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Bärlauch hat giftige Doppelgänger

Die Chefin des Giftnotrufes über tödliche Pflanzen, Tabletten und Chemikalien und falsche Reaktionen darauf.

Im Garten von Leonie Thiel in Freiberg wachsen jetzt Maiglöckchen (links), Herbstzeitlose (Mitte) und Bärlauch (rechts). Zu unterscheiden sind sie vor allem am Stiel und der Blattform.
Im Garten von Leonie Thiel in Freiberg wachsen jetzt Maiglöckchen (links), Herbstzeitlose (Mitte) und Bärlauch (rechts). Zu unterscheiden sind sie vor allem am Stiel und der Blattform. © Thomas Kretschel

Es ist Bärlauchzeit. Das Wildgemüse wächst jetzt an feuchten Stellen in Wäldern und Gärten und lockt mit seinem feinwürzigen Knoblauch-Duft viele Hobbyköche an. Doch der Bärlauch hat giftige Doppelgänger: Maiglöckchen und Herbstzeitlose schieben jetzt ganz ähnliche Blätter. Nicht das einzige Problem, mit dem sich aufgeregte Anrufer an die Giftnotzentrale in Erfurt wenden, erklärt deren Leiterin, Dr. Dagmar Prasa, im SZ-Gespräch.

Frau Prasa, vor Kurzem ist ein Mann gestorben, der Blätter der Herbstzeitlosen statt Bärlauch gesammelt und gegessen hatte. Worauf hätte er achten müssen?

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Das passiert gelegentlich. Bärlauch kann leicht verwechselt werden mit giftigen Pflanzen, auch mit dem Maiglöckchen. Von der Herbstzeitlosen reicht schon eine kleine Menge als tödliche Dosis aus. Normalerweise lassen sich die Pflanzen sehr gut unterscheiden. Bärlauch hat einen deutlichen Unterschied zwischen Stiel und Blatt, während die Herbstzeitlose keinen Stiel hat. Das Blatt ist von unten bis oben fast gleich breit, verjüngt sich nur oben zur Spitze. Das Maiglöckchen hat einen kurzen Stiel, es wachsen immer zwei Blätter aus einem Stängel. Bärlauchblätter wachsen einzeln, aber in Gruppen. Das Tückische ist, dass die Pflanzen manchmal auch durcheinander wachsen, sodass man es nicht richtig überblicken kann. Deshalb sollte jedes Blatt einzeln geerntet werden und zwar erst dann, wenn es richtig ausgebildet ist.

Bei welchen anderen Pflanzen kommt es häufig zu Vergiftungen?

Im Freiland sind das bei Kindern vor allem Beerensträucher. An der Spitze steht die Eibe mit ihren roten Samen. Die werden von den Kindern am häufigsten gegessen, gefolgt von Liguster, Lampionblume, Kirschlorbeer und Maiglöckchen. Dabei ist der rote Samenmantel der Eibe der einzige Pflanzenbestandteil, der ungiftig ist. Der giftige Kern ist so fest, dass sie ihn nicht aufbeißen können. Daher passiert mit Eibe kaum etwas. Bei den Beeren sind kaum welche dabei, die schlimme Beschwerden machen. Bei den Zimmerpflanzen sind es vor allem Gummibaum und Geldbaum. Die sind nicht giftig, werden aber häufig gegessen. Efeutute oder Ladypalme enthalten Scharfstoffe, die im Mund brennen und Magen-Darm-Beschwerden verursachen können.

27.000 Anrufe hatten Sie 2020 in der Giftnotzentrale. Wer sucht dort Rat?

Die Hälfte sind Privatpersonen, Eltern von Kleinkindern oder zum Beispiel Menschen, die einen Entkalker in den Wasserkocher gegeben und sich mit dem Wasser einen Tee gekocht haben. Etwa 40 Prozent ist medizinisches Personal: Notaufnahmen aus Kliniken, Rettungsdienste. Unsere neun Mitarbeiter beraten sie rund um die Uhr. Wir sind alle Ärzte und Apotheker mit spezieller toxikologischer Ausbildung.

Mit welchen Beschwerden wenden sich die Leute an Sie?

Die meisten Vergiftungen finden zu Hause statt. Bei Erwachsenen sind das zu zwei Dritteln Arzneimittel, meist als Suizidversuch, aber auch in unbeabsichtigter Überdosierung. Das sind meist Schmerztabletten, die die Leber schädigen können. Paracetamolüberdosierungen werden relativ zeitig erkannt und es gibt ein Gegenmittel. Auch der Arbeitsplatz spielt eine Rolle, wenn etwa Havarien eintreten oder Chemikalien nicht richtig angewendet wurden. Bei Kindern ist die Vergiftungsursache meistens ein Unfall. Sie kommen aus Versehen mit einem giftigen Stoff in Berührung oder essen etwas Giftiges. An erster Stelle stehen hier auch die Arzneimittel, danach kommen im Haushalt vorhandene Chemikalien, Putz- und Reinigungsmittel und Kosmetika sowie Pflanzen.

Wie läuft so ein Anruf ab?

