score erfolge die Überweisung an einen Leberspezialisten oder in ein Leberzentrum.

Einen ersten Schritt in Richtung Leber-Screening ist der Gemeinsame Bundesausschuss bereits gegangen. Jedem Versicherten wird künftig alle drei Jahre ein Test auf Hepatitis B und C angeboten. Zuvor müssen aber die Krankenkassen die ärztliche Vergütung der Leistung festlegen. Hepatitis B und C sind Leberentzündungen, die oft ebenso unbemerkt bleiben wie die Fettleber. Auch sie können in einer Leberzirrhose oder im Leberkrebs enden.

Zur Behandlung der Fettleber sind noch keine Medikamente zugelassen. Studien liefen aber, wie Dr. Kubisch sagt. Ein Medikament mit dem Wirkstoff Obeticholsäure könne nachweislich bei entzündlicher Fettleber die Vernarbung verbessern. Vielleicht eigneten sich aber auch Diabetes-Arzneimittel. Auch das untersuchten die Forscher. Eine Umstellung der Ernährung und mehr Bewegung ist immer noch die beste Therapie gegen Fettleber. Sie wird den Betroffenen somit nicht erspart bleiben – zumindest nach den Weihnachtsfeiertagen.

Testen Sie ihr Risiko

  • Der folgende Test ersetzt keinen Arztbesuch, kann aber helfen, das eigene Risiko einer Fettleber besser einzuschätzen. Addieren Sie dazu die Punkte neben der für Sie zutreffenden Antwort.

  • 1. Wie alt sind Sie?
    unter 35 Jahre: 0
    über 35 Jahre: 2

  • 2. Wie groß ist Ihr Taillenumfang?
    < 80 cm (Frau), < 94 cm (Mann): 0
    81 bis 88 cm (Frau), 95 bis 102 cm (Mann): 2
    > 88 cm (Frau), >102 cm (Mann): 3

  • 3. Wie ist Ihr Body-Mass-Index BMI?*
    < 25: 0
    25 bis unter 30: 1
    31 bis unter 35: 2
    ab 35 3
    *Zur Ermittlung des BMI teilt man das Körpergewicht in kg durch das Quadrat der Körpergröße in Metern.

  • 4. Haben Sie Diabetes Typ 2?
    Ja: 2
    Nein: 0

  • 5. Ist Ihr Cholesterinspiegel erhöht?
    Ja: 2
    Nein: 0

  • 6. Sind Sie mindestens zweimal pro Woche je 30 Minuten körperlich aktiv?
    Ja: 0
    Nein: 1

  • 7. Trinken Sie mindestens einmal pro Woche Alkohol?
    Ja: 1
    Nein, seltener: 0

  • Auswertung: Wenn die Gesamtpunktzahl über acht liegt, haben Sie ein erhöhtes Risiko für eine lebensstilbedingte Fettlebererkrankung. Es ist empfehlenswert, eine individuelle Abklärung durch den Arzt vornehmen zu lassen. Eine Ernährungsberatung zur Umstellung auf eine lebergesunde Ernährung ist empfehlenswert.

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