Wir fragen einige Informationen ab: Welche Person ist betroffen, wie alt ist sie? Wenn es um Arzneimittel geht, brauchen wir das Körpergewicht. Wir müssen wissen, was verschluckt oder berührt wurde, wie viel und wann etwas aufgenommen wurde, was bisher getan wurde und welche Symptome eingetreten sind. Anhand dieser Informationen schätzen wir die Gefährdung ein. Gerade bei Kindern können wir in vielen Fällen Entwarnung geben oder verweisen auf den Kinderarzt. Die Hälfte ihrer Vergiftungen sind gering. Nur wenn schwerwiegende Symptomen zu erwarten sind, bitten wir die Eltern, den Rettungsdienst zu verständigen.

Kommen auch neue Giftstoffe hinzu?

Ja, wenn Arzneimittel auf den Markt kommen, kommt es mitunter zu Überdosierungen. Dazu finden wir in der Literatur meist wenig. Dann verfolgen wir Fälle nach, in denen wir beraten haben. Wir rufen zum Beispiel in der Klinik an und fragen, wie es dem Patienten geht, wie er behandelt wurde, welche Symptome er entwickelt hat. Das hilft uns bei der weiteren Beratung. Vor einiger Zeit haben wir eine Studie zur Gefahr von Waschmittelpads für Kinder gemacht. Die waschaktiven Substanzen darin sind gegenüber normalen Waschmitteln relativ hochkonzentriert. Für Kinder sind die Pads kaum von Gummibärchen zu unterscheiden. Sie schnappen es sich, stecken es in den Mund und – weg ist es.

Was passiert dann mit dem Kind?

Es reizt, ist aber nicht sehr giftig. Es kann zu Magen- oder Darmbeschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall führen. Gefährlich wird es, wenn die Flüssigkeit ins Auge spritzt.

Was sollten Eltern tun, wenn das Kind ein solches Pad verschluckt hat?

Wichtig ist bei allen schäumenden Substanzen wie Waschmittel, Spülmittel oder Duschbädern, dass kein Erbrechen ausgelöst wird. Dabei könnte Schaum in die Atemwege gelangen und zu einer Lungenentzündung führen. Wir empfehlen die Gabe eines Entschäumers wie Espumisan, Sab Simplex oder Lefax. Das sind frei verkäufliche Mittel, die die Schaumbildung im Magen bremsen. Eltern kennen sie vielleicht, weil sie sie ihren Babys gegen Blähungen verabreichen.

Die hat man meist nicht zu Hause.

Alternativ kann man auch ein Brot mit Butter, Nuss-Nougat-Creme oder Leberwurst geben. Etwas Fettiges hat eine ähnliche Wirkung wie ein Entschäumer.

Was sollte außer dem Entschäumer denn noch in die Hausapotheke?

Kohletabletten empfehlen wir, wenn schwerwiegende Beschwerden zu erwarten sind und der Weg in die Klinik weit ist. Dann sollten die Tabletten im Wasser zerfallen und den Kindern zu trinken gegeben werden. Mit ihrer großen Oberfläche bindet die Kohle im Magen die Giftstoffe. Dadurch können sie gar nicht erst in den Blutkreislauf aufgenommen werden. Aber die Gabe sollte nur auf Anweisung des Giftinformationszentrums erfolgen.

Worauf sollten Eltern aufpassen?

Dass sie alles, was für Kinder gefährlich werden kann, unzugänglich für sie aufbewahren. Aber Kinder werden erfinderisch. Das sollten Erwachsene nicht unterschätzen und Reiniger, vor allem mit ätzenden Substanzen wie Rohrreiniger, wirklich sicher wegschließen. Wenn man bei den Großeltern zu Besuch ist, sollte man auch auf die Tablettenboxen achten. Manchmal legen sie ihre Tabletten zu den Mahlzeiten auf dem Tisch schon bereit. Kinder schnappen die schnell weg und schlucken sie herunter.

Viele schwören auf Milch zum Erbrechen bei Vergiftungen. Ist da was dran?

Wir empfehlen das eher nicht, weil manche fettlösliche Stoffe in der Milch gut gelöst und vom Körper schneller aufgenommen werden können.

Welche Mythen gibt es denn noch?

Dass man ganz viel trinken muss, um das Gift auszuschwemmen. Prinzipiell empfehlen wir schon, etwas nachzutrinken, aber eine Tasse Tee oder ein Glas stilles Wasser reicht völlig aus. Ganz gefährlich wäre, dem Kind Salzwasser zu trinken zu geben. Das kann unter Umständen zu einer Kochsalzvergiftung führen. Dadurch könnte ein Hirnödem entstehen, das zum Tod führen kann. Allerdings kann man sich auch mit Wasser vergiften.

Wie geht das denn?

Unsere Kollegen in Freiburg hatten vor Jahren einen Todesfall. Das war ein Mann, der vermeintlich giftige Pilze gegessen und in kurzer Zeit mehrere Liter Wasser getrunken hatte. Der Körper hatte dann zu wenige Salze im Blut, und der Mann starb am Ende. Das ist tragisch.

Letzte Frage: Warum hat die Giftnotzentrale für Sachsen die Erfurter Vorwahl?

Weil wir seit 1994 für Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zuständig sind. Nachts kann es aber sogar passieren, dass Sie in Freiburg im Breisgau oder in Göttingen herauskommen. Mit den Giftnotzentralen dort haben wir eine Nachtdienstkooperation.

  • Die Giftnotzentrale erreichen Sie unter 0361-730730.

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